"Heroes" mag, was seinen Aufbau und seine Dramaturgie angeht, eine Fortführung von "Low" sein. Stimmung und Ausdruck der beiden "Berlin"-Platten unterscheiden sich allerdings (Das Gerede über die "Trilogie" aus diesen beiden Alben plus "Lodger" kann ich persönlich gar nicht so richtig nachvollziehen, da "Lodger" zwar auch experimentelle Anteile und Brian Eno enthält, ansonsten aber in Montreux aufgenommen wurde und eher eine Sammlung von Songs ist, ohne die konzeptionellen und visionären Implikationen von "Low" und "Heroes"; aber die Menschen mögen Trilogien, siehe "Aller guten Dinge sind 3", Tick, Trick & Track usw.usf.) - "Low" als Antithese zu Bowies Kokain-Exzessen thematisiert Implosion, den Rückzug nach innen und klingt dementsprechend fast kataton (nicht nur auf den Instrumentals, gerade "Sound & Vision" hört sich an, als hätte sich das Leben komplett in die Innenwelt des Künstlers verabschiedet). "Heroes" geht viel mehr nach außen, allerdings ohne deswegen gleich mit der Welt sprechen zu wollen. Eine Platte über Drop-Outs und komische Vögel. Der Protagonist der paranoiden Metropolis-Disco von "Beauty & The Beast" gehört wahrscheinlich zu den Leuten, zu denen man auf dem Tanzboden oder wo auch immer, lieber einen Sicherheitsabstand hält, weil man so ein Zeitbomben-Gefühl bekommen hat. "Sons Of The Silent Age" - Sie sind unter uns, sie haben ihre eigenen Reproduktions- und Lebenszyklen, aber sie bleiben unter sich. Zu "Heroes" selbst schließlich will Bowie von der Beobachtung eines jungen Liebespaares, das sich immer an der Beliner Mauer traf, inspiriert worden sein. Ob das nun so stimmt oder nicht - "Heroes" ist das, wovon oft gesprochen wird, was man aber selten antrifft: DER PERFEKTE SONG. Gebrochenheit, Verzweiflung, Schönheit, Hoffnung und das alles eingebettet in ein Arrangement, daß diese Emotionen spiegelt, trägt und sublimiert. Sowas gibt's nur ein Mal im Leben. Nebenbei: Was soll das ganze trutschige Verzücktsein über DIE DEUTSCHE VERSION des Songs? Da halte ich es doch eher mit Heinz-Rudolf Kunze, der in einem vor Jahrzehnte veröffentlichten, ganz wunderbaren Essay über Bowie sagte, daß dies einer der wenigen Momente wäre, in denen Bowie sich erschreckend unsouverän anhört - außerdem wäre die Übersetzung blöd. Recht so! Ich muß immer an Nicole denken, wie sie 1980 mit "Ein bißchen Frieden" den Grand Prix gewinnt und nach ihrer Krönung das Lied in 3 verschiedenen Sprachen singt. Jede neue Sprache wird mit artigem "Hui, nette Geste!"-Applaus bedacht. Das ist Kitsch und paßt nicht zu Bowie.
"V2-Schneider" hat Vocoder-verfremdete Fantasie-Vocals, aus denen sich erst in der letzten Quasi-Strophe der Titel herausschält - eine Hommage an KRAFTWERKs Florian Schneider, auf einen Marschrhythmus gespielt und dann auch noch die Erwähnung der deutschen Boden-Boden-Rakete aus dem 2. Weltkrieg - naja, Bowie und sein Rumgespiele mit faschistischen Bildern...aber die Musik, der Titel, das Image von KRAFTWERK und die Tatsache, daß Bowie sie als großen Einfluß benannte, sind als Kombination ohne Frage faszinierend, von Bowies konsequent gegen den Strich getutetem Saxophon mal gar nicht zu sprechen.
"Sense Of Doubt" ist neben "Warszawa" der eingängigste von allen Instrumentaltiteln, die Bowie & Eno gemacht haben: 4 chromatisch absteigende Töne, große Räume, ein paar Synthesizer-Flächen - mehr braucht es nicht, um ein hochgradig visuelles, beklemmendes und dystopisches Stück Musik zu erschaffen, das schonmal "Alien" und "Blade Runner" andenkt. Diese Platte gehört, wie man so sagt, in jeden gut sortierten Haushalt.