Kindermörder, Usurpator, Gewaltherrscher und nicht einmal ein echter Jude - gerade durch die Bemühungen der christlichen Historiographie ist König Herodes der Große vor allem als Verbrecher in die Geschichtsbücher eingegangen. Grund genug also den Versuch zu wagen, hinter den um Herodes konstruierten und tradierten Mythos zu blicken. Genau das hat Ute Schall mit ihrer Biografie des Herrschers Herodes den Großen gewagt und zeichnet darin nicht nur die Lebensgeschichte Herodes nach sondern auch dessen Herrschaftsgeschichte, die sich als noch turbulenter präsentiert.
Das antike Israel war schon zu Zeiten der Erben Alexander des Großen ein umstrittenes Stück Land, wenn auch nicht aus religiösen, so doch aus politischen Gründen. Zwischen den Imperien der Ptolemäer und Seleukiden gelegen war Judäa schon damals umkämpft und als Judäa 198 v. Chr. schließlich endgültig den Seleukiden zufiel, sollten sich neue Spannungen auftun als die fortschreitende Hellenisierung der Eliten auf vermehrten Widerstand stieß. Der vom Prediger Mattathias und seinen Söhnen entfachte Aufstand gegen das Regime der Seleukiden sollte schließlich zum Aufstieg der Makkabäer und der Entmachtung der hellenistischen Führungsschicht führen. Begünstigt durch die Krisen des seleukidischen Herrscherhauses sollte es den Makkabäern gelingen ihre Herrschaft zu festigen. Doch erst unter dem jüngsten Sohn Mattathias, Simon, sollte ein erstes Bündnis mit Rom zustandekommen, jener aufstrebenden Großmacht die schon bald für den Untergang der Seleukiden verantwortlich sein sollte. Als General der Armee der Makkabäer sollte auch Herodes Vater Antipater zu hohen Ehren gelangen, obwohl er als Angehöriger des Volks der zwangsbekehrten Edomiter für viele Angehörige der Elite nur ein Jude minderen Ranges bleiben sollte. Dieses Manko sollte schließlich auch Herodes Herrschaft zeitlebens beeinträchtigen und auch durch die Heirat mit einer Prinzessin der Makkabäer (auch als Hasmonäer bezeichnet) sollte es ihm nicht gelingen seine Position essentiell zu stärken.
Herodes Aufstieg sollte schließlich mit dem Ende der Hasmonäerherrschaft seinen Anfang nehmen und durch die Kriegszüge seiner römischen Verbündeten konnte er sich bald genug auch deren Anerkennung verdienen. Pompeius Magnus, Marcus Licinius Crassus und schließlich auch Gaius Julius Cäsar sollten zu den römischen Feldherren gehören die auf Herodes Unterstützung zählen konnten. Herodes Romtreue sollte ihn aber nicht vor territorialen Begehren der Ptolemäer, namentlich Kleopatras, schützen. Obwohl sich Herodes, wohl auch durch seine "Großzügigkeit" was diplomatische Geschenke anbelangt, als Freund Marcus Antonius etablieren konnte, musste er der Ägypterin durchaus einige Zugeständnisse machen. Noch bevor sich die Pattstellung zwischen den römischen Triumvirn zuspitzen sollte fand sich Herodes als Vasall Roms und Nachbar des Ptolemäerreichs zwischen den Fronten wieder und dennoch gelang es ihm die relative Unabhängigkeit Judäas zu sichern als es nicht so unwahrscheinlich erschien dass Kleopatra den kleinen Vasallenstaat ihrem Reich einfach einverleiben könnte.
Dass ein relativ eigenständiges Judäa dem Drang der Großmächte dennoch widerstehen konnte ist nicht zuletzt eben dem in der christlichen Tradition als grausamer Diktator verdammten Herodes zu verdanken. Dem Mann der es sich mit den römischen Machthabern stets zu richten verstand, nach Marcus Antonius Tod in Marcus Agrippa einen neuen Freund gewann und sogar einen seiner Söhne nach diesem benannte, gelang der Spagat einerseits äußere Bedrohungen seiner Herrschaft abzuwenden und sich zugleich gegenüber einer Elite zu behaupten, die sich stets ihren ausgeprägten Wunsch nach einer Rückkehr zum theokratischen Gottesstaat bewahrte. In entsprechendem Licht sollte man daher auch Herodes rigoroses Vorgehen gegen messianische Umtriebe betrachten. So war Herodes also trotz seines späteren Abstumpfens in absolutistischer Gewaltherrschaft zunächst vor allem ein fähiger Diplomat, der es den eigenen Eliten zwar nie recht machen konnte, ohne den das Land aber wohl auch früher oder später den territorialen Gelüsten Roms oder des Ptolemäerreichs zum Opfer gefallen wäre und das hat ihn zum "Großen" gemacht.
Es ist ein von Verdammung relativ befreites Charakterbild dass Ute Schall mit ihrer Biografie Herodes des Großen zeichnet. Ein Bild in dem Herodes nicht einfach zum Bösen abgestempelt wird, sondern als fähiger Außenpolitiker in Erscheinung tritt, wenngleich sich dieser seinen Weg zur Macht und politischen Anerkennung durch äußere Mächte mit unverhohlener Bestechung und Anbiederung erkauft haben zu scheint. In diesem mehr auf Herodes "große" Taten und Herrschaftseigenschaften bezogenen Werk nimmt freilich das Umfeld eine ganz andere Rolle ein, als man es vielleicht aus Geschichtswerken über Rom oder das ptolemäische Ägypten gewohnt ist, ist doch das kleine Judäa hier einmal der Nabel der beschriebenen Welt. Schalls Herodes-Biografie ist dennoch keine Verklärung Herodes, denn sie spart dessen gegen sein Lebensende zunehmend unberechenbareres paranoides Verhalten nicht aus, man sollte die realistischere Einschätzung Herodes Herrschaft daher nicht als Beschönigung abtun, sondern als das sehen was sie ist, das "Große" was er eben erreicht hat, den staatsrechtlichen Erhalt Judäas, während die Region zum Spielball größerer Mächte wurde.
Schalls auf Herodes zugeschnittene Perspektive sorgt jedoch auch für mehr oder weniger unerwartete Parteinahme zu Gunsten Herodes römischer "Freunde" wie Marcus Antonius oder Marcus Agrippa. Denn während sie Antonius eine relativ neutrale wenn nicht gar freundliche Behandlung zuteil werden lässt wird Octavian als späterer Augustus zum Möchtegernmonarchen und erscheint in entsprechend ungünstigen Licht, dessen Avancen sich als Cäsar ansprechen zu lassen sie sogar als ungewöhnlich dahinstellt. Den dritten weniger bedeutsamen Triumvirn Marcus Aemilius Lepidus nennt sie gar nur "Lepidus". Erzählerisch ist Schall ihre Biografie durchgehend gut gelungen. Weder ergeht sie sich in offensiver Quellenkritik, noch in angloamerikanischen Storytelling. Es ist eine Biografie die ohne romanartig nacherzählte Klischees und Episoden oder langwierige Exkurse über die Verfasser der Quellliteratur auskommt. Das mag für manchen Pedanten zwar dann wieder zu wenig sein, aber dem Lesefluss hat es jedenfalls nicht geschadet.
- Resümee -
Ein empfehlenswertes Buch für an der Lebens- und Herrschaftsgeschichte Herodes des Großen Interessierte, das vielleicht auch das Interesse an der Geschichte Israel-Palästinas in dieser Epoche wecken kann, zumal Ute Schall nicht nur Herodes Herrschaft sondern auch die bewegte Vorgeschichte dieser schildert. Liest sich wie eine gute Biografie eben sein soll, bis auf kleinere Formalitäten.