"Cum audisset unter pueros quos in Syrien Herodes rex Iudaeorum intra bimatum iussit interfici filium quoque eius occisum, ait: Melius est Herodis porcum esse quam filium."
(Macrobii, Saturnalia Liber II, 4.11)
Der studierte Altphilologe Michael Grant (1914 - 2004) veröffentlichte sein 16. (von insgesamt über vierzig) Sachbuch "Herod the Great" bereits im Jahre 1971. In seiner deutschsprachigen Ausgabe sollte es jedoch erst im August 1982 und damit einen Monat vor timediver®'s erster Reise nach Israel erscheinen.....
.....und hat auch beinahe drei Jahrzehnte danach seinen Wert als wissenschaftliches Standardwerk bewahren können. In drei Teilen, die jeweils in eine unterschiedliche Anzahl von Kapiteln gegliedert sind, gelingt Grant eine differenzierte Charakterisierung des historisch wohl bedeutensten Herrschers des "Heiligen Landes". Der vornehmlich durch das Mattäusevangelium als Urheber des historisch nicht beweisbaren "Kindermordes von Bethlehem" bekannt gewordene angebliche Tyrann war von seiner Abstammung zur einen Hälfte Idumäer, zur anderen Hälfte Araber. Entgegen den Juden, die ihre Abstammung auf Jakob (Israel) zurückführen, gelten für die Idumäer (Edomiter) dessen - um sein Erstgeborenenrecht betrogener - Bruder Esau und für die Araber Abrahams erster Sohn Ismail als Stammväter. Dennoch war König Herodes von seiner Religion her Jude, von seiner Bildung jedoch Grieche und seinen realpolitischen Zielen her ein Römer. Er herrschte mehr als 36 Jahre über ein Königreich, das kein homogenes ganzes, sondern vielmehr ein Konglomerat ausverschiedenen Ethnien und Religionen war.....
.....nachdem der Hasmonäer Hyrkanos II. zuerst seinen Titel als König, dann auch als Ethnarch verloren hatte, gelangte Herodes als römischer Staatsbeamter in das Amt eines Statthalters von Galiläa und danach von Samaria. Sein Vater Antipater übte das Amt eines Prokurators über Judäa aus. Drei Jahre nach der Vergiftung Antipaters und vier nach der Ermordung Julius Cäsars wird im Jahre 40 v. Chr. die Ernennung des Herodes zum König von Judäa durch den römischen Senat bestätigt. Drei Jahre später heiratet er mit Mariamme nicht nur seine zweite Ehefrau, sondern auch die Enkelin des Hyrkanos und Schwester des Hohen Priesters Aristobulos, der im Folgejahr ermordet wird. Grant beschreibt detailliert wie sich Herodes zwischen Marcus Antonius, der ihm verhassten Kleopatra VII. und Octavian durchlaviert und schließlich auch innenpolitisch seine Macht festigen kann. Herodes erweist sich nicht als zimperlich, als er eine nicht geringe Zahl von Mitgliedern des Sanhedrin hinrichten lässt und dann dieser obersten religiösen jüdischen Instanz alle politischen und justiziellen Befugnisse entzieht. Was die Anzahl seiner (hingerichteten) Ehefrauen und auch Kinder angeht, lässt er einen Heinrich den VIII. Geradezu als Waisenknaben ansehen.....
....und mit dem zunehmenden Hader und Zwist um seine Nachfolge im Kreis seiner (mindestens) acht Ehefrauen und wenigstens 15 Kinder sinkt auch die Achtung, die ihm einst Kaiser Augustus entgegegebracht hatte. Der römische Principes soll diese Zustände mit dem unübersetzbaren Wortspiel, dass er lieber Herodes' Schwein, als sein Sohn sein würde, kommentiert haben (siehe Eingangszitat). Grant bezeichnet diese täglichen Zänkereien mit Augenzwinkern als "nun offen zu Tage tretende Nachteile polygamer Mißstände". Zu den Zwiespälten und Leidenschaften des Herodes gehörten, dass er sich einerseits als großartiger Militär- und Wirtschaftsfachmann, Diplomat und Bauherr und großzügiger Wohltäter (vor allem in Notsituationen) hervortat, andererseits aber auch mit Hilfe seines Geheimdienstes rigoros, brutal und grausam gegen alle vorging, die sich ihm entgegenstellten. Mit machiavellistisch anmutenden Methoden scheint er seiner Zeit weit voraus gewesen zu sein.
Bemerkenswert ist, das er bereits zu seinen Lebzeiten, nicht nur und besonders bei den hellenistischen "Auslandsjuden" einen gewissen Grad an Verehrung genoss und nach seinem Tode von einer nicht geringen Zahl der Pharisäer seine Regierungszeit als "Goldenes Zeitalter" apostrophiert wurde. Zu Ehren des Erbauers des dritten, nach ihm benannten "Herodianischen Tempels" sollten auch in späterer Zeit die Juden in der Diaspora Festlichkeiten abhalten.
Michael Grant zu dem Schluss, dass Herodes' wichtigster Verdienst auf der rationalen Einsicht beruhte, dass nur mit und nicht gegen Rom ein jüdisches Königreich eine Chance hatte. Dies stand jedoch im krassen Gegensatz zu dem ausgeprägten und emotional tief verwurzelten Nationalismus seiner hasmonäischen und anderer Gegner, wie z. B. den Zeloten. Die weitere Geschichte sollte auf grausame Art erweisen, dass die von Herodes erkannte, damalige realpolitische Alternative nicht nationale Unabhängigkeit und Freiheit, sondern Untergang und Verlust der Heimat bedeutete.
Abschließend gibt es einen 37seitige Anhang, mit jeweils einem Stammbaum der Hasmonäer und der Familie von Herodes dem Großen, einer Karte seines Königreiches und seiner Haupstadt Jerusalem, hervorzuheben. Hinzu kommen eine chronologischen Synopse, in der das Lebensalter des Herodes den Ereignissen in Palästina und der Römischen Welt zusammengeführt werden, ein nach Kapiteln gegliedertes Verzeichnis der Quellen und Zitate (Anmerkungen), ein Literaturverzeichnis und ein abschließendes Register. So ganz nebenbei erwähnt Grant auch, das Jesus im galiläischen Nazareth auf die Welt gekommen sei (Seite 45).
5 Amazonsterne für einen spannendes Sachbuch, dass nicht zuletzt auch die Hintergründe und Voraussetzungen, die schließlich zur Entstehung des Christentums führen sollten, einer näheren Betrachtung unterzieht.