Die Jugendbuchabteilung hat für mich keine Anziehungskraft, ebenso wenig die Comicabteilung. Also dauerte es eine Weile, bis ich mich entschloss den in den Himmel gelobten Jugendroman HERO von Perry Moore zu kaufen. Jetzt bin ich vollkommen begeistert. Moore erzählt eine ebenso packende wie berührende Coming off Age und Coming Out Geschichte in einer Welt voller Superhelden.
In gewisser Hinsicht ist Thom Creed wie die meisten Teenager. Er spielt im Basketball Team seiner High School, gibt Nachhilfestunden, hat einen unerreichbaren Schwarm und er hütet Geheimnisse vor seinem Vater - z.B. dass Thoms Schwarm männlich ist oder dass es sein Traum ist in die Superhelden Liga aufgenommen zu werden und die Welt vor Schurken zu beschützen. Beides würde von seinem Vater nicht gut aufgenommen werden. Seit dieser von der Liga verstoßen wurde, ist alles, was mit Superhelden zu tun hat, ein absolutes Tabuthema. Und seine homophoben Bemerkungen musste Thom seit seiner Kindheit mitanhören.
Als Thom beginnt Superkräfte zu entwickeln, weiß er nicht, ob sein größter Traum oder sein größter Albtraum in Erfüllung geht.
Das Superhelden-Setting erfordert die Bereitschaft gewisse Dinge hinzunehmen. Ob gut oder böse, es gibt Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Warum sie diese besitzen oder ob die Fähigkeiten tatsächlich auf diese Art eingesetzt werden würden, steht nicht zur Debatte. Dem Autor geht es um etwas anderes. Als großer Comicfan lehnt Moore sein Universum bewusst an die von Marvel und DC an. Er erzählt darin eine Coming off Age und Coming Out Geschichte, wie er sie gerne als Teenager gelesen hätte. Denn Marvel und DC behandeln ihre wenigen homosexuellen Charaktere schändlich. Das wahre Ausmaß wurde mir erst durch eine Liste auf Moores Homepage bewusst, die die Schicksale sämtlicher homosexueller Superhelden und 'schurken aufzählt. Für Interessierte füge ich den Link im Kommentar an.
HERO auf die Sexualität seines Protagonisten zu reduzieren, wäre aber vollkommen falsch. Sie ist lediglich einer der Elemente, die der Geschichte, insbesondere der Beziehung zwischen Thom und seinem Vater, eine besondere Dynamik verleihen. Schwerer wiegt Thoms geheimer Beitritt zur Superhelden Liga, die das Leben seines Vaters ruiniert hat. Moore schafft es die explosive Mischung aus Liebe, Angst und Ohnmacht packend und glaubwürdig darzustellen. Da Thom ein aktiver Charakter ist, der sein Leben in die Hand nimmt, gleitet die Geschichte nie in eine selbst bemitleidende Nabelschau ab. Stattdessen ladet sein Schicksal zum Mitfiebern und Mitleiden ein. Die Kampfszenen mit der Superhelden Liga sorgen für Action, Thoms Triumphe für Hurah-Momente und bei seinen Niederlagen und Desillusionierungen ruft das Taschentuch.
Ich glaube nicht, dass ich HERO mit dieser Rezension Rechnung getragen habe. Es ist eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe und keineswegs nur für Jugendliche geeignet.