Als Hermann Hesse 1919 zunächst auf einem Bauernhof in Sorengo Unterkunft findet, und ihm Italien und das Tessin durch vorausgegangene Reisen bereits bekannt war, weiss er noch nicht, dass er die zukünftige Hälfte seines Lebens, wenn auch mit Unterbrüchen, im dortigen tessinischen Montagnola leben wird. Nachdem er als gestrandeter Familienvater, gescheiterter Ehemann und abgebrannter Literat sich in einer Krise vorfindet, und in jene Abgeschiedenheit flüchtet, um noch mal neu anzufangen. Seine Frau in der Nervenheilanstalt, seine Kinder bei Bekannten, hinter ihm der 1.Weltkrieg. Ein Lebensabschnitt, der zwar durch eine tiefe Krise durchzogen war, gleichzeitig aber auch eine neue Schaffensperiode einleitete, in der einige der bekanntesten Werke entstanden sind, wie etwa Siddhartha, Der Steppenwolf, oder Klingsor letzter Sommer, das im gleichen Jahr entstanden ist, um nur einige zu nennen.
Regina Bucher, die schon viele Jahre im Tessin / Montagnola lebt, die Leitung des Hermann Hesse Museums in Montagnola inne hat, hat sich viel Mühe mit diesem Band, über das Wandergebiet, bei Lugano, der Collina d'Oro (Goldhügel) gemacht. Ein rundum gelungenes Buch, das Wandern und Hermann Hesse gerne zusammenbringen will, Hesses Leben ist mit dieser Gegend unmittelbar stark verbunden. Unveröffentlichte Fotos, die sie wohl noch vom Sohn Hesses, Heiner Hesse (1909-2003), übernehmen konnte, dürfte Hesse Liebhaber in Versuchung führen hier zuzugreifen. Wir halten eine schöne Komposition von Aquarellen Hesses, aktuellen farbigen und vor allem sehr ansprechenden Fotos aus der erwähnten Gegend in der Hand, bis zu jenen neuen unveröffentlichten SW-Fotos die zumindest mich ganz persönlich gefreut haben, da der Fundus an Hesse-Raritäten heute weitgehend ausgeschöpft ist.
Neun Wanderweg-Möglichkeiten hat uns also die Autorin zusammengestellt, ausgestattet mit anschaulichen Wanderskizzen, in mühevoller Einzelarbeit sind dazu Hesses Betrachtungen, Brief-Auszüge, Gedichte und sonstige nachweisliche Bezüge zusammengetragen, wo sich Hesse dort bewegt und aufgehalten hat. Sämtliche Routen wurden von ihr persönlich begangen und praktischen Tips im Anhang dokumentiert. Wir lesen uns hinein, in eine einmalige Landschaft, ihren Spuren in der Vergangenheit, mit kurzen aber sehr treffenden und sorgfältig recherchierten Textauszügen, (Quellenverzeichnis im Anhang) wo die Eindrücke Hesses und der beschriebenen Wanderroute, besser hätte nicht gemacht werden können. Man wird fast dort noch ein wenig mit Insiderwissen eingeführt, von einer Bürgerin die dort immerhin schon vierzehn Jahre lebt. Ein Buch das sicherlich die Lust an einem Wandergebiet, dieses bekannten Schriftstellers bedient, und gleichzeitig den Bezug von Hesse zur dortigen Landschaft, aber auch seinem schriftstellerischen Schaffen herstellt. Da ich selbst vor Jahren dieses Gebiet für ein paar Tage, auf "den Spuren Hesses" bereiste, fühlte ich mich angenehm an jene Tage erinnert und zu Neuem eingeladen.
Es ist auch eine Annäherung, in das Leben Hesses, welche Menschen ihn umgaben, etwa das Ehepaar Ball, das u. a. in Agnuzzo lebte, (wo erst kürzlich ein Roman zu dieser Freundschaft von Eveline Hasler erschien,
Und werde immer Ihr Freund sein: Hermann Hesse, Emmy Hennings und Hugo Ball), alten Gebäuden, etwa der Casa Camuzzi, in der Hesse immerhin 12 Jahre (1919-1931) lebte, wenn auch mit Unterbrüchen, und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft, der Torre Camuzzi, heute das Hesse-Museum eingemietet ist. Oder, auch alte frühe Gebäude, die mittlerweile abgerissen wurden, wie etwa das Sanatorium in Agra, Friedhöfen, die noch an Menschen erinnern, mit denen Hesse in Kontakt stand. Künstler, Maler, Schriftsteller, Bildhauer, sind es, die Hesse in Montagnola aus unterschiedlichen Hintergründen und Motiven im Tessin aufsuchten, (im zweiten Weltkrieg nicht selten Flüchtende vor dem Naziregime) oder sich mit ihm anfreundeten.
Bucher porträtiert darin so manche Freundschaft, die Hesse gepflegt hat. Es zeigt aber auch alltägliche Verhältnisse wie z.B. zu seinem Nachbarn Luigi Bettosini, einem einfachen Bauern, der in der Betrachtung als "Nachbar Mario" bei Hesse eine Widmung erhalten hat. Oder etwa dem malerischen Ort Carona, der in verschiedenen Zeugnissen Hesses einen würdigen Platz findet, wo er mit seiner zweiten Frau Ruth Wenger, wenn auch nur für kurz verheiratet war. Ein Buch, das von einer Idylle erzählt, wie sie noch jener Schriftsteller erlebt hat, berichtet aber auch von der Zerstörung und dem Verfall jener magischen Orte, oder dem was davon noch übrig geblieben ist, die nicht zuletzt durch die mittlerweile vergangene Zeit bedingt ist, von denen uns ein Hermann Hesse so eindrückliche Beschreibungen vor allem der zwanziger oder dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts geliefert hat. Es erzählt vom Bauboom und Grundstücksverkäufen, die in den sechziger und siebziger Jahren stattfanden, die die dortige Gegend sehr verändert hat. Hesse hat davon, nur einen Teil mitbekommen, seine wehmütige Betroffenheit, lässt die offensichtliche Beeinträchtigung der damaligen Idylle erkennen.
Es ist auch ein Zeitzeugnis, wie die Bevölkerung Montagnolas diesen deutschen Schriftsteller wahrgenommen, oder wie Hesse sich selbst, der Bevölkerung gegenüber gestellt hat. Es ist ein Hinführen, an jene Orte, wo sich der Schriftsteller, oft mit Wasserfarben, einem Zeichenblock, einfachem Proviant und einer Zigarre auf den Weg macht, um die dortige Idylle künstlerisch einzufangen. Das Buch der Autorin ist so detailgetreu wie möglich angelegt, wie es nach dem heutigen Stand des Wissens noch möglich ist, dass man sozusagen auf den "Wanderspuren" von Hermann Hesse nachgehen kann, um etwas von jener Wahlheimat einzuatmen, in der Hesse immerhin die Hälfte seines Lebens von 1919 bis zu seinem Tod 1962 verbracht hat.
Einen Stern Abzug, für die kleinformatige Taschenbuch-Ausgabe, die man hätte grösser gestalten können, in der leider auch vor allem die älteren Fotos von Hesse, im Gegensatz zu den aktuellen, zu klein abgebildet sind und nicht wirklich zur Geltung kommen.
Regina Bucher Jahrgang 1957, hat ursprünglich Sonderpädagogik studiert und war in der Erwachsenenbildung tätig, leitet seit 1998 das Museum Hermann Hesse in Montagnola, wo sie mit ihrer Familie lebt. Sie organisiert seit Jahren Ausstellungen, gibt Vorträge und hat versch. Publikationen und Katalöge zum Leben und Wirken von Hermann Hesse herausgegeben.
Fazit: Ein attraktiver Wanderführer, für eingefleischte Hesse-Liebhaber, oder Menschen, die sich auf die Spurensuche eines Hermann Hesse machen wollen. Literarisch, wandernd, nachsinnend, empfindend und spürend. Nach dem Lesen dieses Buches, was eine gute Einstimmung und Vorbereitung sein kann, möchte man ein paar Tage oder zumindest ein Wochenende im dortigen lieblichen, idyllischen Tessin, mit seinen Kastanienwäldern und Buchenwäldern, Grotti die oft im Wald liegen, seinen Roccolli, jene Türme wo Vögel gefangen wurden oder übrig gebliebenen Zeitzeugen etwa verfallende Mühlen oder Steinhütten, die früher als Vorratskammern der Bauern dienten, verbringen...
Buchers Buch, ist nicht nur eine Liebeserklärung an H. Hesse, sondern auch an das dortige Gebiet, seinen magischen Kraftorten, seinen idyllischen Dörfern, seiner dennoch noch unberührten Natur, das zur Naherholung und Wanderausflügen einlädt...und ein wertvolles Memorandum, auf einen grossen vergangenen deutschen Autor, der dieser süd-schweizerischen Gegend ein Stück Unsterblichkeit, nicht nur durch seine einzigartige Kunst zu Schreiben, eingehaucht hat...
Nachtrag: (5.8.2011)
Ich danke Regina Bucher für das Gespräch und die Auskünfte, die sie mir bereitwillig gab. Ihre Ausführungen haben meine Rezension rundum vervollständigt und ergänzt.