Nach der Lektüre dieses Romans klingt es neckisch, wenn es am Anfang heißt, "jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig." Denn dies ist nicht nur ein Familien- und Entwicklungsroman, sondern auch ein Schlüsselroman, geschrieben vom Sohn der Schriftstellerin Gisela Elsner (Nora), die heute noch eine gewisse anrüchige Bekanntheit genießt, und ihres Mannes Klaus Roehler (Rolf), der auch mit einigen literarischen Erzeugnissen hervorgetreten ist, die aber inzwischen fast ganz vergessen sind. Es geht also ein weiteres Mal um die 68er Generation, speziell diese beiden verbissenen Literaten, und ihre Lieblosigkeit dem gemeinsamen Kind Oskar gegenüber. Es geht aber auch noch um die Großelterngeneration und schließlich geht es dem Verfasser in erster Linie um sich selbst in der Gestalt Roberts, seiner Freunde und seiner ersten Liebe.
Oskar Roehler konnte sich auf die literarischen Produkte, Briefe und persönlichen Dokumente seiner Eltern stützen. Er baut sie so in seinen Text ein, wie es für seine Zwecke günstig erscheint, was nicht selten zu Stilbrüchen führt. So findet man z.B. die aufschlussreiche Erzählung seines Vaters "Der Geburtstag" in erweiterter Form in dem Roman wieder - ungewöhnlich lebendig und atmosphärisch dicht geschildert, was nicht zuletzt auf die Qualität der Vorlage zurückzuführen ist. Wenn wir Oskar Roehler dann alleine sprechen hören, haben wir es zu tun mit einem Gemisch aus tagebuchähnlichen Erinnerungen, zeitlich mehr oder weniger stark gerafft, durchmischt mit atmosphärischen Schilderungen und oft sehr harschen bis zynischen subjektiven Kommentaren - was nicht verwundert angesichts der Verwahrlosung und Vernachlässigung, die er in seiner Kindheit erfuhr. Trägt diese Mischung nicht unbedingt zur literarischen Qualität und Objektivität der Darstellung bei, so bleibt die Geschichte doch immerhin spannend genug, weil die Einzelheiten (kultur)geschichtlich ausreichend interessant sind und weil der Erzähler ein ausgeprägtes Talent für einprägsame visuelle und meist ziemlich krasse Szenen hat - er ist nicht von ungefähr ein bekannter Filmemacher geworden. Roehler stellt also die Figuren aus seiner Erinnerung fertig vor unser inneres Auge, er entwickelt sie nicht, sondern zeigt sie in meist dramatischen oder emotionalen Szenen. Selbst eine Jagd auf Maulwürfe wird noch zum "Krieg" (240), (obwohl nicht einer gefangen wurde), und die überraschend häufig vorkommenden Naturschilderungen geraten zu hymnisch-expressionistischen Naturfeiern.
Die Großelterngeneration hat den Wiederaufbau der Republik nach dem Krieg mit teilweise menschenverachtender Härte betrieben. Das Opfer dieser Härte war ohne Zweifel Nora, die dann auch Rolf mit in ihren Untergang zog. Beide sind in dem Selbstverwirklichungsfuror ihrer Generation wiederum schuld daran, dass ihr Sohn ein "romantischer Faulpelz" wird, immer "verwöhnter und eitler" (312), ein "missgünstiger, selbstbezogener Charakter" (545) usw., der einerseits voller berechtigter Wut auf die Verfehlungen seiner Eltern zurückblickt, aber auch in einer Art Selbsttherapie seine Defekte übertreibt, um sich seiner selbst angesichtig zu werden. Das gelingt ihm nur zum Teil, der Typ und die Lektüre sind nicht unbedingt angenehm. Aber immerhin endet das Buch versöhnlich und nicht ohne Hoffnung.