Am 20. Oktober 2005 starb die Sängerin und Pianistin Shirley Horn an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Magie der Shirley Horn lebte von der Interaktion ihrer Stimme mit ihrem perfekt sensiblen Klavierspiel. Ach ja, diese ihre nackte Stimme, die in perfekter Phrasierung und makelloser Artikulation ein faszinierendes Repertoire interpretierte. Unvergesslich! Auf nahezu jeder ihrer Platten fand sich stets wenigstens ein Stück, das sie neu ins Jazzrepertoire brachte, und man wunderte sich, dass es dort nicht längst war. Ach ja, und da war da doch noch die Langsamkeit. "Langsamkeit" ist ein Wort, auf das man zwangsläufig stößt, wenn man sich mit Shirley Horn und ihrer Musik näher beschäftigt. Horn war eine der größten Balladeninterpretinnen im Jazz. Wo andere in Sümpfen der Langeweile versunken wären, sorgte bei ihr gerade die Langsamkeit für Spannung.
Jetzt also nimmt sich Térez Montcalm der Jazz-Diva an, die sie, neben Anita Baker und Nina Simone (deren "My baby just cares for me" sie kongenial
interpretierte) als ihre größte Inspirationsquelle nennt. Welch ein Vorhaben, welch "wahnsinniges" Selbstbewusstsein, in Schuhe schlüpfen zu wollen, die doch so groß, viel zu groß scheinen. "Es ist nicht einfach, Shirley Horn Tribut zu zollen, weil sie in dem, was sie machte, absolut einzigartig war", hängte Térez Montcalm die Latte selbst ziemlich hoch.
Aber was macht die Kanadierin, die auf ihren beiden vorangegangenen
Alben noch überaus lustvoll mit Elementen von Jazz, Rock, Funk und Chanson jonglierte? Sie, die erst 1994, im Alter von 30 Jahren, mit dem Album
Risque und ihren außergewöhnlichen Interpretationen auf sich aufmerksam machte? Sie, die die Kritiker stets mit Tom Waits, Janis Joplin, Al Jarreau und Rickie Lee Jones verglichen? Als direkte Nachfahrin des französischen Generals Montcalm, der in der Verteidigung Quebecs gegen die Engländer fiel, beweist sie mit diesem ambitionierten Projekt großen Mut. Mit feiner Sensibilität, einer gewissen Kompromisslosigkeit und der für sie so charakteristischen heiser-verrauchten Stimme gelingt es der nie rauchenden Térez tatsächlich, den weltbekannten Songs der Grande Dame des Jazz liebe- und respektvoll Tribut zu zollen, ihnen neuen Glanz zu verleihen und dem faszinierten Hörer eine perfekte "blaue Stunde" zu bescheren.
Dabei brauchte die 48-jährige Montcalm, die sich selbst gerne als "Jazzerin mit Rock-Attitüde" bezeichnet, gerade einmal drei trübe Tage in einem kleinen, isolierten Studio in Connecticut, um das Album aufzunehmen. Jean-Philippe Allard, der in der Vergangenheit auch mehrere Alben Shirley Horns produziert hatte, ließ etliche Songs in nur einem Take aufnehmen. Er beweist hier ein wunderbares Händchen bei der Auswahl der exzellenten Musiker, die er Térez Montcalm an die Seite stellt: "Den Großteil der Musiker lernte ich erst am Tag der ersten Sessions persönlich kennen", erinnert sich die Sängerin. Gil Goldstein spielt das Piano und verantwortet gemeinsam mit der Gitarre spielenden Miss Montcalm auch die, wie ich finde, wirklich genialen Song-Arrangements. Und an den Drums sitzt doch tatsächlich Steve Williams, der 27 Jahre Schlagzeug bei Shirley Horn gespielt hatte und dessen Erfahrung hier tatsächlich hör- und spürbar wird. Doch auch die restlichen Musiker zählen zum Feinsten, was das Fach zu bieten hat: An der Trompete ist Roy Hargrove zu hören, am Tenor-Sax brilliert Ernie Watts, und den Kontrabass zupft Rufus Reid.
Fünf markante Key Tracks haben es mir von den insgesamt zwölf exzellenten Songs besonders angetan:
- Da ist zuerst "Nice 'n' Easy" zu nennen, der Klassiker von Alan und Marilyn Bergman.
- Dann natürlich Leon Russels "A Song For You", wunderbar!
- Michel Legrands Immergrün "One At A Time", hinreißend interpretiert.
- Ein Stück persönlicher Erinnerung ist für mich "How Am I To Know?", ein Lied, zu dem Dorothy Parker den Text schrieb und das man wohl vor allem von Frank Sinatra und Billie Holiday kannte, bevor es Shirley Horn in unnachahmlicher Weise aufnahm.
- Und schließlich: "Isn't It A Pity?", von den Gershwin-Brüdern, habe ich so brillant vorgetragen selten gehört.
"Ich wäre sehr frustriert, nur Rock singen zu dürfen. Um glücklich zu sein, muss ich das Jazz-Repertoire singen", sagt Térez Montcalm. Mit "Here's To You" hat sie es auf großartige Weise verstanden, uns an diesem ihrem Glück teilhaben zu lassen und vielleicht auch geholfen, dass neue Generationen und ein anderes Publikum diese Lieder neu entdecken und lieben. Fünf Sterne und ein vorderer Platz in meinem "All Time Favourite"-Archiv sind der gebührende und verdiente Dank dafür. Experiment gelungen, Shirley Horn lebt! Zwingend empfehlenswert!