Es ist unglaublich, unfassbar - nein, nicht der Zugang zum Tode und zu den Toten, um den es hier geht, sondern dass Clint Eastwood immer noch immer besser wird, wo seine vorangegangenen Werke schon meisterlich waren. Der Meister untertreibt massiv mit seinem Ausspruch: "Ich bin nur ein Typ, der Filme macht." Er hat die Kreisquadratur fertiggebracht, seiner Handschrift treu zu bleiben und doch etwas ganz Neues, Komplexes, aber auch Emotionales zu filmen, mit einem Thema zudem, das auf den ersten Blick nicht zu Eastwood zu passen scheint. Es geht um drei Geschichten: Die Französin Marie (Cécile de France) gerät in Thailand in einen Tsunami und hat eine Nahtoderfahrung. Der kleine Junge Marcus verliert in London seinen Zwillingsbruder durch einen Autounfall (der für ihn auch Ersatzvater und die treibende Kraft in einer nicht einfachen Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter war). In San Francisco möchte sich der grüblerische George (Matt Damon) neu orientieren: Als Kind hatte er selbst eine Nahtoderfahrung, arbeitete später als Medium und empfindet seine Gabe jedoch als Fluch, so dass er den kargen Lohn eines Lagerarbeiters vorzieht (aber bald wegrationalisiert wird, so dass sein Fluchtversuch zunächst gescheitert ist).
Erstaunlich ist, dass Eastwood sich auf das Terrain des Übersinnlichen begibt und es tatsächlich ernst nimmt. George hat WIRKLICH Kontakt zu den Toten, Marie hatte WIRKLICH die Nahtoderfahrung, die ihr Leben verändert, Marcus hat WIRKLICH noch in einer Szene seinen Bruder-Schutzengel aus dem Jenseits. Und doch: Eastwood redet gar nicht der Möglichkeit des Kontakts mit dem Jenseits das Wort wie etwa Robert Wise in "Audrey Rose" (1976). Man muss seine Geschichte wohl metaphorisch deuten. Es geht nicht um die Lebenden und die Toten. Es geht um die Lebenden und die Lebenden. Und es geht, wie so oft bei Eastwood, um Menschen, die einander brauchen. Oftmals leben seine Filme von zwei parallelen und parallelmontierten Handlungssträngen und zwei Hauptpersonen, die sich in Schlüsselszenen nur kurz oder manchmal auch nur fast begegnen (das können Gegner sein wie in "Unforgiven" und "Absolute Power", oder auch gegensätzliche Verbündete wie in "True Crime" und eigentlich auch in "A Perfect World"). Hier haben wir gleich drei! Und drei Hauptpersonen, die Seelenverwandte sind und einander brauchen. Denn soviel steht fest, der Tod ist eine nicht auf die leichte Schulter zu nehmende Angelegenheit, und Eastwood zeigt eindrücklich, dass man Erlösung erlangen muss. Nicht die Sterbenden müssen es, so wie Maggie in "Million Dollar Baby". Sondern die Lebenden müssen es, Eastwoods Film erzählt eigentlich nur vom Leben und nicht vom Tod, und die Erlösung der Lebenden ist alles andere als einfach zu haben. Wieder einmal versagt die Kirche (die dies schon in "Million Dollar Baby" tat und - mit einem versöhnlichen Ende - in "Gran Torino") in einer an sarkastischem Minimalismus und erzählerischer Ökonomik à la Eastwood nicht zu überbietenden Szene: Beim Trauergottesdienst für Marcus' Bruder geht alles sehr schnell zu. Der Pfarrer dreht sich noch einmal dienstbeflissen statt würdevoll um, ob der Orgelspieler auch bereit ist, sagt dann pflichtschuldig seinen Text, um anschließend die Überreichung der Asche zu erläutern und schon nach wenigen Minuten die Nächsten in die Kirche zu lassen, die - möglicherweise - Hindus sind. Die Kirche als Dienstleistungszentrum für Bestattungen aller Religionen im Minutentakt! Es versagen auch die ganzen selbsternannten Scharlatane der Spiritistik. Es scheitert ferner eine sich anbahnende Beziehung zwischen George und Melanie, einer jungen Frau, die offenbar als Kind missbraucht wurde und beim "Hearing" mit George nicht verkraftet, damit konfrontiert zu werden. George ist unerlöst, weil er mit seiner Gabe sein Leben vom Tode bestimmen lässt, Melanie hat sozusagen ihre "Leiche im Keller", Marie muss ihre Erfahrung verarbeiten und jemanden treffen, der sie wirklich versteht, der kleine Marcus muss lernen, seinen toten Bruder loszulassen.
Wie das bei Eastwood so ist, sind die Rollen der Helfenden und der Hilflosen nicht eindeutig verteilt, jeder Hilfsbedürftige kann auch dem Anderen etwas geben, und wer wen rettet, ist nicht ausgemacht. Selbst der scheinbar so verzweifelte Marcus, der immer der passivere der beiden Brüder war, erkennt ganz genau, dass George Marie sucht und gibt ihm einen entscheidenden Tipp. Am Ende, soviel sei angedeutet, wird George erstmals eine Vision haben, die nicht mit dem Tod, sondern mit dem Leben zu tun hat. Und das letzte, was er tut: Er kann jemandem die Hand geben, ohne sofort eine Todesvision zu haben. Er kann jemanden berühren, ohne unangenehm berührt zu sein. Eastwoods humanistisches Anliegen scheint mir generell in der Behauptung zu liegen, dass jeder Mensch etwas zu geben hat, dass auch der scheinbar Hilfsbedürftige den scheinbar Überlegenen "retten" kann (hier ist mein Lieblingsbeispiel immer wieder "True Crime": Ein Mann sitzt in der Todeszelle, ein anderer - von Eastwood selbst gespielt - ist nicht des Lebens bedroht, hat aber ein ungleich verpfuschteres Leben. Man kann sagen, dass sie einander wechselseitig das Leben retten!).
Und dies ist bei Eastwood nicht These, sondern er kann davon ERZÄHLEN, dieser vielleicht letzte große klassische Geschichtenerzähler des US-Kinos. Von der minimalistischen Meisterschaft einer Szene war schon die Rede. Eastwood gelingt es durchgängig, seine teils recht bedrückende Geschichte in ein Schattenreich zu tauchen, in dem (das kennt man vom Regisseur und seinen jahrelang konstanten Kameramännern, seit 2002 Tom Stern) oftmals eine Gesichtshälfte völlig im Dunkeln bleibt. Eine Ausnahme der letzten Jahre bildet der freundliche "Invictus", in dem ebenfalls Matt Damon mitspielte. Um wie viel grüblerischer und nachdenklicher ist er hier! Auch hat ihm die Maske das eine oder andere graue Haar mitgegeben. Man fühlt sich fast an den großen Tim Robbins und seine unendlich tragische Rolle in Eastwoods "Mystic River" erinnert und hätte das Strahlemann Damon ehrlich gesagt kaum zugetraut. Mit einem sicheren Gespür für Atmosphäre und beeindruckenden Kinderdarstellern zeigt Eastwood auch das Leben von Marcus und zunächst noch Bruder Jason in nicht schönen Vierteln von London, und wie das so ist, wenn Kinder viel zu früh die Eltern ihrer Mutter werden müssen, weil diese an der Nadel und an der Flasche hängt (aber von Eastwood mit Sympathie statt Zeigefinger porträtiert wird). Und die ganze Pracht der weltumspannenden Orte sowie ein CGI-Wunderwerk eines Tsunamis verkommen nie zu Ausstellungsstücken. Eastwood lässt nie seine Geschichte und vor allem seine Protagonisten aus dem Blick, widersteht der Versuchung, beim Tsunami aufgrund der Effektmöglichkeiten Marie aus den Augen zu verlieren. Ähnlich bei dem italienischen Kochkurs, bei dem sich Melanie und George kennenlernen: Dieser wird mit eingespielten Opernarien und "Essen mit Maske erkennen" zur sinnlich-erotischen Verlockung, aber die Belastung des Unerlöst-Seins ist sofort spürbar, wenn sich Melanie und George beim Reichen der Probierhappen kurz berühren. Rot ist hier auch das Blut im Sinne der "offenen Wunden", nicht nur der Wein und die Tomaten (dass diese mit riesigen Messern geschnitten werden müssen, die unsere Protagonisten zunächst verwechseln, mag zudem anzeigen, dass sie noch nicht wissen, ob und wie sie einander sezieren sollten bzw. ob und wie sie an ihrer eigenen trügerischen Schutzhülle herumschneiden sollten).
Eastwood hat trotz der spektakulären Eröffnung eigentlich einen (auch in der von ihm selbst komponierten Musik gewohnt) leisen und zurückhaltenden, dafür aber umso eindringlicher den Blick aufs Wesentliche lenkenden Film gemacht. Und, wie gesagt, einen sehr komplexen. Wobei diverse Anspielungen auf Charles Dickens vielleicht ein bißchen hergesucht sind und sich mir noch nicht so recht erschlossen hat, warum das Drehbuch diese so wichtig nimmt, bloß weil der Autor und sein Werk gut zum sinnsuchenden George passen (das täten in dieser Allgemeinheit noch viele andere). Sei's drum, anregend sind die aus Dickens' Werk vorgelesenen Passagen allemal. Wie alles an diesem Film, der den Zuschauer nicht loslässt und noch lange nachwirkt.