Ist es möglich, dass man sich in einem angeblich ach so knochentrockenen Nachschlagewerk festliest und darin rumschmökert, ohne auf die Uhr zu schauen? -- Rhetorische Frage; klar ist das möglich. Nahezu unvermeidlich ist es beim "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" von Lutz Röhrich. Man schlägt es auf, vielleicht, um eine Redensart zu suchen, die einem auf der Zunge liegt und partout nicht rauskommen will ("irgendwas mit 'Ohren'"...); vielleicht will man auch wissen, in welchen Ausdrücken das Schaf vorkommt, vielleicht sucht man ein Synonym zu "Eulen nach Athen tragen", vielleicht will man den Ursprung einer Wendung wissen, die nur noch in übertragener Bedeutung existiert, deren "Bestandteile" sonst nirgends mehr vorkommen -- der Möglichkeiten sind unendlich viele.
Also schlägt man sein Stichwort auf und liest. Und liest, und liest. Die ursprüngliche Frage ist längst beantwortet, aber was gibt es da nicht alles an Zusatzinformation: Zur Entstehung dieser Redensart, zu synonymen (Gleiches bedeutenden) Redensarten (z.B. "Eulen nach Athen tragen" vs. "Wasser in den Rhein gießen"), zu ähnlichen Wendungen in verschiedenen Fremdsprachen (In England trägt man z.B. keine Eulen nach Athen, sondern Kohlen nach Newcastle), und dazu kommen zahlreiche Beispiele, wie diese Wendung im Laufe der Zeit verwendet wurde -- von den Minnesängern (oder noch früher) bis heute. Und dann wird auf ein ähnliches Phänomen verwiesen, und das will man selbstverständlich auch wissen... Und schon ist's passiert: Man schmökert und verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen. Ganz nebenbei schärft sich der Sinn für die Sprache; es wächst das Bewusstsein dafür, wie farbig und aussagekräftig all diese Redensarten doch sind -- und wie prägnant. Klar, man kann auch vollständig auf sie verzichten, kann alles in "klaren Worten" sagen. Nur wirken solche Aussagen langweilig, farblos -- und oft auch weitschweifig, denn der Volksmund, der hier fröhliche Urständ feiert (bitte bei Röhrich nachlesen, was es mir diesen "Urständ" auf sich hat), präzisiert auf diese Weise auch oft, bringt die Sache auf den Punkt (auch über diesen Punkt teilt Röhrich Wissenswertes mit). Und ganz nebenbei sagen diese sprichwörtliche Redensarten vieles über die Mentalität ihrer Sprecher aus; Volkskunde auf die etwas andere Art also.
Die erweiterte Neuauflage von Röhrichs "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" enthält ca. 15.000 Redensarten, und aufgelockert (sofern das überhaupt nötig ist) wird das alles durch über 1000 Abbildungen aus dem Fundus der Bildenden Kunst -- darunter Illustrationen von Hochkarätern wie Breughel, Doré oder Gulbransson, um nur wenige zu nennen.
In der Neuauflage sind viele neue Wendungen hinzugekommen, die es in den allgemeinen Wortschatz geschafft haben, vornehmlich, aber nicht nur aus den Bereichen Sport ("die rote Karte zeigen") und Technik, aber auch aus Jugendsprache, Werbung ("da weiß man, was man hat") und anderen.
Dabei bleibt "der Röhrich" das Standardwerk, als das man es kennt; Eintagsfliegen findet man darin nicht. Für neu hinzugekommene Einträge gilt dasselbe wie für die alteingesessenen: Die Artikel sind stets zuverlässig und ausführlich, weisen auf weiterführende Artikel ebenso hin wie auf weiterführende Fachliteratur. Und dann noch als preiswerte Sonderausgabe -- zugreifen! (oder die gleichnamige CD-ROM wählen -- auch das hat seine Vorteile)
Es lohnt sich auch, Röhrichs Vorwort zu lesen, in dem es zunächst darum geht zu erklären, was mit "sprichwörtlicher Redensart" gemeint ist -- oft genug ist die Grenze zu Zitat, Sprichwort usw. fließend. Interessant zu wissen ist auch, dass es durchaus Unterschiede im Sprachgebrauch gibt zwischen Ost- und Westdeutschland. Gut so -- denn all das beweist, dass die deutsche Sprache nicht so tot ist, wie ihr das Feuilleton in der Sommerloch-Saison regelmäßig nachsagt. Eine Sprache, die sich ändert und sich munter Neues einverleibt, kann so tot nicht sein.
5 Sterne also -- was sonst?!