Ich war auf der Suche nach einem MIDI-Controller für Traktor Scratch, und habe mich schliesslich nach ausführlicher Recherche für diese All-in-one-Lösung entschieden. Folgende Fakten führten zur Kaufentscheidung:
1. Hardware
Dieser Midi-/Audio-Mischer ist komplett in Metall ausgeführt und wiegt auch entsprechend über 3 Kilo. Dies vermittelt einen hochwertigen Eindruck, ebenso die Bedienelemente:
- Zwei Jogwheels in schwerer Ausführung
- 2 Pitch-, 3 Volume- (left/master/right) und ein Crossfader
- zwölf Drehpotis (3fach-EQ, Gain, Cue, Balance, Mic&Headphone Volume)
- 46 Tasten (Start/Stopp/Cue, Pitch Reset, -Bend, Key Lock, Browse, Load, Cue, Killswitches...)
Alle Bedienelemente sind in Kunststoff ausgeführt und machen einen hochwertigen Eindruck. Alle sind über MIDI frei programmierbar.
Die Jogwheels dienen je nach Softwaremodus zur Geschwindigkeitsnachregelung, zum "Scratchen", zum Spulen innerhalb eines Tracks oder zum Scrollen in der Musikkollektion. Sie fühlen sich einfach gut an und sind auch gut eingestellt, man kann sie aber auch durch zwei Schrauben an der Geräteunterseite nach eigenem Geschmack in der Leichtgängigkeit justieren.
Die Fader sind mäßig leichtgängig und könnten etwas länger sein, der Crossfader flutscht hingegen ganz ordentlich, die Pitchregler sind mit einer Nullrastung versehen.
Die Drehregler bieten einen angenehmen Widerstand, lediglich der Kopfhörer-Volumeregler ist zu dicht am Cueregler, was es etwas fummelig macht.
Die Tasten aus Hartplastik wirken anfangs etwas schwergängig und haben ein ziemlich lautes Druckgeräusch, man gewöhnt sich aber schnell daran, etwas fester draufzudrücken. Nur etwa die Hälfte der Tasten sind beleuchtet.
Dies könnte damit zusammen hängen, dass der Mixer seinen Strom komplett über USB bezieht und daher sparsam mit der Energie haushalten muss. Immerhin liefert er zwei verschiedene Audio-Ausgangssignale mit Line-Pegel.
Hierbei kommt das Master-Signal aus Output 1&2, das Kopfhörersignal liegt parallel an der Kopfhörerklinke (2x, Vorderseite und Oberseite) und an Output 3&4 an. Ebenso ist der Mikrofoneingang als Monoklinke doppelt ausgeführt und bietet einen Talkover-Effekt, der allerdings nur in der Treiberkomponente geregelt werden kann.
Die Audioqualität ist einwandfrei, und wenn man einmal in der Software die Masterlautstärke festgelegt hat, sind keine bösen Überraschungen zu befürchten, ausser bei extremen Filter-Exzessen usw.
Sollte die Software aber mal über die Stränge schlagen, ist der Griff schnell zum Mastervolume-Fader, der in der Mitte zwischen den Kanalfadern liegt. Dies ist auch für den tatsächlichen Klubeinsatz gut zu wissen, denn die Konsole liefert neben den Cinchausgängen auf Line-Pegel auch zwei professionelle unsymmetrische Monoklinkenausgänge mit +4dB, die sich direkt an eine PA oder Endstufe anschliessen lassen. Man sollte es also nicht zu gut meinen, denn die Konsole macht schon ordentlich Druck.
Weiterhin gibt es zwei Stereoeingänge mit Line/Phono-Umschalter an der Rückseite und je einem dazugehörigen Eingangssignal-Wahlschalter auf der Oberseite. Somit lassen sich zu den wohl hauptsächlich eingesetzten Musikdateien aus der Software ebenso richtige Schallplatten oder CDs nutzen - die Mischung der Medien ist dabei völlig unproblematisch, die EQs lassen sich dann auch für die analogen Tonquellen nutzen, zur Feinpegelung ist jeweils ein Gainregler vorhanden. Auch an die Erdungen für Plattenspieler wurde gedacht.
Im Lieferumfang ist auch eine hochwertige Tragetasche enthalten, die die Konsole mitsamt der Styroporverpackung aufnimmt und so einen sicheren Transport gewährleistet. Viel mehr passt dann allerdings auch nicht rein, vielleicht noch USB- und Audiokabel.
2. Software
Im Lieferumfang enthalten sind Treiber für Mac und PC sowie eine abgespeckte Version von
Virtual DJ 5. Zu dieser mitgelieferten DJ Software kann ich leider nichts sagen: Da ich glücklicherweise Besitzer von
Native Instruments Traktor Scratch Pro bin, habe ich mir die Installation von Virtual DJ erspart und nur den nötigen Treiber installiert. Dieser stellt eine Audio Device, eine MIDI Device und ein Kontrollpanel zur Verfügung. Ich habe mir die aktuelle Version für Mac von der Hercules-Supportseite geladen, ebenso .TKS und .TSI Files mit der Vorbelegung als MIDI-Steuergerät in der aktuellen Traktor-Software.
Dann habe ich in Traktor die Ein- und Ausgänge zugewiesen und das MIDI-Konfigurationsfile importiert. Die Vorbelegung der Elemente als MIDI-Regler ist sinnvoll und intuitiv, es stehen pro Deck sechs Funktionstasten zur Verfügung, die bei Traktor die Loop- und Cuepoint-Kontrolle übernehmen.
3. Praxiseinsatz
Man kann also sofort loslegen, und das macht richtig Spass! Die vielfältigen Regelmöglichkeiten der Traktor-Software lassen sich alle per MIDI-Zuweisung durch Hardwareregler abbilden (Doppelbelegung: Zweite Ebene über zusätzliches Gedrückthalten der "Scratch"-Taste erreichbar), so dass der Griff zu Mouse oder Keyboard eigentlich völlig entfallen kann. Wer bereits den Umgang mit Audio-Clubmischern gewohnt ist, findet sich auf Anhieb zurecht. Die zusätzlichen "Zauberfeatures" der Software zur Tempoanpassung, Looping etc. ermöglichen ein sauberes Mischen, das sogar "taub" erfolgen kann, d.h. es ist nicht einmal mehr ein Kopfhörer nötig, um die beatgenaue Angleichung und Überblendung zu ermöglichen - etwas Vorwissen und die nötige Übung im Plattenmischen vorausgesetzt.
Natürlich muss man sich nicht dem Diktat der automatschen Tempokontrolle unterwerfen und kann nach wie vor manuell mit Pitchregler und Jogwheels eingreifen, was vor allem bei "untighten" Beats Sinn macht, die noch von Menschenhand eingespielt wurden.
Meine Versuche, die Konsole als reinen Midi-Controller in Verbindung mit Traktor Scratch, Timecode Vinyls und einem externen Mixer zu nutzen, habe ich erstmal wieder aufgegeben, da in der Standardbelegung die Timecode-Vinyls mit der MIDI-Maschine interferieren - es gab nur merkwürdiges Durcheinander. Hier muss ich noch ein wenig Forschungsarbeit betreiben, ich denke aber, da lässt sich auch eine sinnvolle MIDI-Konfigaration zuweisen, die sich nur noch um Loops und Effekte kümmert, und alle Transport- und Tempofunktionen den Timecode-Vinyls überlässt.
Des weiteren habe ich die Konsole versuchsweise als Hauptmischer in Verbindung mit zwei 1210ern und analogem Vinyl genutzt, hier gab es keine Probleme. Links ne Platte, rechts dann das MP3, links MP3, rechts wieder ne Platte usw. Geht fliessend. Nur die Pitcheinstellung könnte für solche Fälle etwas filigraner sein, denn auch hier wird ein Regler in 128 mögliche Standard-MIDI-Werte übersetzt. Der Pitch-Range in der Software (bei Traktor 8,30,50 und 100%) sollte also möglichst klein gewählt werden, um eine feinstmögliche Auflösung der Pitchfader zu erreichen.
Darüberhinaus lässt sich die Konsole mehr oder weniger sinnvoll mit jeder Audiosoftware nutzen, die eine MIDI-Learn-Funktion bietet (z.B. Ableton Live, Logic, Reason etc.). Die Jogwheels kann man sich auch klasse zur Transportbedienung in Videoschnittprogrammen vorstellen.
Zusammengefasste Praxistauglichkeit:
a) Standalone (Nur Laptop + Hercules) *****
b) Zusammen mit analogen Quellen (Phono/CD) ****
c) Mit Timecode-Vinyl am analogen Input (-)[Update: nicht möglich]
d) Als reiner Effektcontroller mit Traktor Scratch und externem Mixer (-)
Die Wertungen für c) und d) werde ich ggf. nachreichen, wenn ich mich mal eingehender damit beschäftigt habe - theoretisch sind diese Settings mit entsprechender Verschaltung und MIDI-Konfiguration durchaus praktikabel.
[Update]
Der Einsatz von Timecode-Vinyl in Traktor Scratch ist derzeit nicht möglich. Diese Beschränkung kommt wohl seitens Hersteller Native Instruments, der eine Nutzung nur für zertifizierte Soundkarten/Mixer vorsieht. Obiges Setup c) fällt also aus.
[/Update]
4. Fazit
Eigentlich wollte ich ja nur einen Controller für die Loops und Effekte sowie die Trackauswahl, um beim Ensatz von Traktor Scratch möglichst gar nicht mehr auf das Keyboard oder die Maus zurückgreifen zu müssen.
Die Universalität und intuitive Steuerbarkeit der Hercules DJ Console RMX hat mich jedoch dermassen begeistert, dass ich erstmals in den 20 Jahren meiner DJ-Karriere ernsthaft darüber nachdenke, völlig auf den Einsatz von Plattenspielern zu verzichten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Traktor Scratch ist eine hochprofessionelle Hard-/Softwarelösung für den Clubeinsatz, die einen fliessenden Wechsel ziwschen analogen Schallplatten und Timecode-Vinyls ermöglicht, und die MP3s sich vom Handling dadurch "wie echte Platten" mit einer Menge Spass bedienen lassen. Die reine Softwarelösung (Traktor
ohne Scratch) bietet die selbe Professionalität, war mir aber immer zu fummelig, und mit Maus und Keyboard will doch kein Mensch auflegen.
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