Franz Walter ist ein fleißiger Schreiber. Allein in den letzten beiden Jahren hat er 6 Bücher mit politikwissenschaftlichen Themen veröffentlicht. Dabei schreibt der Autor mit privat sozialdemokratischem Background auch über andere Parteien als die SPD, auch über das Parteiensystem als solches. Ich habe bisher noch kein Buch von Walter gelesen, dass mir schlecht gemacht vorgekommen wäre. Dies liegt auch daran, dass ihm als Universitätsprofessor eine erkleckliche Schar hilfreicher Geister zur Seite steht.
Beim Verfassen von 'Im Herbst der Volksparteien?' gingen ihm nicht weniger als zwei Dutzend Mitarbeiter zur Hand. Kennzeichen aller Walter-Publikationen ist seine Fähigkeit der pointierten Formulierung und des analytisch-weiten Blicks über die Ereignisse. Das Buch widmet sich '- wie es im Untertitel heißt -' dem "'Aufstieg und Rückgang politischer Massenintegration'" in (West-) Deutschland. Auf nur etwas mehr als 100 Seiten schafft es Walter dem Leser einen zwar nicht detaillierten, aber dafür sorgsam konstruierten Überblick über die Parteipolitik in Deutschland seit dem Kaiserreich zu vermitteln.
Unter dem Titel 'Von der ewigen Verdammnis ließ sich leben' beschreibt er die Integrationsleistung der CDU, die diese Partei in den 50er Jahren so groß machte, die aber in den letzten beiden Jahrzehnten - auch schon unter Kohl -' ihre eigene konservative Klientel gegen sich aufgebracht hat. Nach nur 35 Seiten hat man ein gutes Gefühl dafür gewonnen, was zum Bedeutungsverlust der Union geführt hat. Auch bei seinem Leib- und Magenthema SPD zeichnet Walter wieder hellsichtig das Elend der Sozialdemokratie nach.
Das Buch liest sich "'wie ein Thriller"'. Denn Walter schreibt zwischen wissenschaftlichem Anspruch und populärwissenschaftlicher Vermittlung. Das hat den Vorteil, dass seine griffigen Formulierungen auch von politikwissenschaftlichen Laien verstanden werden können. Über die neue Parteigeneration der der SPD in den 80er/90er Jahren schreibt er etwa: '"Die neue sozialdemokratische Oppositionmentalität war vielmehr provokante Attitüde von wohlstandssozialisierten, akademisch ausgebildeten Kindern der Ära Ludwig Erhards."' (S. 75)
Zum Abschluss geht es noch um die Frage, ob die sog. "'Bürgergesellschaft' eine Alternative zum Parteienstaat'" darstellt. Walter bleibt hier mit guten Gründen skeptisch: '"Die Menschen sind nicht so, dass sie fortwährend mitwirken, teilhaben, partizipieren, sich engagieren und aktivieren wollen. (...') Deshalb suchen Menschen Entlastung, darum haben sie Delegation, Vertretung, Intitutionen, Staatlichkeit und Repräsentanzstrukturen erfunden."' (s. 117) Und darum ist eine Erneuerung des Parteiensystems notwendig.
Das Buch ist 2009 erschienen, da es aber ganz weite Linien in der Entwicklung der Gesellschaft und der Parteien zeichnet, haben seine Erkenntnisse über die wechselnden Tagesereignisse hinweg Bestand.