Huizingas Herbst des Mittelalters ist ein Klassiker der Kulturgeschichte. Der niederländische Historiker lässt vor den Augen des Lesers die Welt des Adels im Burgund und Nordfrankreich des 14. und 15. Jahrhunderts auferstehen. Krieg und Krankheiten, materielle Unsicherheit und der allgegenwärtige Tod prägen den Alltag der Menschen. Der harten Wirklichkeit versuchen sie durch den Traum vom schönen Leben zu entfliehen. In prachtvollen Kunstwerken, religiösen Ritualen und Zeremonien feiern sie das aristokratische Ritterideal das freilich längst zur inhaltsleeren, oberflächlichen Illusion verkommen ist. Das Spätmittelalter erscheint aus Huizingas Sicht nicht als Epoche des Aufbruchs, sondern des Verfalls. Mit seinem Hauptwerk, das kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs erschien, hat der Autor die Kulturgeschichte, wie wir sie heute kennen, mitbegründet. Mag seine Darstellung auch nostalgisch und subjektiv sein, so wirkt der interdisziplinäre Ansatz doch sehr modern. Die farbige, höchst anschauliche Erzählweise macht auch heute noch den Reiz dieses großen Epochenporträts aus.