Aus der Amazon.de-Redaktion
Keine Karajan-Biografie mit Anspruch auf Objektivität kann die unangenehme Nazithematik vermeiden. Richard Osborne widmet sich diesem dunklen Punkt mit besonderer Sorgfalt, indem er sich erfolgreich bemüht, Tatsachen und teilweise haltlose Behauptungen in Medienkampagnen sauber zu trennen. Karajan steht am Ende "sauberer" da, als man erwartet hätte; dabei werden peinliche Details keineswegs verschwiegen, so etwa die Einschreibung des gebürtigen Österreichers an der Universität Wien mit der handschriftlichen Nationalitätsangabe "deutsch-arisch".
Angenehm an Osbornes Karajan-Buch ist, dass trotz des beträchtlichen Umfangs und der Fülle des verarbeiteten Materials nur äußerst selten Langeweile auftritt. Geschickt gewährt der Autor beispielsweise in den Kapiteln über Kindheit und Jugend -- eine ermüdende Durststrecke in vielen biografischen Werken -- im passenden Moment immer wieder Ausblicke auf spätere, interessantere Zeiten. Frappierend ist insgesamt die Souveränität, mit der Osborne sich durch Karajans Leben bewegt. Die über 70 Seiten Quellenangaben am Ende des Buches belegen eindrucksvoll die Herkunft seines umfassenden Wissens: Neben dem Studium von Pressematerial und Biografien anderer Künstler führte Osborne zahllose Gespräche mit Leuten, die "dabei" waren.
Wenngleich Osborne selbst eher als Karajan-Sympathisant bezeichnet werden muss, vermittelt er dem Leser dennoch ein umfassendes Bild auch von den charakterlichen Schwächen des Maestros. Egozentriertheit, Herrschsucht und Größenwahn treten immer wieder offen zu Tage, und mehr zwischen den Zeilen klingt ferner auch manches Überraschende an, so etwa Karajans Leberprobleme und eine gewisse Neigung, Alkohol gegen Stress einzusetzen. Größe und Grenzen, Genialität und plumpe Selbstüberschätzung lagen wohl eng beieinander bei dieser Persönlichkeit, die das Musikleben des 20. Jahrhunderts ohne Zweifel maßgeblich geprägt hat. Ob man ihn nun mag oder nicht -- man wird kaum vorbeikommen an Karajan, und wenn man sich als Klassikliebhaber zur Auseinandersetzung mit diesem Phänomen entschlossen hat, dann bietet Osbornes Buch unverzichtbare Hilfestellung. --Michael Wersin
Pressestimmen
"Ein opulenter und doch nüchterner Blick auf ein Objekt der Verehrung, bei dem jede Randfigur ihre Biografie bekommt." Ljubisa Tosic, Der Standard, 29.06.02 "Keine Heiligsprechung, keine Anklage: In seiner Biografie über Herbert von Karajan nähert sich Richard Osborne vorsichtig dem Dirigenten, seiner politischen Haltung und seinen Allüren." Susanne Kübler, Tages-Anzeiger-Zürich, 28.06.02 "Osborne nimmt das Leben Karajans mit der Genauigkeit und der Distanz eines Historikers unter die Lupe, selbst dann, wenn er von eigenen Begegnungen mit dem dirigierenden Phänomen berichtet. Osborne erzählt nicht chronologisch nach, sondern stellt immer Beziehungen zu späteren Ereignissen her. Zeitsprünge, die die Lektüre spannend machen, den wahren Charakter des scheuen Heribert von Karajan erahnen lassen - mehr als alle Biografien vor ihm." Marianne Reißinger, AZ, 18.08.02