Das war die Kontinuität über ein langes Leben. Der übermässige Bezug auf das Selbst.
Solche Menschen vermögen, bei entsprechendem Können, an grossen Rädern zu drehen.
Karajans Können ist unbestritten, wie immer man zu seinen Interpretationen steht.
Gepaart mit diesem Können schaffte er durch seine Selbstenergie den Weg an die Spitze. Karajan war kein Nazi.Ja, er hat sich der Karriere in die Partei begeben, so wie er der Karriere wegen enge Beziehungen zu Walter Legge pflegte.
Aber sich den Nazis gegenüber auch sperrig gezeigt, wenn er sich in seiner Bedeutung geschmälert sah.
Osborne zeichnet dieses egomanische Leben detailreich nach. Ich kann ihn nicht als Parteigänger ausmachen, sondern als durchaus auch kritischer Interpret dieses " schwierigen" Menschen.
Da bleibt auch keinesfalls unerwähnt, dass es zu einem solchen Typus Mensch gehört,sich bei Mächtigeren einzuschmeicheln ( Richard Strauss zum Beispiel) und sich an Schwächeren auszutoben.
Zugleich ist diese Biographie ein Lehrstück über nicht gelingendes Leben bei allem Erfolg. Immer waren Erfolgen mit Kränkungen, Niederlagen,Kampf verbunden.
Die Schmerzen, die den Dirigenten in den letzten Jahren so quälten waren wohl nicht nur körperlicher Art. Auch dies ein Kontinuum seines Lebens. Wie meinte Anita, seine zweite Frau über ihn.""Egozentrisch, einsam, intolerant und unbestechlich".
Neben der Beschreibung dieses Lebens findet sich viel Information über 70 Jahre mehr oder weniger deutsche Geschichte im Spiegel der Entwicklung einer Person, die den Klassikmarkt beherrschte, wie kaum ein anderer.
Ich stehe dem Musiker Karajan fern, teilweise finde ich seine Interpretation unerträglich, dem Menschen allemal, aber die Biographie von Osborne habe ich mit grossem Interesse gelesen und kann die Lektüre empfehlen; mir ist Karajan durch diese Biographie näher gekommen, ich habe mehr von seiner Komplexität erfasst. Ein Stück europäischer, und auch deutscher Kulturgeschichte.