TÄTOWIERMAGAZIN Dezember 2000
DER TAGESSPIEGEL, Berlin, Dezember 2000
FRITZ Mainz/Wiesbaden, Februar 2001
Tat Chat Tätowiermagazin, Januar 2001
Tatouage Magazine, Januar/Februar 2001
Kurzbeschreibung
Hoffmanns Kundschaft bestand aus Hafenarbeitern und Seefahrern, doch auch einige Prominente aus Kultur und Politik haben sich nach dem Krieg "anonym" von ihm tätowieren lassen. Das Tätowieren, unter den Nazis verfolgt und geächtet, war für Hoffmann immer ein Akt der Freiheit, Selbstbestimmung und Schönheit, weshalb er seinen, auch nach dem Krieg häufig geächteten, Beruf eher als Berufung ansieht: "Jeder Mensch hat seine Fehler", schreibt er im Vorwort, "und wenn dies ein Fehler sein sollte, dann war dies mein schönster Fehler und auch mein liebster Fehler."
Auf mehr als 60 durchweg farbigen, großformatigen Seiten stellt Hoffmann nun seine schönsten Tätowiervorlagen vor. Der Blick in seine Arbeitsmappe ist ein Stück Kulturgeschichte voller Lebensfreude und einer Spur Nostalgie.
Der Verlag über das Buch
Über den Autor
Auszug aus Herbert Hoffmann: Motivtafeln. Hamburger Tätowierungen von 1950 bis 1965 von Oliver Ruts, Andrea Schuler. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Mit Vorbedacht geschah es nicht, daß ich tätowiert sein wollte. Es steckte einfach in mir drin, ganz tief drin, wie eine Erbanlage, wie ein Geburtsfehler. Jeder Mensch hat seine Fehler und wenn dies ein Fehler sein sollte, dann war dies mein schönster Fehler und auch mein liebster Fehler, ein Fehler, den ich nie missen wollte, und der mich durchs ganze Leben erfolgreich begleitet hat. Weiß der Teufel, weiß der Himmel, warum mich Tätowierungen so gebannt und bis zur Besessenheit gefesselt haben?
Als ich 1943 in Stettin einen stark tätowierten Hafenarbeiter arglos fragte, ob er mir sagen könne, wo ich mich tätowieren lassen kann, antwortete er mir: "Ich bin gerade aus dem KZ gekommen, ich will nicht noch einmal dahin!" - So also war im Polizeistaat das Tätowieren und Tätowiertsein geächtet und diskriminiert.
Doch 1950 belam ich endlich meine ersten Tätowierungen mit Handnadeln und wurde mit dem Hautstich bekannt, erkannte sofort auch meine Befähigung dazu und tätowierte sogleich den Straßenkehrer und seine ganze Familie. Als mein Vater entdeckte, daß ich tätowiert bin, bekam ich nicht die erwartete Abreibung, sondern unerwartet große Anerkennung. Er gestand mir, daß er sich zeitlebens nach Tätowierungen gesehnt hatte. Er wäre einer meiner besten Tätowierkunden geworden, wenn er nicht gar zu bald gestorben wäre.
In Bremen, Hamburg und Kopenhagen ließ ich mich weiter tätowieren. Von Tatovör Ole aus Kopenhagen bekam ich dazu meine erste Tätowiermaschine. Fortan zeichnete ich in jeder freien Minute Tätowiermotive. Jeden Tätowierten den ich sah, sprach ich auf der Straße an, ob er noch mehr Tätowierungen haben möchte, und fast alle sagten JA. Während vieler Jahre habe ich als Amateurtätowierer viele, viele Leute unentgeltlich tätowiert und mich mehr und mehr vervollkommnet.
Mein Antrag für eine Gewerbeerlaubnis zum Tätowieren wurde noch 1958 in Düsseldorf mit der Bergründung abgelehnt, daß Tätowieren kein Beruf sei! Daraufhin zog ich 1960 nach Hamburg und eröffnete mein Tätowiergeschäft am Hamburger Berg 8 - eine Nebenstraße der Reeperbahn. Mit dem Namen Tätowierstube wollte ich gemütliche, behagliche, wohnliche Atmosphäre mit persönlicher, freundschaftlicher Vertrautheit kundtun. Meine Kundschaft bestand überwiegend aus Seeleuten, Hafen-, Werft- und Bauarbeitern, die keine eigenen Motivvorstellungen hatten, sondern sich bei mir die Zeichnungen aussuchen wollten. Ich mußte meine Auswahl laufend vergrößern und die Motive ihrem und dem Zeitgeschmack entsprechend ausführen, der noch weitgehend dem der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entsprach. Man kann sagen, daß das damalige Bildgut, das aus den Jahren zwischen 1900 und 1932 stammte, von mir nur ein bißchen präzisiert und modernisiert wurde.
Zwar hatte ich schon eine beträchtliche Auswahl, zum Teil in Mappen und Büchern, die von Hand zu Hand gingen und dabei bald unansehnlich und ramponiert aussahen. Ich begann Tafeln im Format 55x40 cm herzustellen und sie übersichtlich ringsum an den Wänden meines Geschäfts und in den Schaufenstern anzubringen. Ich habe Bild für Bild gezeichnet, erst die Konturen, dann Farbe für Farbe, dazwischen immer die jeweilige Farbe erst trocknen lassen. Als ich sie fertig glaubte, entdeckte ich immer wieder vergessene Stellen, an denen ich nachcolorieren mußte. Da ich lichtechte Plakafarben verwandte, überdeckte diese die Konturen weitgehend. Das erforderte, alle Konturen nachzuziehen, und dann wurden die Schattierungen eingebracht. Nach mehr als dreijähriger Zeichenarbeit hatte ich 44 Blätter gezeichnet, brachte sie zur Buchbinderei und ließ sie dort auf Pappe ziehen und mit Cellophanfolien schützen. Die Wände meines Tätowierraumes wurden vollständig damit bedeckt. Ich atmete - selbstzufrieden mit dem Geschafften - auf.
An etlichen Tafeln fand ich hier und da Mängel und Makel und die anfängliche Zufriedenheit wich einer neuen Herausforderung. So begann ich eine neue Serie zu zeichnen. Inzwischen war Karlmann mein treuer Mitarbeiter geworden. Er war sehr angetan, erst die Motive zeichnerisch zu beherrschen, ehe er sie tätowieren sollte.Diesmal legten wir ein anderes Format zugrunde, nämlich DIN A3. Mit Scribtol zeichnete ich die Konturen auf Transparentbogen. Für meine Tatoofotos hatte ich bereits eine Dunkelkammer mit Fotolabor eingerichtet. Nun fertigten wir einen passenden Belichtungskasten, legten die Motivbogen auf die Mattscheibe, darüber das Agfa Fotokopierpapier und belichteten sie. In einem Entwicklungsbad wurden die Blätter des belichteten Fotokopierpapiers entwickelt, in einem Zwischenbad gewässert, danach in ein Fixierbad gelegt, dann ausgiebig gewässert und schließlich getrocknet.Dann begann wieder die Malarbeit mit den Plakafarben. Gemeinsam ging das viel leichter und schneller!
. Dennoch haben wir zwei Jahre lang Tag für Tag pausenlos gemalt. Nach den Plakafarben wieder die Konturen nachgezogen und wieder schattiert. Wir hatten in unserem Fotolabor vorsorglich je 4 Exemplare hergestellt, aber nur je 2 Exemplare coloriert, einmal für den Tätowierraum, zum Zweiten für die Schaufenster.Es war wirklich eine sehr mühsame, zeitraubende Arbeit, zu der Karlmann und ich sehr viel Geduld aufgebracht haben. - Zu der Zeit gab es noch keine Fotokopiergeräte.
Heute mag man lächeln über das Motivgut, die Herstellung und die primitive Kunst. Doch alles braucht seine Zeit und seine Entwicklung. In der zunehmend schnellebigen Zeit hat sich das Tätowieren in Deutschland und auf dem europäischen Kontinent rasant ausgebreitet, und hochtalentierte Künstler in dieses Metier geführt. Sie haben neue Stilrichtungen entwickelt, manche auch wieder verworfen. Das Verdienst von meinem treuen, ebenfalls tätowierbesessenen Mitarbeiter Karlmann und mir sehe ich darin, daß wir in der damaligen Zeit gegen die seit 1933 aufgebrachten Vorurteile angekämpft haben mit solidem Verhalten und dem Geschäftsgebaren eines ehrbaren Kaufmanns, sowie Wegbereiter waren für die neuen Tätowiergenerationen.
Zufrieden blicken wir auf unser Lebenswerk, freuen uns, daß unsere Saat aufgegangen ist und wünschen, daß viele, viele tüchtige und kunstfertige Tätowierkollegen das Werk weiter ausbauen und weiterentwickeln zur Freude all derer, die - wie einst Karlmann und ich - nichts sehnlicher wünschen, als auch tätowiert zu sein.