Nach dem Erfolg von The Time-Travellers Wife (gutes Buch, böser Film) liegt auf Audrey Niffeneggers zweitem Roman sicherlich nicht nur seitens des höchstbietenden Verlags eine hohe Erwartungshaltung. Ähnlich vielschichtig wie der der in der deutschen Übersetzung leider völlig beiseite gelassene Original-Titel ist die Handlung, die auf den ersten Blick deutlich linearer und einfacher wirkt als die von Time-Travellers Wife ' und tatsächlich versucht sich Niffenegger hier nicht an einem großen Opus durch mehrere Jahrzehnte, sondern erzählt eine bemerkenswert kleine Geschichte, die sich im Groben auf zwei miteinander vernetzte Handlungsstränge verlässt. Da ist zum einen die Nebengeschichte um Martin und Marijke Wells, in der der Zwangsneurotiker und Kreuzworträtselautor Martin, der seine Wohnung kaum verlassen kann, seltsame Ticks aufweist und nahezu lebensunfähig erscheint, von seiner Frau verlassen wird und im Laufe des Romans versucht, diese zurückzugewinnen. Und da ist Robert Fanshawe, der ein Buch über Highgate Cemetery zu schreiben versucht und dort als Touristenführer arbeitet. Seine Liebhaberin Elspeth Noblin, mit deren Krebstod das Buch eröffnet, überlässt ihre Wohnung den beiden Zwillingstöchtern ihrer eigenen Zwillingsschwester Edwina, die ein Jahr in London leben müssen, ohne ihre Eltern in die Wohnung zu lassen, um das Erbe antreten zu können. Was sich anhört wie ein schlechter Boulevardroman mit doppelten Zwillingen ' und was mitunter auch vor allen in der Auflösung hart an der Grenze zur Verwechslungskomödie liegt -, entwickelt sich passend zur Friedhofsstimmung schleichend zum Geisterroman à la Peter Straub. Elspeths Geist, in ihrer Wohnung zunächst hilflos gefangen, erlebt den Einzug der exzentrischen Zwillinge Julia und Valentina mit, entwickelt zunehmend die Fähigkeit, wie ein Poltergeist mit der echten Welt in Kontakt zu treten und schmiedet schließlich mit Robert und den Zwillingen einen Plan, zurück ins Leben zu kommen.
Vieles an dem Buch ist irritierend ' ganz abgesehen von den Steven-Spielberg-Anklängen und der pseudobarocken Stimmung, die das Buch durchzieht, verlässt sich Niffenegger oft auf völlig unrealistische Wendungen und Entwicklungen, die ihren oft kapitelweise brachliegenden Handlungsfluss dann wieder abrupt in Bewegung setzen. Die Beziehung von Julia und Valentina, bereits zu Beginn unrealistisch konstruiert, wird im Verlauf des Buches so zugespitzt, dass der gesunde Menschenverstand beim Lesen des Buches einfach mal draußen bleiben darf, ähnliches gilt für Roberts Verhalten, dessen Romanze mit Valentina bestenfalls wirsch hingeschrieben wirkt. Und dennoch ist das Buch gerade wegen dieser Fehler charmant, es folgt einer traumhaften Unlogik, in der die Charakter wie von unsichtbaren Fäden entlang einem klassischen Gothik-Plot entlanggetrieben werden, mit allen kleinen Tragödien, die dazugehören. Robert neigt von Anfang an dazu, ein ausufernder Mensch zu sein, dessen Friedhof-Buch über 1000 Seiten lang wird, weil er sich in den Leben der Toten immer tiefer verstrickt, deren Biographien zu fesselnd findet, um auch nur eine auszulassen oder zu kürzen ' da ist es doch nicht abwegig, dass dieser Mann sich auch in die jüngere Version seiner toten Liebhaberin verguckt und selbst dann nicht zurückschreckt, als Elspeth und Valentina Pläne schmieden, Valentinas Tod vorzutäuschen. In klassischer, aber sehr kammerspielartig auf nahezu ein Zimmer reduzierter Form, Horrormanier eskaliert Niffenegger die Handlung und je mehr Elspeth ihren geisterhaften Zustand kontrollieren und auf ihre Umwelt einwirken kann, umso mehr wird deutlich, dass dieses Buch kein allzugutes Ende nehmen dürfte.
Audrey Niffenegger gelingt es, mit Charakteren zu hantieren, die im Großen und Ganzen durchweg unsympathisch sind. Julia und Valentina wirken so farblos wie ihre stets weiße Kleidung, Robert ist für eine gewisse Zeit lang ein alter Lüstling, und Elspeth, die stets als unsichtbare Entität im Kern der Handlung steht, ist manipulativ und im weiteren Verlauf des Buches auf eine egoistische Art durchaus auch als böse zu bezeichnen. Einzig Martin, der OCD-Kandidat aus dem oberen Stockwerk, kommt berechenbar paradoxerweise als einzig halbwegs vernünftige Figur über ' tatsächlich wird er umso «normaler», je mehr den anderen Figuren die Normalität entgleitet. Martin, dessen Geschichte Niffenegger so lakonisch wie anrührend erzählt, ist sicher ein Highlight des Romans, auch wenn er gegen Ende unter die Räder des langsam losratternden Geisterzuges gerät und das Denouement seiner ganz eigenen Befreiungsgeschichte überhastet und leider auch etwas berechenbar wirkt, wenn er als Kontrapunkt zum Niedergang der anderen Protagonisten in ein vages Happy End fährt. Robert und Elspeths Geschichte, obwohl beide bekommen, was sie sich am Anfang des Romans zu wünschen glauben, verläuft weniger positiv ' die Beziehung der reinkarnierten Elspeth-in-Valentina ist für Robert nicht zu ertragen. Fast symbolisch befreit er sich mit der Fertigstellung seines Buches aus dem Dschungel der Leben der Verstorbenen und verlässt Elspeth.
In traumartiger Logik führt Niffenegger durch die eben komplett unlogische Handlung, die sich so absurd wie zwingend entfaltet, die durch massives Foreshadowing auch eine fast neurotische Zwangsläufigkeit erhält, die Anklänge von Kafka und Konsorten enthält. Niffenegger spielt nicht gegen die Klischees des Geistergenres an, sondern macht sich die rigide Moral der Geschichten zunutze, um eine moderne Variante zu stricken, die ihre Nähe zu Geschichten wie The Monkey's Paw von William Jacobs kaum verbergen will. Die viktorianische Moral blitzt an allen Ecken und Enden des Buches hindurch ' mit wenigen Ausnahmen werden fast alle Figuren zu Opfern ihres eigenen Wunschstrebens ' und oft liest sich Fearful wie eine durchaus gelungene Variante des magischen Realismus à la Jonathan Carroll, allerdings auf kleiner Bühne gespielt, wo Carroll (leider) inzwischen oft zu theatralisch wird. Denn Niffeneggers Buch lebt nicht von der abstrusen und à priori stets berechenbaren Geschichte, sondern wie bereits ihr Debut von guter Beobachtungsgabe, interessanten Charakteren und der Fähigkeit, das Unmögliche nahezu lapidar und damit greifbar zu Papier zu bringen. Obwohl der Roman durchweg einen leicht surrealen Diane-Arbus-Touch hat, samt einem Friedhof voller Geister, Zwillingen mit gespiegelten Organen, einer abstrus Shakespeare-esque anmutenden Eifersuchts- und Verwechslungsgeschichte, und obwohl es Niffenegger am Ende mit Valentinas Geist auf dem Friedhof leider übertreibt und in Harry-Potter-Gefilde abdriftet, schafft die Autorin es meist, im Orginaltext zumindest, ihre Charakter in all der unglaubwürdigen und abstrusen Geschichte glaubhaft und authentisch wirken zu lassen. Martin dient dabei sicher als Anker in die Realität ' obwohl er dieser am meisten entrückt ist -, aber auch Robert und seine Kollegen wirken sympathisch und «echt» und führen uns so etwas lakonisch durch die Gallerie der Seltsamheiten, die sich im Verlauf des Buches eröffnet. Was schon beim Timetraveller den Kitsch und die Unglaubwürdigkeit in Zaum hielt ' und insofern im Film, der alle sympathischen Details medial verwischen muss, weil er nicht die Zeit und Weite eines Buches hat ' funktioniert auch hier, und man mag Niffenegger wünschen, dass eher ein David Lynch dieses Buch verfilmt.
Als solches ist Her Fearful Symmetry eine Fata Morgana, ein Buch, das so tut, als sei es eine (durchaus mitunter schlechte) Geistergeschichte, das aber realiter eine (durchaus mitunter gute) schwarze Moralgeschichte ist, die sich um Verlust und Liebe dreht und diese Zustände durch ihre surreale Überspitzung zu beleuchten versucht. Fast en passant, verborgen in der Geistergeschichte an der Oberfläche, entspinnt Niffenegger so eine multifacettierte Geschichte um Befreiung und Individualität ' nicht nur in den Konflikten der Zwillingszwillinge Elspeth und Edwina/Julia und Valentina, sondern auch in Robert ' der nicht nur seinem Mammutprojekt, sondern auch der Trauer und der vergorenen Liebe zu Elspeth entkommen muss ' und in Martin, der sich schlichtweg von sich selbst und seiner Wohnung befreit und sich dabei ebenso selbst betrügt (Vitaminpillen') wie alle anderen Protagonisten auch' nur mit mehr Erfolg, vielleicht, weil seine Ziele reiner sind. Alle Figuren sind von Trauer, Schuld, Wut oder anderen Gefühlen gefangen' und selbst wenn es auf tragische Art und Weise passiert, sie alle versuchen sich zu befreien. Die Frage ist eben nur, ob «frei» auch immer «glücklich bedeutet»