Henry ist eine Art Underdog und Superman in einem: Als verwahrlostes Straßenkind in Dublin, dessen Wortschatz lange Zeit nur aus "Verpiss dich" besteht, lernt er schnell die Tricks der Straße und schafft es so, nicht nur selbst zu überleben, sondern auch - zumindest eine gewisse Zeit lang - seinen kleinen Bruder Victor mit durchzufüttern. Dabei hilft ihm, dass er ein Prachtkerl ist, dem weder Hunger, noch Kälte, noch Schläge etwas anhaben können. Fast möchte man sagen "Glückskind", wenn nicht die Umstände - das Elend der verarmten und ausgebeuteten Stadtbevölkerung Dublins in den zwanziger Jahren - alles andere als glücklich wären. Ohne eigentlich politische Ziele zu haben, gerät Henry in die Aufstände der Fenier hinein und macht für den Leser die verworrene Geschichte Irlands lebendig: Wohl jeder weiß, welchen Blutzoll der Nordirlandkonflikt gekostet hat, aber nur wenige können behaupten, den Weg dorthin verstanden zu haben. Nach diesem Buch, das so atemberaubend spannend ist, dass man es kaum beiseite legen kann, versteht man die Zusammenhänge, ohne belehrt worden zu sein: Man hat mit Henry gelitten und geliebt, hat ihn bedauert für das Elend, in dem er aufwachsen musste und verurteilt (oder nicht) für die Grausamkeiten, die er selbst begeht. Henry wurde verglichen mit Oskar Matzerath und hat mit ihm gemeinsam, dass er eine Kunstfigur ist. Anders als Oskar aber hat er die Sympathie des Lesers auf seiner Seite - wenn er an seinem ersten und einzigen Schultag lernt, seinen Namen zu schreiben und nie wieder aufhört, von seiner Lehrerin zu träumen, einer Frau , die ihm schließlich mehr als das Schreiben beibringen wird und die dem Leser mindestens ebenso eindrucksvoll im Gedächtnis bleibt, wie Henry selbst. Von der ersten Seite an wird man gebannt von der kraftvollen wie poetischen Sprache - einer Sprache die bleibende Bilder erzeugt und die eine Geschichte erzählt, obwohl nur einzelne Erlebnisse beschworen werden. Wer Oskar Matzerath ertragen und mit Franz Biberkopf mifühlen kann wird Henry lieben.