Im Unterschied zur Fotografie, die das Thema Akt auch nicht unerwähnt lässt, beeindruckt Matisse, um Emotion und Erfahrung der Begegnung Maler-Modell intensiver nachvollziehbar zu machen, mit überhöhter dynamischer Liniengebung, Farbsättigung, Interieur-Symbolik. Eine Dame sitzt sehr ernst am "schwarzen Tisch" (1919), tiefgründig blickt "Laurette in Grün in rosafarbenem Lehnstuhl" (1917), eine räkelt sich vor drei knallroten Goldfischen (hallo, dreimal Sigmund Freud: Poissons rouges et sculpture, 1912) oder eine andere sehnt sich an der Schwelle zwischen drinnen und draußen, zwischen Sofa und Balkon, mit Blick aufs Meer (Nizza, 1919). Eine sitzt lasziv im Sessel am heißen Ofen (Lithografie: "Akt mit blauem Kissen an einem Kamin", 1925), eine andere windet sich verrenkt, gleitet rückwärts vom Sessel zu Boden (Akt mit Halskette, 1935), andere sieht man beherrscht bei züchtigen Tätigkeiten wie Lesen oder Klavierspielen (1924): Anders als in unseren gegenwärtigen, üblichen Kiosk-Wohnzeitschriften versucht Matisse die Wirkung von beeindruckenden Personen darzustellen, die einen Raum in seiner Atmosphäre erst wirklich erschaffen - zumindest hinsichtlich dessen, was als Erinnerungobjekt in unserem emotionalen Gedächtnis als Spur zurückbleiben wird. Die Fotoserie von Brassai, welche das Modell Wilma Javor 1939 in der Pariser Villa Alesia 1939 zusammen mit dem zeichnenden Matisse ablichtet, versucht einzufangen, was sich perfekt tatsächlich erst erschließt in der Dynamik jener abstrahierten blauen Figur, die, glaube ich, mittlerweile auch Bettwäsche dekorativ ziert (Blauer Akt, 1952). Auf Pralinen-Schachteln sehe man oft ähnliche Bilder, wurde gespöttelt: Dies unterschätzt die massive Farbkraft, mit der Matisse sicherlich jede betuliche Pralinen-Bürgerlichkeit aus dem Weg fegt [noch deutlicher erlebbar, wenn man sich mit seinen Bronze-Skulpturen ("Sich aufrichtender Akt", 1906) oder Zeichnungen ("Die Mulattin", 1938) auseinandersetzt]. Natürlich hat sich die feministische Bewegung ab und zu an der angeblichen männlichen Dominanz erhitzt. Betrachtet man die dargestellten Raum-Atmosphären, würde ich eher von einer weiblichen Dominanz sprechen wollen, das Zeitalter der Minne fällt mir eher ein als jenes von Helmut Newton: Alles in allem ein friedliches Sujet - und zur Entspannung, ja als Bollwerk gegen widerständige Welt wollte Matisse sein Werk auch verstanden wissen. Vom November 2005 bis Mitte Februar 2006 kann man in Düsseldorf, in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, anhand von 25 Plastiken, 80 Zeichnungen und 90 Gemälden (die Buchveröffentlichung ist gleichzeitig Katalog dieser Ausstellung) nachprüfen, wie die Wirkung von Matisse denn nun ist. Die 10 Essays im Buch FIGUR FARBE RAUM sind von bleibendem Wert.