Amerikaner legen sich gerne auf die Couch. So lautete mein klassisches Vorurteil. Sie liegen nicht aus demselben Grund wie ich (die Katze braucht mich als naturbeheizte Unterlage), sondern weil sie ihr Seelenheil einem Psychiater anvertrauen. Irvin Yalom ist einer von diesen Psychiatern, einer mit viel Erfahrung, der in diesem Band über einige extreme Fälle berichtet. So gibt es eine 70jährige, die einer seit acht Jahren verflossenen Liebesepisode nachtrauert, aber seit 20 Jahren in Therapie ist ' und nie einem Therapeuten von dieser Episode erzählt hat. Wie sich herausstellt, unterschlägt sie auch sonst so einiges. Andere Geschichten erzählen von extremen Schuldgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen, unverarbeiteter Trauer, Persönlichkeitsspaltung, immer aber von der Notwendigkeit der Selbsterkenntnis des Patienten.
Yalom beschreibt seine Fälle aus seiner ganz persönlichen Perspektive und lässt dabei seine eigenen Gefühle und Gedanken nicht außen vor. Humorvoll und selbstkritisch zeigt er Fehler auf, die er im Gespräch mit seinen Patienten macht und verschweigt auch nicht, warum es sich dabei um Fehler handelt und wann er Gefahr läuft, seine Patienten zur Selbsttherapie auszunutzen. Seine Innenansichten ermöglichen mir einen Aha-Effekt: Psychiater sind nicht immer verständnisvoll und auch nicht gegen alles gefeit. Denn Yalom denkt recht häufig Dinge wie '"Er/Sie hat WAS getan??'" und es scheint ihm auch öfter mal die Spucke wegzubleiben. Er weist auch auf Missstände hin; beispielsweise wird allen angehenden Psychiatern eingeschärft, nie eine sexuelle Beziehung zu Patienten einzugehen, weil sie großen Schaden anrichten kann. Offensichtlich halten sich aber nicht alle daran' und Yalom entlarvt sarkastisch die Heuchler, die behaupten, einem Patienten so das sexuelle Selbstvertrauen wiederzugeben. Denn offensichtlich brauchen eine solche Spezialbehandlung nur gutaussehende PatientInnen... Yalom lässt den Leser regelrecht an seinen Sitzungen teilhaben und ermöglicht einen gut verständlichen, aufgeschlossenen Einblick in die Psychotherapie.