Mit "Hemmermoor" von Stefan Kiesbye halte ich einen kurzen Roman in meinen Händen, den ich selber in die "Geheimtip"-Kategorie einordnen würde. Mir war der Autor gänzlich unbekannt, und auch beim Stöbern in den Buchläden ist mir dieses Buch nie begegnet. Schade, denn so fiel dieses Schmuckstück erst jetzt in meine Hände.
Der Reihe nach: Nach dem Tod ihrer alten Schul- und Spielkameradin Anke kehrt Christian zur Beerdigung in das Dorf seiner Kindheit zurück: Das abgelegene Hemmersmoor in Norddeutschland. Dort trifft er seine alten Freunde Linde, Martin und Alex wieder. Und man erinnert sich an so einiges...
5 Charaktere (einschließlich Anke), 4 Sichtweisen (Alex erleben wir nicht als Erzähler). Dies prägt das Buch in einen episodenhaften Erzählstil, dessen Abschnitte lose zueinander in Bezug stehen und als Mosaiksteinchen zusammen das Bild einer unglücksseligen Kindheit zeichnen. Die Charaktere tragen ihre Geschichten dabei als "Ich"-Erzähler vor - mitten im Geschehen, aber doch mit einer merkwürdigen Distanziertheit, vielleicht auch, weil man sich nicht wiedererkennen will. Denn das im bezeichnender Weise "Teufelsmoor" gelegene Hemmersmoor ist alles andere als ein freundlicher Ort. Die Handlung spielt kurz nach dem zweiten Weltkrieg und Verrat, Gewalt, Inzest, Mord sowie allerlei andere seelische und körperliche Grausamkeiten bestimmen den Alltag in einer Gemeinde, die von Xenophobie (Wer fremd ist, bleibt fremd...) und Aberglaube zerfressen ist.
Trotzdem hält man in Hemmersmoor zusammen und kehrt das Geschehene immer wieder unter den Teppich. Wer soll auch aufbegehren? Schließlich hat jeder seine eigenen Leichen im Keller. Und da ist da noch etwas anderes, abgelegen hinter der alten Brümmers Fabrik...
Mehr über die Story zu verraten, wäre ein Frevel, denn auf knapp 200 Seiten gibt es ordentlich viel zu ergründen. Das macht Kiesbye gut: Stück für Stück erarbeitet man sich die Beziehung der im Prolog eingeführten Personen untereinander und zu ihren Familien. Dabei weiß man oft nicht, was der Wahrheit entspricht und was der kindlich-naiven Wahrnehmung der Erzähler geschuldet ist. Streifen die Geister, die die kleinen Kinder erblicken, wirklich durch Hemmersmoor? Oder gibt es dafür eine weltliche Erklärung? Der Teufel, Hexen, Irrlichter und Flüche - real oder der Erklärungsversuch eines abergläubischen Geistes der es nicht besser weiß? Das alles spielt keine Rolle, denn im Mittelpunkt stehen die nur all zu realen Handlungen der Menschen.
Fest steht: Die Geschehnisse in Hemmersmoor, obgleich (oder vielleicht gerade deshalb) beunruhigend gleichgültig vorgetragen, können einem den Atem rauben und das ganz ohne feine Darstellungen oder obszöne Umschreibungen. Zartbesaitete Leser könnten daran sicherlich Anstoß erregen. Für den "durchschnittlichen" Leser ist Hemmersmoor aber sowieso nichts: Es gibt keine Detektivarbeit zur Suche des Mörders, es gibt keinen Spannungsbogen, keinen wirklichen Klimax, es gibt nicht einmal einen Protagonisten, der eine Idendifikation erlauben würde. Es gibt nur das Grauen, mal nur angedeutet, mal sehr direkt. Viel überlässt Kiesbye dem Leser und dessen Phantasie - die ja sinnigerweise irgendwo der Meister aller Grausamkeit ist.
Dabei braucht "Hemmersmoor" keinen übernatürlichen Bösewicht, keinen maskierten Buhmann oder andere typische "Erschrecker" - das beschriebene "Grauen" findet Kiesbye mitten zwischen ganz normalen Menschen. Wenn man so will ist Hemmersmoor (dunkle) Phantasie aber nicht Fantasy, Fiktion aber keine "fiction", nicht übernatürlich, aber sicher auch nicht natürlich. Sicherlich mutet das Beschriebene irgendwo unwirklich, übertrieben und "erfunden" an. Aber - und das deutet das Ende des Buches in einer für mich persönlich überwältigenden Moral an - ist das alles tatsächlich unmöglich?
Unter dem Strich haben wir hier kein gewöhnliches Buch, sondern harten Tobak. Das Buch wird einen auch dann noch verfolgen, wenn man die letzte Seite schon lange durch hat. Wir haben keinen gewönlichen Erzählstil, keine Belletristik in den üblichen Mustern. Deswegen werden Leser, die einen fertigen Horrorroman oder einen "Who did it?"-Krimi erwarten, vermutlich eher enttäuscht sein. Leider ist das Buch mit etwa 200 Seiten auch recht kurz gehalten.
Positiv steht für mich allerdings zu Buche, dass das Werk vermutlich auch erfahrene Leser emotional berühren kann, dass es ein interessantes Setting hat (für den deutschen Leser) und eine Moral aufweist, die man so nicht wirklich kommen sieht - und einen schlucken lässt. Jedenfalls ging es mir so.
Warum also "nur" 4/5 Sterne? Am Ende sind lose aneinander gereite Episoden mit schauerlichen Geschichten dann doch kein Meisterwerk - dafür fehlt in meinen Augen einfach der Feinschliff. Etwas, dass den Leser mehr an sich bindet und in die Welt von Hemmersmoor entführt. Dennoch: "Hemmersmoor" ist ein sehr gutes Buch, dem man mit robusten Nerven und einem Faible für den "Horror der Realität" durchaus mal eine Chance geben kann und sollte.
Am Ende noch ein Tipp: Obwohl es im Allgemeinen nie gut ist, vorab zu viel über die Geschichte eines Buches zu wissen, würde ich empfehlen, hier besonders darauf zu achten, nicht zu viele Einzelheiten vorab zu erfahren. Denn wenn man sich auf diese Dinge einstellt und sie erwartet, dann dämpft das den Wirkung am Ende doch leider etwas ab.