Man müßte über die Fleet Foxes wie über das Bouquet eines edlen Weines schreiben, doch am nächsten kommt man der Musik vielleicht, indem man zunächst sagt, nach was die Band nicht klingt: mediokrem Formatradio-Dudelkram und irgendwelcher aufgeblasenen Mainstream-Brüllerei. Zwar ist Spaß ein Gut für sich, doch diese Musik hat mit Spaß sehr wenig zu tun. Sie ist im Gegenteil eine ganz ernst gemeinte Mitteilung aus einer zukünftigen, aber heute bereits absehbaren musikalischen Entwicklung. Damit so etwas wie Science Fiction unplugged.
Die CD steht mit ihrer dicken, auffälligen und westernartigen Schmalseitenbeschriftung selbstbewußter im Regal als alle anderen, auf dem großformatigen Digipack-Cover kreisen einige aquarellblasse Figuren um ein blumiges Zentrum, der CD liegt ein Poster im Beatles-Revolver-Stil bei, der Tonträger selbst ist in einer schlichten, schwarzen und weichen Papphülle untergebracht, die an alte LP-Designs erinnert.
El Vez zitiert direkt, die Fleet Foxes aber klingen nur nach etwas Anderem und erinnern mit den Anklängen an alle möglichen wichtigen Interpreten der neueren Musikgeschichte. Wie bei allen Großen (für mich Zappa, Cale, Reed, Young, Eno usw.) schimmern oftmals Facetten der Musikerkollegen durch.
Ich wollte beim ersten Hören nebenbei die Zeitung durchsehen, mußte sie aus lauter Faszination an dieser zarten Musik allerdings schnell beiseite legen. Und dies obwohl mir Musik nie laut, brachial, schnell, scheppernd und aggressiv genug klingen kann. Ich lauschte also der nach überflogenen Feuilleton-Begeisterungen schnell und auf gut Glück bestellten CD und fand beim ersten Hören der mit ungewöhnlichen Instrumenten (Harpsichord, Mellotron, Marxiphone, Pump Organ etc.) aufgenommenen Musik so viele Anklänge, daß ich mir eine Liste der Sounds erstellen musste. Das Folgende habe ich dann gefunden:
Schnelles Joni-Mitchell-Gitarren-Geschrammel, darüber fragiler Belle-And-Sebastian-artiger Gesang, ein dunkler Klang nach Grunge ohne Verstärker - aber dafür mit Landluft, schwer rummsende Paukenschläge, der mittlere Donovan, Dylaneske Jingle-Jangle-Byrds-Rhythmen, gregorianisch-psychedelische Kirchengesänge, ein Rasenmäher, kaum wahrnehmbares, mittelalterlich anmutendes Mandolinengezupfe, Spinettobertöne, Eulensiegelbilder kamen hierbei auf, der frühe Bowie (Low) kommt durch, auch früh-Floydsche Satzgesänge (als Syd Barrett noch dabei war), ein atavistisch-antiquierter, an Burgfräulein und Minne erinnernder Raum tut sich auf, Ryan Adams kam entlang, die Beatles, Cat Stevens, Genesis-Zwischengeplänkel. All dies wird fragil, milde, ohne Leiden vorgetragen, melancholisch und nicht deprimierend (der Titel lautet ja immerhin "helplessness blues"),intellektuell, dunkel, groß.
Über der anachronistischen Musik liegen Samples: Kutschen klingen an, ein Zug, eine Spieluhr, ein Gefühl wie als Kind in Großmutters Standuhr zu sitzen kommt auf, und dies alles ist souverän gesichtet, vermischt, gestaltet, präsentiert, daß es eine reine Freude ist. Die Instrumente selbst sind kaum zu umreißen, Ziel war offenbar ein höchst ungewöhnliches Klangbild. So enstehen interessante Farbmischungen. Der Gesang bricht überraschend und unvermutet oft schon nach ein, zwei Takten herein, lange Präludien wie bei den Cure sind nicht enthalten. Dies gibt der Musik auch etwas Ungestümes.
Liebe Leser, als Musikbegeisterter habe ich selten so eine großartige Nummer gehört! Die Produktion ist feingezeichnet, hervorragend abgemischt, abgrundtief, dreidimensional. Man muss sich das Ding für den Sommer 2011 bestellen, obwohl es für mich eigentlich eher eine nachdenkliche Wintermusik ist. Die Fleet Foxes werden sich mit ihrem außergewöhnlichen Klang bei mir sehr häufig im CD-Player finden. Ganz große Nummer auch für audiophile Anlagenfreaks.