"Help!" Mit diesem hitverdächtigen Hilferuf schrie sich John Lennon auf dem absoluten Höhepunkt der Beatle-Mania erstmals seine ganz persönliche Emotionalität in einem seiner Songs von der Seele - und genau das ist der Moment, der die besondere Bedeutung dieses Albums im Gesamtwerk der Beatles, und somit auch in der Geschichte der Rockmusik, ausmacht. Dieser Moment ist es, in dem die Band den ersten Schritt vom thematisch und musikalisch leicht verdaulichen, ausschließlich über Melodiösität und Rhythmik kommenden Rock'n'Roll in Richtung einer musikalisch ausdifferenzierteren, textlich persönlicheren und variationsreicheren Musik machte. Der Titelsong hat also ebenso wie das Album, das gleichzeitig Soundtrack zum zweiten Film der Fab4 war, eine exponierte Stellung in der Entwicklung der Band inne, was die Platte zu einem absoluten Pflichtkauf für jeden Freund der Popularmusik macht.
"Help!" geht dabei direkt so richtig ins Ohr. Der kraftvollen Lennon-Nummer folgt eine starke, aber weniger bekannte McCartney-Komposition, "The Night Before". Daraufhin erklingt mit "You've Got to Hide Your Love Away" ein folkiger, von Bob Dylan inspirierter Lennon-Song, der sich in hochsensibler Weise mit der Homosexualität der tragischen Figur Brian Epsteins auseinandersetzt. Mit "I Need You" folgte eine frühe, noch etwas unausgereifte Harrison-Komposition, bevor mit dem coolen "Another Girl" und mit dem schwungvollen "You're Gonna Lose that Girl" zwei absolute Spitzennummern aus der Feder des Duos Lennon/McCartney erklingen. Mit "Ticket to Ride" folgt ein klassischer Top-Hit in typischer Beatles-Manier, bevor Ringo auf dem Cover "Act Naturally" eine mehr als passable Gesangsperformance abliefert. "It's Only Love" ist eine Spitzen-Nummer von John Lennon mit durchaus anspruchsvoller Melodieführung, und "You Like Me Too Much" ist eine schwungvolle und melodiebetonte Harrison-Komposition, die deutlich mehr zu überzeugen weiß als noch "I Need You". "Tell Me What You See" ist da ein eher unauffälligerer Vertreter, "I've Just Seen a Face" hingegen hätte mit seiner zuckersüßen Melodie durchaus Single-Hit-Potential gehabt. Was dann folgt, ist Geschichte: Ich sage nur "Yesterday". Die Coverversion der alten Rock'n'Roll-Nummer "Dizzy Miss Lizzy" bringt dieses Spitzenalbum zu einem mehr als gebührenden Abschluss im guten alten Stil; so wie man die Beatles damals kennen und lieben gelernt hat, mit einem John Lennon in gesanglicher Höchstform. "Help!" ist ein absolutes Weltklasse-Album, sowohl aufgrund der klassischen Rock'n'Roll-Elemente als auch dank der innovativen Kompositionen, mit der die Beatles musikalisches Neuland beschritten und den Grundstein für die drei vielleicht einflussreichsten Rockalben überhaupt legten: "Rubber Soul", "Revolver" und schließlich "Sgt. Pepper". Somit gehört "Help!" für den Musikfreund zum absoluten Pflichtprogramm!
Ergänzung:
Mittlerweile ist der Gesamtkatalog der Beatles im Stereo Remaster neu erschienen. Viele Beatles-Fans haben sich im Zuge dieser Neuveröffentlichung die Frage gestellt, ob ein Nachkauf bereits im Plattenschrank vorhandener Alben lohnenswert ist oder nicht. Ich persönlich war eher zurückhaltend und habe mittlerweile nach und nach vier Alben der neuen Serie erworben, darunter auch "Help!". Mein Fazit zu diesem Thema lautet, dass sich der Nachkauf aufgrund der gestiegenen Dynamik der Aufnahmen durchaus lohnt, doch wer nicht allzu viel investieren möchte, sollte sich auf die späteren Alben (ab "Revolver" oder "Sgt. Pepper") konzentrieren, auf denen die Arrangements der Songs komplexer wurden und sich somit deutlicher heraushören lässt, was die Toningenieure mit ihrem Mehr an klanglicher Transparenz und Power tatsächlich an diesen alten Aufnahmen geleistet haben. Die älteren Alben, wie etwa "Help!", auf denen noch recht überschaubar instrumentierter Gitarren-Beat geboten wird, profitieren aus meiner Sicht in deutlich geringerem Maße hiervon als etwa die Klangkunstwerke "Sgt. Pepper" oder "Magical Mystery Tour".