Helmuth James von Moltke, väterlicherseits aus preußischem Adel, mütterlicherseits aus britisch-südafrikanischem Bürgertum stammend, ist eine faszinierende und auch ein wenig rätselhafte Gestalt der deutschen Geschichte. Hitler-Gegner von Anfang an, scharte er nach Kriegsausbruch Menschen aus unterschiedlichen Lagern im "Kreisauer Kreis" zusammen, um Gedanken für ein Deutschland nach Ende des Dritten Reiches zu entwickeln. Dabei wurde ihm der christliche Glaube immer wichtiger. Er knüpfte Kontakte zu verschiedenen Widerstandskreisen, war aber einem Attentat auf Hitler immer abhold und freute sich, daß er von Freisler nicht für seine Taten, sondern für seine Gedanken zum Tode verurteilt wurde.
Brakelmann konzentriert sich in seiner Darstellung auf diese letzten Jahre Moltkes. Dabei hält er sich stark an die äußeren Fakten und überlieferten Dokumente. Er verzichtet weitgehend darauf, das Denken Moltkes im Zusammenhang darzustellen oder seine Ansichten und Handlungen zu bewerten. Auch mit Erwägungen, welche Bedeutung die Arbeit Moltkes und der Kreisauer für die frühe Bundesrepublik hatte oder heute haben könnte, hält er sich zurück, obwohl das interessant wäre. Aber das läßt dem Leser Raum für eigene Gedanken. Wenn man das Buch gelesen hat, ist man noch nicht fertig mit diesem Mann, dessen hundertster Geburtstag in diesem Jahr viel zu wenig beachtet wurde.
Störend ist wieder einmal die "neue Rechtschreibung", die auch auf die Zitate ausgedehnt wird. M.E. sollte man Briefe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht in diese neue Norm zwängen; leserlicher werden sie dadurch jedenfalls nicht.