Biographien über Politiker sind immer politische Biographien und werden deswegen auch politisch bewertet, d.h. jemand, der Entscheidungen gut findet, will sie auch in einer Biographie verständnisvoll dargestellt wissen u.u.
Wie soll man also überhaupt eine Politiker-Biographie bewerten? Erschwerend kommt hinzu, dass die Entscheidungen, um die Helmut Schmidt und ganz Deutschland am meisten gerungen hat, keineswegs Geschichte sind, denn beispielsweise werden nach wie vor Deutsche von Terroristen entführt und der Staat erpresst.
Wer sich diese Biographie kauft, sollte wissen, dass Michael Schwelien der Politik von Helmut Schmidt vermutlich wohlwollend gegenüber steht. Und viele seiner Entscheidungen kann man nach der Lektüre besser verstehen als erklären - während Gegner sich das Gegenteil wünschen.
Unabhängig von der politischen Position, mit der ich selbst gut leben konnte, die man aber eigentlich nicht bewerten kann, sind mir zwei Stärken aufgefallen: erstens die Erzählweise, zweitens der persönliche Blick auf den Menschen Helmut Schmidt.
Die Erzählweise ist teilweise zwar durch die gewöhnungsbedürftige Chronologie auf den ersten Blick irritierend, weil man am Anfang den Eindruck hat, etwas zu verpassen. Aber letztlich hatte ich den Eindruck, dass wirklich alles, was ich wissen wollte, vorhanden war und alles, was mich nicht interessiert auch nicht vorkam. Da ich politisch nicht besonders interessiert bin und Helmut Schmidt als Person mich sehr fasziniert, passt dieser Eindruck nicht schlecht zu den vorangehenden Rezensionen, denen die Politik etwas zu kurz kamen. Das Buch ist unglaublich gut geschrieben und stellt eine ausgesprochen entspannende Abendlektüre dar.
Die persönliche Sicht kommt sicher nicht zuletzt durch die vielen persönlichen Gespräche zustande, die der Autor mit dem Ehepaar Schmidt führte. Auf diese Weise gelingt ihm ein Portrait, in dem neue Facetten auftauchen und gerade das dürfte eine der Stärken der Biographie sein. Dass Helmut und Loki Schmidt sich im Interview so offen über ihr Leben geäußert haben, liegt sicher nicht zuletzt daran, dass sie ebenso wie der Leser merkten, dass Herr Schwelien sie mit großem Anstand behandelt. Dazu zählt für mich nebenbei bemerkt auch, dass man sehr zurückhaltend mit psychologischen und philosophischen Deutungen ist und versucht, jemanden zunächst einmal beim Wort zu nehmen. Die Gründe für die Entscheidung in der Mogadischu-Entführung werden nicht über Umwege gesucht, sondern zitiert. Schmidt hat eine Reihe von Gründen, mit denen er seine Mitarbeiter von seinem Vorgehen überzeugt hat und die in meinen Augen noch heute wert sind gelesen zu werden - upps, das war jetzt doch politisch, kommt in den besten Familien vor :-)
Aber die vielleicht größte Leistung von Herrn Schwelien bestand für mich darin, wie er die schwierige Balance jeder Biographie gehalten hat einerseits nicht die eigenen Urteile damit zu überfrachten, andererseits nicht die Person zu glorifizieren. Man erhält einen sehr persönlichen Blick auf einen Menschen, der nie viel Persönliches von sich gezeigt hat und kann sich ein eigenes Bild von seinen Entscheidungen machen ohne viele Deutungen vorgelegt zu bekommen. Und das ist wie gesagt in meinen Augen gerade eine Stärke dieser wie auch jeder anderer Biographie.