Kaum ein lebender Politiker polarisierte so wie er. Auf der einen Seite heftige, oft bedingungslose Zustimmung und charismatische Verehrung des hünenhaften schwarzen Christdemokraten, auf der anderen Seite Verachtung ja Hass und Verspottung des hünenhaften schwarzen Christdemokraten. Dessen ungeachtet kam Altbundeskanzler Helmut Kohl in den sechzehn Jahren seiner Kanzlerschaft lange Zeit groß und mächtig daher. Kaum ein Massenmedium der bürgerlichen Mitte, kaum einer derer Redakteure wagte es, ihn und seine Inszenierungen zu kritisieren, mochte man den schwarzen Giganten doch als Interviewpartner nicht verlieren. Helmut Kohl galt andererseits zeitweise als "der Aussitzer". Oft setzte sich seine Karawane unter dem Motto "Weiter so!" danach wieder in behäbige Bewegung. Möchtegern-Putschisten hatten das Nachsehen. Helmut Kohl gilt aber auch als Kanzler der Einheit, vor allem, als er das schmale Zeitfenster zu dieser historischen Chance nutzte. Weitere geschichtliche Bedeutung hat er als Architekt eines neuen Europa, beides große Verdienste, die der Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz mit Recht gebührend hervorhebt. Hierbei verwendet Schwarz bereits im Prolog und in dessen Titel die metaphorische Bezeichnung "Der Riese". Nach diesen weithin kometenhaft aufleuchtenden Glanzpunkten in Kohls Höhenflug kam aber die verlorene Wahl und schließlich der absolute Absturz des Giganten, der eine riesenhafte Schockwelle auslöste: Die CDU-Spendenaffäre und sein Umgang mit ihr brachte das Image des politischen Hünen ins Straucheln, die Berichterstattung mutierte ins Gegenteil, das lang schon mürbe gewordene Tischtuch zwischen ihm und vielen früheren Weggefährten und Getreuen zerriss vollends. Hans-Peter Schwarz nennt die Jahre 2000 und 2001 folglich "Horrorjahre". Heute sitzt Kohl weitgehend abgeschottet in seinem Haus in Oggersheim. Die Deutungshoheit über sein Leben hat er jedenfalls - auch infolge seiner jetzigen Sprachbehinderung - verloren. Sie ist - wen vermag dies zu überraschen - heftig umstritten.
Bei einer Biographie über dieses ehemalige, doch noch lebende politische Schwergewicht gilt es folglich, sine ira et studio vorzugehen, diesen Politiker somit ausgewogen und einigermaßen gerecht darzustellen, Licht und Schatten angemessen auszutarieren. Hans-Peter Schwarz versucht hierbei, nach den Leitlinien "Wahrhaftigkeit, Empathie und zugleich kritische Distanz" (S. 943) vorzugehen. Man kann auch die Frage stellen, ob es nicht zu früh für eine solche Einordnung ist, auf der anderen Seite liegt die Kanzlerschaft vierzehn Jahre zurück. Schwarz hat diese Gesichtspunkte immerhin gebührend reflektiert und kann dies auch treffend bildhaft darlegen: "Gehässigkeiten, Einseitigkeiten und Irrtümer des politischen Tageskampfes liegen ... noch wie Giftgasschwaden über dem Schlachtfeld" (S. 941). Mit einem deutlichen Schwerpunkt auf die Verdienste legt er hier eine umfassende und aktuelle politische Biographie vor, die allerdings eine wohl weniger gut ausfallende Lebensgeschichte mit Blick auf die Kanzlerehefrau und die Kinder nicht so sehr im Fokus hat. So stellt der Verfasser auch klar, dass die Gründe der schweren "Verwerfungen" zwischen den Kindern Kohls und dessen derzeitiger, altersmäßig fast den Kindern gleichen Lebensgefährtin Maike Kohl-Richter "in einer politischen Biographie nicht zu interessieren" haben (S. 920), da die Einschätzung als Ehemann oder Vater eigentlich [!]...ja irrelevant für die Beurteilung staatsmännischer Leistung" sei (S. 923). Dies ist im Kern richtig, doch die äußerst karg ausgefallene Darstellung dieser Dinge, bei der es dazu wie weiter unten näher ausgeführt um Abqualifizierung anderer Bücher geht, wird nicht allen Lesern gefallen. Die Frage sei auch gestattet, weshalb dann die Kindheit und Jugend Kohls ein wenig breiter dargestellt wird, denn erst ab Seite 57 tritt Kohl als Plakatkleber der Jungen Union in erste hauchzarte politische Erscheinung.
Doch von solchen Kleinigkeiten abgesehen stellt Hans-Peter Schwarz die politisch-biographischen Ereignisse als solider Nachkriegszeithistoriker nicht nur fundiert dar, er "betrachtet" sie und vor allem die allgemeinen Zeitumstände nach jedem der sechs Kapitel immer wieder. Darin liegt eine Stärke des Buches. Wie gliedert und akzentuiert Schwarz nun diesen Weg durch die Jahrzehnte? Angefangen von Kohls "Marsch durch die Institutionen", seinem "Erklimmen der Bundesebene", seinem "Fingerhakeln" mit Franz-Josef Strauß und seiner Tätigkeit als "Oppositionsführer", die Schwarz als "kritische Jahre" bezeichnet, stellt er zunächst die Etappen des Aufstiegs dar. Dieser lange Marsch kulminiert zunächst mit der Ablösung des anderen Helmut nach dem Scheitern der sozialliberalen Koalition, der derzeit im krassen Gegensatz zu Helmut Kohl kettenrauchend weit mehr Beachtung als Gegenwartsdeuter und scharfsinniger Analytiker erfährt als zu Zeiten seiner Kanzlerschaft, in der hauptsächlich dessen Scharfzüngigkeit hervorgehoben wurde.
Danach stellt Schwarz den Aufschwung durch das - wie er es nennt - "entspannte kurze Jahrzehnt" der achtziger Jahre dar. Schließlich folgt die "Umbruchsphase" und die neue Chance als "Kanzler der Einheit" ab Dezember 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion und Kohls Rolle in der "Konsolidierung des neuen Europa". In diesen neunziger Jahren erwies sich Kohl als politisches und paneuropäisches Schwergewicht und gestaltete als "europäischer Riese" die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion maßgeblich mit. Somit installierte er aber auch den EURO ohne Rückversicherung, was heute nicht mehr so euphorisch gesehen wird. Ist dies eine Über-Aktualisierung, vor der man sich als Biograph hüten muss? Hans-Peter Schwarz gibt diese derzeitige Dysphorie zu, bringt hierbei allerdings lediglich die banale Selbstverständlichkeit ins Feld, es sei "unfair, ihm allein die Schuld" an der derzeitigen Krise Europas und des EURO-Systems anzulasten (S. 935). Danach stellt er den "Sinkflug" dar, in dessen Verlauf die übliche Inszenierung als "populärer Pascha" nicht mehr verfing, 1998 erfolgte mit der Wahlniederlage schließlich die erste, noch relativ harmlose Bruchlandung im Herbst des Lebens.
Das Aufdecken der Spendenaffäre im Jahr 2000 und der schwarzen Kassen, verbunden mit Korruptionsvorwürfen, ordnet der Biograph deutlich als "eine der ganz großen Affären in der Geschichte der Bundesrepublik" ein, in die sich in ein "raffiniertes Parallelsystem von Konten... neben der offiziellen Buchführung der CDU" auch dunkle Hintermänner im Dunstkreis von Rüstungslobbyismus und Bestechungen mischen, und Kohl sich konsequent weigert, die Spender zu nennen. Schwarz urteilt hier aber auch, dass in der Aufregung um diese Verstöße ein "Element der Künstlichkeit beigemischt" sei, er redet von einer "Pressekampagne", weiter stellt er seine Meinung heraus, dass Kohl zu "dem anrüchigen" Waffenhändler Schreiber nie Kontakt" gehabt habe, dass die Korruptionsvorwürfe gegen Kohl "nicht viel mehr als heiße Luft" seien, desgleichen die Aktenvernichtungsvorwürfe. Verniedlicht er hier oder versucht er, Richtigstellungen zu bringen, die äußerst karg begründet sind? Attestiert er einen Freispruch mangels Beweisen? Man wird sich dessen nicht so recht klar, obwohl hier weit mehr Meinung niedergeschrieben als eine Faktenlage erörtert wird.
Dieses Kentern Kohls war der Moment, an dem Angela Merkel vorpreschte", die von dem Patriarchen nicht mehr als sein Mädsche" abqualifiziert sein mochte, und dies war der letzte Auslöser für den unkittbaren Bruch zwischen Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble, ja für den grandiosen Schiffbruch einer bis dahin mächtigen politischen Größe, der ab da auch in der CDU bleiernes Negativimage anhaftete. Kohls 70sten Geburtstag stellt Schwarz als "psychologischen Tiefpunkt" dar, an dessen Ende der Suizid seiner verlassenen Ehefrau Hannelore steht. Schwarz, der der Auffassung ist, dass es "ganz unzutreffend" sei, "das Leben der Frau an der Seite Helmut Kohls als eine Art Opfergang zu verstehen" (S. 897) stellt hierbei ein weiteres Mal die "ungeheure Willenskraft" des Helmut Kohl in den Fokus.
So stellt der Verfasser - wie zu erwarten - Kohl auch nicht im Keim als selbstsüchtigen Riesen dar, in dessen Garten es kalt blieb, schon gar nicht als Halbgewicht oder Scheinriesen, sondern als politischen Hünen, der allerdings seit 2000 schwer angeschlagen ist. Er distanziert sich deutlich von anderen publizierten Sichtweisen, deren Thematiken allerdings auch nicht den Hauch eines Anspruches haben, Kohls politischen Lebensweg und Lebensleistung - und dies auch noch möglichst objektiv - darzustellen.
So charakterisiert der Autor Peter Kohls Buch über dessen bekannten Vater salopp als "Traumatisierungsstory" (S. 921). Er versäumt es auch nicht, ab Seite 913 auch den Journalisten Heribert Schwan nunmehr namentlich zu erwähnen, der Helmut Kohl ab 1998 an der Abfassung der unvollendeten Memoiren ("Erinnerungen", erschienen 2004 bis 2007) half und nun, nachdem er von Kohl nach der Veröffentlichung eines Enthüllungsbuches über Hannelore Kohl gefeuert worden ist, - aufmunitioniert mit umfangreichen Tonbandaufzeichnungen, Mitschrieben und sogar mit der Kenntnis von 13 Bänden Stasi-Akten - wohl ebenfalls eine Biographie in der Planung hat. Auf dieses Buch "Die Frau an seiner Seite.
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