Hans-Joachim Noack und Wolfram Bickerich präsentieren mit "Helmut Kohl - Die Biographie" pünktlich zum 80sten Geburtstag des Altkanzlers eine kritisch-sachliche, pointierte und zugleich kompakte Auseinandersetzung mit dem Handeln und Schaffen des wichtigsten deutschen Politikers der letzten Jahrzehnte. Die Autoren schaffen dabei das eigentlich Unmögliche: Auf gerade einmal 300 (mit ausgewähltem Bildmaterial aufgelockerten) Seiten zeichnen sie die gut 40 Jahre des politischen Lebensweges Helmut Kohls nach, von den Anfängen als junger Revoluzzer in der CDU bis zu seiner Wahl zum jüngsten Ministerpräsidenten der alten Bundesrepublik, von seinen ersten (unsicheren und wenig erfolgreichen) Bonner Schritten bis hin zum Kanzler der Einheit. Trotz der Kürze der Darstellungen gelingt es den Autoren dabei, nicht nur die wichtigsten Entwicklungen zu referieren, sondern durchaus auch entscheidendere Wegemarken aus der heutigen Perspektive zu bewerten. Besonders interessant wird es vielfach dadurch, dass die Autoren die inzwischen erschienenen Memoiren Helmut Kohls mit herangezogen haben und somit die Sicht des "Elder Statesman" in ihre Bewertungen einfließen lassen.
Aufgrund der knappen und pointierten Darstellungen ist diese Biographie auch für Leser geeignet, die sich ansonsten mit biographischer oder historischer Fachliteratur eher weniger auseinandersetzen. Auf der anderen Seite haben die Autoren auch für mich, der ich mich recht ausführlich mit einschlägigen Veröffentlichungen befaßt habe (z.B. den Kohl Memoiren), einige durchaus interessante neue Aspekte bereitgehalten. An der Lebendigkeit einiger Darstellungen wird deutlich, dass die Autoren weite Abschnitte des Erzählten als politische Journalisten in der Echtzeit begleitet haben.
Ursprünglich bin ich dieser Biographie durchaus kritisch gegenübergetreten. Helmut Kohl ist für mich der Inbegriff meiner eigenen Politisierung: Wahrscheinlich meine erste "politische" Erinnerung ist die an eine Nachrichtensendung im Jahr 1982. Ich selber (im Grundschulalter) reagierte wenig verständnisvoll über den Jubel meiner Eltern über den Regierungswechsel von Schmidt zu Kohl, bedeutete er doch, dass der scheinbar so nette weiß-haarige Opa (Helmut Schmidt) nun nicht mehr im Amt war. Als Oberstufenschüler habe ich dann die Wendezeit 1989/90 erlebt und Kohl 1990 im Bundestagswahlkampf erstmals live erlebt. Die Wahlkämpfe 1994 und auch noch 1998 (wider besseren Wissens) war ich dann selber für Kohl im Wahlkampf aktiv. Insofern bin ich mit einem ziemlich gefestigten eigenen Bild zur Person Helmut Kohls an dieses Buch herangegangen und habe erwartet, dass die beiden Autoren aufgrund ihres beruflichen Hintergrundes (beide sind lange Jahre beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" aktiv gewesen) nun erneut die Gelegenheit ergreifen würden, den Alt-Kanzler mit dem üblichen Spott der Hamburger Magazinmacher zu überziehen. Umso positiver überrascht hat es mich, dass Noack und Bickerich keineswegs langläufig veröffentlichte Meinungen neu aufwärmen, sondern sehr differenziert, die Stärken und Schwächen, die Leistungen und Versäumnisse dieses Vollblutpolitikers darstellen. Besonders gelungen sind dabei die Schilderungen zu den bereits weiter in der Vergangenheit liegenden Zeitabschnitten, z.B. den ersten Schritten auf der Bonner Bühne und zu den Jahren als Bonner Oppositionsführer.
Beiden Autoren gelingt es weitgehend (siehe unten), mit dem Abstand von vielen Jahren die zum jeweiligen Handlungszeitpunkt vorherrschenden subjektiven Eindrücke zu hinterfragen: So werden die ersten Jahre der Regierung Kohl-Genscher nicht - wie häufig sonst ventiliert - als eine Serie von Pleiten und Pannen dargestellt, sondern herausgearbeitet, dass gerade in diesen Jahren auch wichtige Wurzeln für außenpolitische Vertrauensverhältnisse aufgebaut worden sind (z.B. zu Mitterand). Auf der anderen Seite bewerten die Autoren Kohls 10-Punkte-Plan zur deutschen Einheit aus heutiger Sicht deutlich kritischer (nämlich als innen- und außenpolitischen Alleingang mit fragwürdiger Risikoabschätzung) als viele andere Autoren, die hierin eher den Startschuß zur Meinungsführerschaft zu Fragen der deutschen Einheit gesehen haben. Leider verliert sich diese differnzierte Verfasstheit der Darstellungen etwas in den letzten Kapiteln: Die sehr kritische Auseinandersetzung mit den letzten Kanzlerjahren (1994-1998) blendet die politischen Rahmenbedingungen dieser Jahre komplett aus (z.B. die von Oscar Lafontaine organisierten Blockade durch die SPD-Bundesratsmehrheit) und lastet Kohl den Reformstau dieser Jahre allein an. Unerwähnt bleibt, dass selbst die wenigen Reformschritte dann von der rot-grünen Bundesregierung nach 1998 zunächst wieder zurückgenommen werden sind bevor sich erst nach dem Jahrtausendwechsel tatsächlich so etwas wie Reformbereitschaft zumindest in Teilen der Gesellschaft durchgesetzt hat. Die verschleppte und schließlich gescheiterte Nachfolgeregelung Kohls wird richtigerweise kritisch beleuchtet, Kohls Jahre als auf die Tagespolitik der CDU Einfluß nehmender Politrentner und seine Verfehlungen im Rahmen des Parteispendenaffäre dann aber fast schon hysterisch überzeichnet. Hier verfestigt sich beim Lesen der Eindruck, dass der zeitliche Abstand zu diesen Ereignissen noch zu kurz ist, um zu einer weniger emotionalen politischen Einordnung Raum zu geben. Daher bei der Bewertung des Buches aufgrund dieser etwas schwächeren Kapitel ein Stern Abzug.
Interessant waren beim Lesen für mich besonders die Darstellungen des Verhältnis Kohls zu den von ihm entdeckten politischen Talenten (Biedenkopf, Bernhard Vogel, Geissler, von Weizsäcker, Süssmuth, Schäuble, Merkel) und zu den sonstigen wichtigsten Weggefährten (z.B. der Respekt für Brandt, das "Nicht-Verhältnis" zu Schmidt). Besonders der Bruch mit von Weizsäcker gehört zu den am wenigsten verständlichen "Personalentscheidungen" des Altkanzlers, der die Autoren daher zurecht einige Anmerkungen widmen. An einer anderen Stelle bricht dann allerdings doch wieder das "Spiegel-Blut" der beiden Autoren durch: den letzten Ministerpräsidenten der DDR Lothar de Maiziere als "von der Staatssicherheit gelenkt" darzustellen, läßt sich als Behauptung auch dann nicht aufrecht erhalten, wenn man vom Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen gegen den "IM Czerny" überzeugt ist. Hier hätte man sich von Seiten des Verlages eine kritische Einflußnahme auf die Autoren gewünscht.
"Man müsse ihn vielleicht nicht als >Menschen und Machtpolitiker< lieben, für seine Leistungen habe er indessen Bewunderung und Dankbarkeit verdient." Mit diesem etwas verschämt als Zitat maskierten Schlußstatement geben die beiden Autoren eine Bewertung des Altkanzlers ab, die durchaus den differenzierten Charakter Ihrer Biographie widerspiegelt. Zusammenfassend ein gelungene Darstellung des Denken und Handelns sowie der Stärken und Schwächen des Altkanzlers geeignet für eine breite Leserschaft aller politischer Lager.