Der Autor Stephan Berndt hat mit diesem Buch eine Arbeit veröffentlicht, die vielfach durch eine hervorragende Quellen-Basis auffällt. Da der Abschnitt zu den Hellsehern und Astrologen im Dritten Reich der größte ist, konzentriere ich mich als Beispiel ganz auf dieses Kapitel. Und hier hat Berndt wirklich eine Recherche-Arbeit geleistet, die bisher nicht erreicht wurde.
Doch so bemerkenswert gut und lesbar das Buch gegliedert und geschrieben ist: Schon bei den Bemühungen um die Definition von Okkultismus in der Bucheinleitung, DEM zentralen Schlüsselbegriff des Buches, geht der Autor so fahrlässig wie willkürlich vor, dass man schon hier weiß, dass er allem und jedem "Okkultismus" unterstellen will. So zitiert Berndt den Brockhaus mit dessen Okkultismus-Definition, die eigene wird demgegenüber als "Sammelbegriff für die Astrologie und die Hellseherei verwendet, also für Methoden der Zukunftsdeutung, die heutzutage von der Wissenschaft abgelehnt werden".
Das hindert den Autor aber im weiteren Verlauf des Buches nicht daran, zeitgleich auch die gebräuchliche Definition zu benutzen, wo es für ihn vermutlich von Nutzen ist. So z. B. wenn er S. 263 von der Idee des Okkulten schreibt, dass bestimmte Aspekte so geheim seien, dass auch enge Vertrauenspersonen davon nichts wüssten. Sofern sie nicht Eingeweihte sind, möchte ich hinzufügen. Die ist eines der zentralen Merkmale des Okkultismus, welches der Autor erst in der Einleitung übergeht und dann später doch wieder vielfach verwendet.
Zugleich bemerkt Berndt geistreich, dass unsere Zeit eigentlich voll mit Technik sei, die man vor 400 Jahren weder hätte erklären noch verstehen können. Leider entging ihm bei der Bemerkung, dass die Astrologie damals umgekehrt keinesfalls als Okkultismus galt, vielfach wurde sie als Teil der Astronomie gelehrt und praktiziert. Die Astrologie war und ist weder eine Geheimlehre, noch Eingeweihten vorbehalten, auch wenn die englischsprachige Theosophie zwischen 1870 und 1930 bekanntermaßen eine esoterische inspirierte, neuartige Astrologie in ihre Anschauungen integrierte. Der Autor Howe, auf dessen Werk URANIAS KINDER sich Berndt so oft bezieht, bringt genau dies ausdrücklich zur Sprache, wenn er einen Abriss der Astrologie-Geschichte leistet und explizit schreibt (S. 117f.)
VOR 1914 WAREN DIE WENIGEN DEUTSCHEN ASTROLOGEN ENTWEDER THEOSOPHEN ODER OKKULTISTEN ODER BEIDES. SIE BETRACHTETEN DIE ASTROLOGIE ALS EINE ESSENTIELL HERMETISCHE WISSENSCHAFT. DOCH DIE MEISTEN NEWCOMER [der zwanziger Jahre in Deutschland] INTERESSIERTEN SICH WEDER FÜR THEOSOPHIE UND DEREN SPRO? ANTHROPOSOPHIE NOCH FÜR OKKULTISMUS, SONDERN SAHEN IN DER ASTROLOGIE EINE WISSENSCHAFT...[...]
Daher stammt das aktuellste Astrologie-Lexikon folgerichtig von einem Astronomie-Historiker und Universitätslehrer, in einem Wissenschaftsverlag erschienen.
Die wesentlichsten Elemente des modernen Okkultismus, der dem 19. Jh. und vor allem der Theosophie entstammt, ignoriert der Autor damit. Zugunsten eines willkürlichen wie sehr schlichten Okkultismus-Begriffes, bei dem auch das Christentum mit seinem heilsgeschichtlichen Zukunftsplan wie auch den Marxismus mit seinem teleologischen Geschichtsbild der Zukunft dem Okkultismus zugehören würden.
Zugleich wird bei Berndt mit "Okkultismus" eine allmächtige, geheime und alles irgendwie erklärende, wenngleich wiederum nicht fest umrissene, aber jedenfalls gefährliche Kraft angeboten, wenn man dem Buch folgt. Atemlos geht es vielfach um die Frage, ob z. B. Hitler nicht richtiger Okkultist war - so, als ob dies alle ungelöste Fragen lösen und manches mehr erklären würde. So spekuliert der Autor in den letzten Zeilen zum Kapitel Drittes Reich sehr freizügig, wo es um das ungelöste Rätsel mit dem Namen Hitler geht und - nach Autor Stephan Berndt - sogar Hitler-Biograph Fest von einer Art Nichts spreche, dem Hitlers Entschlüsse entsprungen wären. Doch Berndt weiß überraschenderweise, Entschlüsse dieser Art könnten keiner Art Nichts entspringen, wo Hitlers Entschlüsse also her kämen? Das Buch gibt die Antwort...natürlich vom Okkultismus.
Weiter erkennt man sehr oft, wie selektiv der Autor seine Quellen verwendet - und deutet. Ein schönes Beispiel befindet sich auf S. 139, Berndt zitiert:
"Nachdem die Parteiamtliche Prüfungskommision durch einen Führerverfügung [...] eine erweiterte Verbotsfunktion auf dem Gebiet des Schrifttums erhalten hatte, nutzte sie dies sogleich dazu aus, das astrologische Schrifttum zu schützen und bereits erlassene Verbote, die auf unseren Antrag hin vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda ausgesprochen worden waren, wieder aufzuheben."
Berndt meint dazu, der Absatz sei eine Sensation, er würde nicht anderes besagen, als dass Adolf Hitler um die Jahreswende 1940/1941 höchstpersönlich durch eine Führerverfügung dafür sorgte, dass ein Verbot okkulter Literatur (....) von Heß & Co. wieder aufgehoben werden konnte. Doch dies lässt sich schon aus dem abgedruckten Zitat so nicht entnehmen. Das Zitat macht deutlich, dass die Parteiamtliche Prüfungskommission einen Führererlass, der ihr eine erweiterte Verbotsfunktion gegeben hatte, AUCH dafür nutzte, einige Verbote astrologischer Literatur wieder aufzuheben. Dass die Parteiamtliche Prüfungskommision mit dem "Führerstellvertreter" & Hitler-Freund Heß gar nichts zu tun hatte, verschweigt Autor Berndt ganz relaxt...Philipp Bouhler, wäre der passende, aber eben nicht an Hitler nahe genug reichende Name gewesen.
Doch zitiert ja Berndt nicht vollständig, es fehlt ein kleiner Zusatz, den er durch [...] kennzeichnet. Diesen Zusatz habe ich selber online beim Bundesarchiv, Berndt gibt es als Online-Quelle samt Akten-Nr. an, nochmals überprüft. Das Zitat lautet vollständig:
"Nachdem die Parteiamtliche Prüfungskommission durch eine Führerverfügung, die wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem neuen Auftrag der Reichsstelle für das Schul- und Unterrichtsschrifttum steht, eine erweiterte Verbotsfunktion auf dem Gebiet des Schrifttums erhalten hatte, nutzte sie dies sogleich dazu aus, das astrologische Schrifttum zu schützen und bereits erlassene Verbote, die auf unseren Antrag hin vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda ausgesprochen worden waren, wieder aufzuheben."
Mit dem vollständigen Zitat wird klar, dass die sehr gewollte Deutung dieser Zeilen durch den Autor erst recht keinerlei Grundlage gehabt hätte/hat. Hat Berndt deswegen den 2. Teilsatz ausgelassen?
Ein weiteres Beispiel von zahllosen anderen Beispielen dafür, wie der Autor Zitate und Quellen fast beliebig einsetzt, um seinen Okkultismus-Verdacht um fast jeden Preis zu belegen, findet sich auf den S. 213 - 219. Berndt zitiert auf S. 213-214 zunächst einen Historiker, der wiederum aus einem Tagebucheintrag vom 15.4.1945 eines sehr hohen Nazis (von Krosigk) zitiert, welcher von Treffen mit Goebbels berichtet. Goebbels habe Hitler einige Tage zuvor besucht und aus einem Buch vorgelesen, um Hitler angesichts der fast aussichtslosen Lage zu trösten. Der Historiker zitiert von Krosigk weiter:
SIE BESPRACHEN DIE SACHE HIN UND HER UND LIEßEN SICH IM VERLAUFE DER UNTERHALTUNG ZWEI HOROSKOPE KOMMEN, DIE IN EINER VON HITLERS FORSCHUNGSABTEILUNGEN SORGFÄLTIG AUFBEWAHRT WURDEN: DAS AM 30. JANUAR 1933 GESTELLTE HOROSKOP DES FÜHRER UND DAS HOROSKOP DER REPUBLIK, DATIERT 9. NOVEMBER 1918.
Das Zitat geht noch weiter und ist der Aufhänger einer seitenlangen Spekulation des Autors zum Okkultismus Hitlers, seiner Astrologie-Nähe und möglichen supergeheimen, persönlichen Astrologen Hitlers. Diese Spekulation wird als "Beweis" offeriert, auf Basis von Wort-Deutungen und Schlussfolgerungen wie Verdrehungen der zitierten Zeilen.
S. 218 endlich zitiert Berndt aus einem Tagebuch-Eintrag Goebbels vom 30.3. 1945 zum gleichen Thema:
MIR WIRD UMFANGREICHES MATERIAL ZUR EINLEITUNG EINER ASTROLOGISCHEN ODER SPIRITISTISCHEN PROPAGANDA VORGELEGT, UNTER ANDEREM AUCH DAS SOGENANNTE HOROSKOP DER DEUTSCHEN REPUBLIK VOM 9. NOVEMBER 1918, WIE AUCH DAS HOROSKOP DES FÜHRERS. BEIDE HOROSKOPE STIMMEN IN FRAPPIERENDER WEISE ÜBEREIN.ICH KANN VERSTEHEN; DASS DER FÜHRER DIE BESCHÄFTIGUNG MIT SOLCHEN UNKONTROLLIERBAREN DINGEN VERBOTEN HAT.
Ellic Howe, aus dessen Buch URANIAS KINDER der Autor öfter zitiert und auf den er sich häufig bezieht, bringt die beiden Zitate in der zeitlich richtigen Reihenfolge, erst Goebbels Eintrag vom 30.3.1945, dann den Tagebuch-Eintrag von Krosigks vom 15.4. Howe wie Berndt erkennen, dass die Notiz vom 30.3. die gleichen Horoskope meint, wie die Tagebuch-Notiz vom 15.4.1945. Berndt ignoriert allerdings alle weiteren Details von Goebbels' Eintrag. Aus Goebbels Eintrag wird unmittelbar erkennbar, dass die beiden Horoskope TEIL umfangreichen Propaganda-Materials waren. Sie stammen also aus Goebbels Propaganda-Ministerium, Goebbels war ja Propaganda-Minister. Das wird auch im 2. Teil des Tagebuch-Zitates von Goebbels im Buch des Autors deutlich, denn, so Goebbels im Zitat beim Autor, FÜR MICH SIND SOLCHE ASTROLOGISCHEN WEISSAGUNGEN OHNE JEDEN BELANG; ABER ICH HABE DOCH DIE ABSICHT, SIE FÜR ANONYME UND GETARNTE PROPAGANDA IN DER ÖFFENTLICHKEIT ZU BENUTZEN, [...]
Und wie Berndt selber schreibt, hat der Astrologie u.
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