Ich muss ehrlich zugeben, dass ich als ich das Buch das erste Mal in den Händen hielt, mir nichts besonders Neues um Thema "Essstörung" erwartet habe. Einige Bücher, die bereits von mir zu diesem Thema gelesen wurden, haben sich in ihrem Aufbau nicht besonders unterschieden. Meistens ging es darum; "dickes Mädchen wird gehänselt und deswegen magersüchtig".
Oft nicht sehr realistisch, da ich in meinem engen Bekanntenkreis auch einen Fall von Bulimie hatte. Gerade deswegen, weil ich mit nicht viel Neuem gerechnet hatte, hat mich dieses Buch überaus positiv überrascht.
Es wird die Geschichte von einem Mädchen erzählt, die schleichend, wie auch im wirklichen Leben sooft, in die Magersucht rutscht. Dies aber keinesfalls nur in Abhängigkeit von ihrer möglichen bevorstehenden Modelkarriere, sondern auch aus der Angst dem Freund nicht genügt zu haben. Dies wurde in der ersten Rezension zu diesem Buch völlig falsch bewertet. Auch finde ich es sehr gut, dass die Autorin sich in ihrem Buch nicht nur auf das eintönige Schildern ganz nach dem Motto "heute esse ich nichts und habe sonst kein Leben" verfasst hat, sondern zeigt, dass auch Magersüchtige durchaus noch ein Leben haben. Sei es, dass sie sich in Schule oder andere Arbeit stürzen. Desweiteren lernt man beim Lesen auch einiges über Literatur, erhält Interpretationsansätze, was natürlich auch nur positiv aufgenommen werden kann, wenn man sich ein bisschen für dieses Thema interessiert, so wie ich es tue. Man kann sich sehr gut in die junge Morgan hineinversetzen und bekommt einen Einblick wie und durch was das Denken durch das Essen beeinflusst wird und welche äußeren Faktoren der Essstörung zusätzlich einen Nährboden bieten.
So auch die Modewelt, die allerdings nicht im Fokus und als "Böse" dasteht, da die Kunden der Agentur Morgan schließlich zu dünn finden.
Auch wurde bereits in der oben genannten Rezension beklagt, man könne Bulimie und Magersucht nicht "vermischen",was ich durchaus als möglich betrachte. Morgan kann irgendwann anscheinend gar nicht mehr anders als sich zu übergeben, da die Mutter sie dazu zwingt zu essen. Aus Protest. Man kann die wachsende Wut und Unverständnis beider Parteien, also Mutter und Tochter, gleichermaßen nachvollziehen. Die Mutter kann irgendwann nicht mehr, da die Tochter sich kaputt macht,und somit auch das ihre Leben. Anzufügen ist auch, dass das Buch nie eintönig wird, denn man wird immer auch wieder in den Literaturkurs Morgans, ihr Liebesleben, was sie auch ein Stück weit von ihrer Krankheit ablenkt, zurück geführt.
Die Krankheit baut sich in Stufen auf, das heißt zuerst der Appetitverlust durch das Verlassen des Freundes, dann die Modelkarriere, die den Wille dünn zu sein zusätzlich anspornt,und schließlich die Magersucht,die in einer Ohnmacht endet. Eine Therapie und Rückfälle zählen, wie bei allen "Suchtproblemen", in diesem Falle zum Alltag.
Ob die "Lehrstunden" über die Literatur gelungen sind oder nicht, kann ich nicht beurteilen, da ich dafür selbst noch nicht genug darüber weiß. Allerdings sollte man beachten, dass die Geschichte aus der Sicht eines jungen Mädchens erzählt wird, daher empfinde ich die Ansätze durchaus als angemessen,da es sonst in Anbetracht des Alters von Morgan im Buch, unrealistisch wirken würde. Diese ist ja selbst noch im Lern-Prozess, an dem der Leser teilhaben kann, sofern er sich darauf einzulassen vermag. Demzufolge könnte ich mich leider auch vorstellen, dass einige Leser die Stellen, in der die Literatur im Fokus steht,
überblättern. Entweder aus fehlendem Interesse,oder Verständnis, was eigentlich sehr schade ist.
Mein einziger Kritikpunkt bildet die Häufung von Todesfällen und Krankheiten gen Ende. Die Lehrerin begeht Selbstmord, die Freundin stirbt an Krebs, der Nachbar verstirbt und die Hausmeisterin wird krank. Dazu kommen schließlich das Koma der Mutter und das Ende von Morgans Beziehung mit Raphael. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob diese "Dramatik" bewusst als Stilmittel gewählt wurde, um das allmähliche "Zusammenbrechen" ihres Lebens zu verdeutlichen bzw. zu verstärken.
Auch wird offen gelassen, ob die Mutter wieder erwacht und Morgan "ihre Schneekugel durchbrechen kann", welche sie erst am Ende bemerkt. Durch die Reflexion der Vergangenheit entsteht also ein Lernprozess,weshalb der in der anderen Rezension kritisierte Rückblick für das Buch und die Gesamthandlung also sehr wichtig ist.
Alles in allem ein stilistisch toll geschriebenes Buch, dass man kaum aus der Hand legen möchte. Man könnte den alltäglichen Kampf zwischen Leistungsdruck, Familie und dem Wunsch "leicht" zu sein nicht besser verständlich machen.