Aus der Amazon.de-Redaktion
"Gleichzeitig mit dem Wagen von Federal Express treffe ich vor meiner Hütte ein und halte kurz darauf, vor Neugier fiebernd, einen ganzen Stapel vor wenigen Tagen bestellter, druckfrisch duftender Bücher in den Händen. Am liebsten würde ich alle zugleich durchlesen." Bücher, Broschüren, Websites, Booklets, Schallplatten, CDs -- in den Texten des Autors, Radio-DJs und Musikers Thomas Meinecke dreht sich fast alles ums Lesen und Hören. Obwohl auch Hellblau als Roman firmiert, wird man einen klassischen Plot und traditionelle Figurenpsychologie vergeblich suchen. Ein Autor, der nicht erfindet, sondern mitschreibt. Macht nichts: Meineckes Figuren entstehen durch die Texte und Platten, die sie konsumieren, über die sie sich, via E-Mail und Telefon, austauschen: Cordula, Zweitsemester an der Humboldt-Universität in Berlin korrespondiert mit Tillmann in North Carolina und Yolanda in Chicago, die beide für ein gemeinsames Buch über "racial cross dressing" recherchieren.
Wie seine Vorgänger The Church of John F. Kennedy und Tomboy kreist auch Hellblau um die Pluralisierung traditioneller Identitätskonstruktionen -- diesmal geht es Meinecke jedoch nicht vordergründig um die Veränderung deutscher Traditionen auf dem Boden der Neuen Welt oder "gender troubles", sondern um die Regeln, nach denen sich ethnische Identitäten aufbauen. "Was ist ein Europäer, Afrikaner, Amerikaner, der jüdische Mann?" Was, bitte, haben der transatlantische Sklavenhandel und die "Black Atlantic"-Theorie des englischen Kulturwissenschaftlers Paul Gilroy mit den Berichten über deutsche U-Boot-Wracks vor der Küste North Carolinas und den Platten des Detroiter Techno-Labels Underground Resistance zu tun? Was jüdische Idiome in den Rap-Texten der Beasty Boys mit der Geschichte der White Negroes -- weiße, oft jüdische Jazzmusiker, die in den Zwanzigern die schwarze Kultur lebten? Bietet die Antwort auf all diese Fragen am Ende einen veränderten Blick auf die Abschiebepraxis von Asylanten aus Deutschland und den Streit um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern?
Einmal mehr hantiert Meinecke, seinen Protagonisten nicht unähnlich, lustvoll mit Papierschere und Kopierer. In bester Sampling-Manier werden Theoriefragmente und Produkte der Kulturindustrie auseinander geschnitten, neu zusammengesetzt und zu einem - trotz der auf den ersten Blick knochentrocken scheinenden Materie -- groovenden Text-flow arrangiert. Hellblau endet mit einem Empedokles-Fragment, das sich angeblich auch auf dem Grabstein Hubert Fichtes findet: "Einst bin ich ein Knabe, ich bin auch ein Mädchen gewesen, Busch und Vogel und Fisch, der warm aus dem Wasser emporschnellt." - Mit der Hommage an den 15 Jahre nach seinem Tod fast vergessenen Dichter-Kollegen stellt sich Meinecke bewusst in eine andere Tradition popliterarischen Erzählens, als sie in Deutschland einig Faselland lange en vogue war. Die heimliche Rückkehr des Denkens in das Erzählen muss also keine dröge Veranstaltung für kulturwissenschaftliche Oberseminare bleiben - sie macht, Meinecke beweist es, sogar eine Menge Spaß. --Niklas Feldtkamp
Pressestimmen
»In den famosen Romanen Thomas Meineckes sieht (Eckhard) Schumacher die Möglichkeit dargestellt, ein Leben aus der leidenschaftlich-dilettantischen Beschäftigung mit Bruchstücken von Wissen und akademischen Diskursen, mit Songs und kulturellen Artefakten, aber auch mit den unabweisbaren Fragen nach der eigenen Identität und dem eigenen Weg in der Welt ästhetisch zu realisieren. Bücher wie Tomboy oder Hellblau erscheinen in diesem Licht wie eine Antwort auf Musils Versuch, die Welt hinter den uferlosen Diskursen wiederzuerlangen: als stellten sie die Frage, wie eine lebendige Welt inmitten der Diskurse zu gewinnen sei, nachdem Dilettantismus zum Schicksal geworden ist.«
(Michael Adrian Frankfurter Allgemeine Zeitung )Kurzbeschreibung
Nachdem der Autor in "The Church of John F. Kennedy" Konzepte nationaler Identität in Frage gestellt und seine Figuren im Roman "Tomboy" in "gender trouble" gebracht hat, kreiselt Hellblau um die Konstruktion ethnischer Identität. Was ist ein Europäer, Afrikaner, Amerikaner, der jüdische Mann? Welche Folgen hat der transatlantische Sklavenhandel für die heutige Technomusik? Was - überhaupt - kann ein e Technoplatte erzählen? Und wie politisch ist das? Inwiefern kann die Sängerin Dana International als ehemaliger Junge den Staat Israel beim Grand Prix de la Chanson repräsentieren? Und welche Farbe hat eigentlich Mariah Carey? Tillmann und seine Freundinnen Yolanda und Cordula tauschen E-Mails, Faxe, Platten und Bücher aus. Meinecke vernetzt die Perspektiven seiner Denk-Figuren zu einem polyphonen Textgeflecht.
Über den Autor
Thomas Meinecke wurde am 25.08.1955 in Hamburg geboren. Ab 1977 in München lebend, war er dort von 1978 bis 1986 Mitherausgeber und Redakteur der Avantgarde-Zeitschrift Mode & Verzweiflung.
In den 80er Jahren erschienen in unregelmäßigen Abständen in der ZEIT Kolumnen von ihm, 1986 der Kurzgeschichten-Band Mit der Kirche ums Dorf. Es folgten die Erzählung Holz (1988) und die Romane The Church of John F. Kennedy (1996), Tomboy (1998), Hellblau (2001) und Musik (2004).
Thomas Meinecke ist außerdem Musiker in der 1980 von ihm mitgegründeten Band Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) und Radio-DJ in seiner Sendung Zündfunk (BR 2).
1994 zog er mit Frau und Tochter in ein oberbayrisches Dorf.
Auszeichnungen:
1987
Literarisches Colloquium Berlin
1997
Förderpreis zum Heimito von Doderer-Literaturpreis
1997
Rheingau-Literaturpreis
1998
Literaturpreis "Kranich mit dem Stein" des Deutschen Literaturfonds Darmstadt
1998/1999
"poet in residence" an der Universität/GH Essen
2003
d.lit - Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf
2004
Tukan-Preis der Landeshauptstadt München
2004/2005
Dozentur "Manuskriptum" an der Ludwig-Maximilians-Universität München
2005
Stipendium der niedersächsischen Literaturbüros
2008
Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst