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Wie seine Vorgänger The Church of John F. Kennedy und Tomboy kreist auch Hellblau um die Pluralisierung traditioneller Identitätskonstruktionen -- diesmal geht es Meinecke jedoch nicht vordergründig um die Veränderung deutscher Traditionen auf dem Boden der Neuen Welt oder "gender troubles", sondern um die Regeln, nach denen sich ethnische Identitäten aufbauen. "Was ist ein Europäer, Afrikaner, Amerikaner, der jüdische Mann?" Was, bitte, haben der transatlantische Sklavenhandel und die "Black Atlantic"-Theorie des englischen Kulturwissenschaftlers Paul Gilroy mit den Berichten über deutsche U-Boot-Wracks vor der Küste North Carolinas und den Platten des Detroiter Techno-Labels Underground Resistance zu tun? Was jüdische Idiome in den Rap-Texten der Beasty Boys mit der Geschichte der White Negroes -- weiße, oft jüdische Jazzmusiker, die in den Zwanzigern die schwarze Kultur lebten? Bietet die Antwort auf all diese Fragen am Ende einen veränderten Blick auf die Abschiebepraxis von Asylanten aus Deutschland und den Streit um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern?
Einmal mehr hantiert Meinecke, seinen Protagonisten nicht unähnlich, lustvoll mit Papierschere und Kopierer. In bester Sampling-Manier werden Theoriefragmente und Produkte der Kulturindustrie auseinander geschnitten, neu zusammengesetzt und zu einem - trotz der auf den ersten Blick knochentrocken scheinenden Materie -- groovenden Text-flow arrangiert. Hellblau endet mit einem Empedokles-Fragment, das sich angeblich auch auf dem Grabstein Hubert Fichtes findet: "Einst bin ich ein Knabe, ich bin auch ein Mädchen gewesen, Busch und Vogel und Fisch, der warm aus dem Wasser emporschnellt." - Mit der Hommage an den 15 Jahre nach seinem Tod fast vergessenen Dichter-Kollegen stellt sich Meinecke bewusst in eine andere Tradition popliterarischen Erzählens, als sie in Deutschland einig Faselland lange en vogue war. Die heimliche Rückkehr des Denkens in das Erzählen muss also keine dröge Veranstaltung für kulturwissenschaftliche Oberseminare bleiben - sie macht, Meinecke beweist es, sogar eine Menge Spaß. --Niklas Feldtkamp
»In den famosen Romanen Thomas Meineckes sieht (Eckhard) Schumacher die Möglichkeit dargestellt, ein Leben aus der leidenschaftlich-dilettantischen Beschäftigung mit Bruchstücken von Wissen und akademischen Diskursen, mit Songs und kulturellen Artefakten, aber auch mit den unabweisbaren Fragen nach der eigenen Identität und dem eigenen Weg in der Welt ästhetisch zu realisieren. Bücher wie Tomboy oder Hellblau erscheinen in diesem Licht wie eine Antwort auf Musils Versuch, die Welt hinter den uferlosen Diskursen wiederzuerlangen: als stellten sie die Frage, wie eine lebendige Welt inmitten der Diskurse zu gewinnen sei, nachdem Dilettantismus zum Schicksal geworden ist.«
(Michael Adrian Frankfurter Allgemeine Zeitung )
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Hochseefischen auf dem Atlantik,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Hellblau: Roman (Gebundene Ausgabe)
Laut Meinecke geht es in seinem neuen Titel um die Vernetzung Europas, Amerikas und Afrikas durch den Atlantik. Und es geht um rassische Identitaet, vor allem um Afrikaner, Juden und Europaer. Da gibt es allerhand interssante Geschichten: von deutschen U-Booten vor der amerikanischen Ostkueste, um juedische Bluesmusiker, um schwarzen und weissen Techno, Geschichten von Immigration und "displacement", Kosmetikartikel. Allerhand mehr oder weniger interssante Geschichten und Theorien laesst er seine drei Hauptpersonen via fax, email oder Post tauschen, ihren Geliebten erzaehlen oder auf Plattenhuellen entziffern. Was diese Leute erleben ist auch ganz amuesant, scheint aber doch im Hintergrund des Romans zu stehen. Habe ich Roman gesagt? "Hellblau" liesst sich eher wie ein Magazin angefuellt mit apokryphen "cultural theory" Essays. Manchmal fand ich mich als Leser zurueckgelassen war es mir doch leider unmoeglich zB bestimmte Technolabels wiederzuerkennen, freute mich dann umso mehr andere Bezugspunkte einordnen zu koennen. Aber das macht nichts. Man koennte das Buch auch genauso kreuz und quer lesen wie Meinecke wahrscheinlich seine Recherche durchfuehrte. Das Narrativ, das dem Buch den Rahmen gibt ist athmospaherisch dicht, die Figuren sind liebenswert aber halt bloss die Mittel zum Zweck: Lautsprecher aus denen eine unglaubliche Geschichte nach der anderen sprudelt. Manchmal dachte ich, das Buch sei fuer Spezialisten geschrieben, doch dafuer ist Meineckes Themenwahl dann doch zu eklektisch, unter umstaenden scheint sie sogar etwas willkuerlich. Trotzdem, die guten Seiten ueberwiegen finde ich: eine Kulturgeschichte als Roman verkleidet und durchaus verdaulich wenn man es nicht zu ernst nimmt...
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Thomas Meinecke - Hellblau,
Rezension bezieht sich auf: Hellblau: Roman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Eine Gruppe junger Leute, verteilt auf der ganzen Welt, legen eine Stoffsammlung für ein Projekt an. Soweit die Rahmenhandlung, zu Meineckes Konvolut 'Hellblau'. Es ist nicht leicht zu sagen, um was genau es in Hellblau eigentlich geht. Meinecke, der immer schon eher ein sammelnder denn ein schaffender Schriftsteller war, führt Buch über die Entdeckungen der (kaum) handelnden Figuren. In den meisten Fällen geht es um Grenzen und Übergänge. Was ist schwarz, was weiß, was ist männlich und was ist weiblich. Es geht um Sklaverei, Gender Studies und vor allem um Musik. Ein furioses Konvolut, dass keinesfalls Anspruch auf thematische Kohärenz noch auf Vollständigkeit erhebt. Eine Sammlung jedoch, die neue Bezüge herstellt und nachzudenken gibt.
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