Das historische Buch
Das germanische Hellas
Griechische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft
«Römer und Griechen gelten als eine Art Auserwählter, die mit barbarischen Stämmen niemals verglichen werden sollen und jede Ähnlichkeit mit anderen Sterblichen sich von Hause aus verbitten.» Diese bitter-ironische Klage des schweizerischen Altertumsforschers J. J. Bachofen über den eingeschränkten Blickwinkel der deutschen Kollegen war nur allzu oft berechtigt, wie das neue Buch von Karl Christ zeigt.
Christ, Marburger Emeritus für Alte Geschichte, ist ausser mit seinen grossen Darstellungen zur römischen Geschichte vor allem als Historiograph seines Faches hervorgetreten, ja er hat in Deutschland den Forschungszweig der «Wissenschaftsgeschichte» im Bereich der Alten Geschichte überhaupt erst etabliert. Mit «Hellas. Griechische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft» hat er nun das Pendant zu dem schon 1982 erschienenen Band über das Bild Roms in der deutschen Althistorie vorgelegt.
Charaktere
Christ lässt die vergangenen zwei Jahrhunderte, nach Forschungsepochen gegliedert, anhand be-deutender und «zeittypischer» Wissenschafter Revue passieren. Der Reigen reicht von K. O. Müller bis Christian Meier, von Barthold Georg Niebuhr bis zu Werner Dahlheim. Hier und da überschreitet Christ, dem Buchtitel zum Trotz, Fach- und Ländergrenzen, um bahnbrechende oder der deutschen Althistorie wichtige Impulse gebende Forscher anderer Provenienz berücksichtigen zu können: Philologen (Wilamowitz), Soziologen (Max Weber), Engländer (Grote), Franzosen (Fustel de Coulanges) oder Amerikaner (Finley) und nicht zuletzt den Schweizer Jacob Burckhardt, dem ersichtlich Christs besondere Sympathie gehört.
In bewährter Manier schildert Christ Werde-gang und Wirken der einzelnen Hellas-Forscher, fasst ihre Werke zusammen und lässt seine Kol-legen nicht zuletzt in zahlreichen Zitaten ausgiebig selbst zu Wort kommen. Denn was dem Historiker die Quellen, das sind dem Wissenschaftshistoriker die Werke der sogenannten Sekundärliteratur: beide kann man oft am besten zum Sprechen bringen, indem man sie für sich selbst sprechen lässt. Tiefe Einsichten auf knappem Raum gewähren dem Leser etwa Hermann Strasburger (über Thukydides) oder Alfred Heuss (über die Rolle der Städte im Hellenismus). Gelegentlich findet sich Erheiterndes wie Wilamowitz' Erkenntnis, dass «Athen eine orientalische Stadt immer gewesen ist, die Strassenpflaster und Bürgersteig nicht kannte und Reinlichkeit in bescheidenstem Masse anstrebte».
Doch auch befremdende Äusserungen sind zu registrieren, etwa in Ernst Curtius' «Griechischer Geschichte» (185767), der damals verbreitetsten und einflussreichsten Gesamtdarstellung: «Die Sklaven waren mit der Bürgerschaft zu eng verknüpft; es bestand zwischen ihnen ein gemüthliches Verhältnis, das durch Sitte und Religion gepflegt wurde . . . Darum erschien ihre Unterordnung nicht als Unterdrückung; das ganze Verhältnis wurde als ein nach beiden Seiten erspriessliches und naturgemässes angesehen.» Hier erweist sich der Vorzug der «personalistischen» Vorgehensweise Christs. Vor dem Hintergrund von Curtius' konfliktscheuer, ganz auf das Ideal der Harmonie und Ästhetik ausgerichteter Persönlichkeit wird seine skurrile, wirklichkeitsferne Einschätzung einigermassen erklärlich. Gleichwohl legitimieren Autoren wie er den zitierten Befund Bachofens.
Parallelisierung des antiken Hellas mit dem modernen Deutschland, Konzeptualisierung der griechischen als einer Nationalgeschichte, Idealisierung, ja Verabsolutierung der griechischen Kultur, Heroisierung der bedeutenden politischen Führer (Themistokles, Perikles und Alexander der Grosse), Herauslösung Griechenlands aus dem Kontext des Vorderen Orients, einseitige Konzentration auf politische und Geistesgeschichte so lauten weitere, oft vorgebrachte Kritikpunkte. Demgegenüber bemüht sich Christ mit einigem Erfolg, die grosse Vielfalt der Forschungsmeinungen und -ansätze, teilweise auch deren Widersprüchlichkeit seit dem späten 19. Jahrhundert hervorzuheben.
So propagierte ausgerechnet ein glühender Nationalist wie Eduard Meyer vehement einen universalgeschichtlichen Ansatz und die Einbeziehung des Vorderen Orients in die Althistorie. Und Karl Julius Beloch, ein Geistesaristokrat und pathologischer Antisemit, verweigerte sich entschieden dem Kult des grossen Individuums, den zu seiner Zeit in Deutschland nicht nur das Bildungsbürgertum pflegte, sondern von dem auch die eigentlich einem kollektivistischen Geschichtsbild verpflichtete Sozialdemokratie keineswegs frei war. Daher scheint es in der Tat geraten, den Ratschlag von Christs Freund und Vorbild Arnaldo Momigliano, dem Altmeister der history of historiography, zu beherzigen: «Obwohl es schade wäre, wenn man jene unwägbaren Elemente einer Gelehrtenpersönlichkeit vergässe, die ihre verborgene Stärke oder Schwäche ausmachen, müssen wir die Debatte auf die wissenschaftlichen Leistungen lenken, wenn wir der Gefahr oberflächlicher und parteiischer Wertungen entgehen wollen.» Dabei schneidet gerade Beloch nicht schlecht ab: Sein Ansatz zur Erforschung der Bevölkerungsgeschichte konnte noch nach Jahr-zehnten als methodische Richtschnur dienen, seine Gesamtdarstellung der griechischen Geschichte ist immer noch zu empfehlen.
Gretchenfrage
Die Gretchenfrage einer jeden in Deutschland betriebenen wissenschaftlichen Disziplin lautet heutzutage fast scheint es: mehr denn je , wie ihre Vertreter es denn mit dem Dritten Reich gehalten haben. Christs grosses Verdienst ist es, diese Frage bereits vor Jahrzehnten aufgegriffen und auch seine Schüler darauf angesetzt zu haben. Freilich sind harte Töne und harsche Verdikte seine Sache nicht, von Ausnahmen abgesehen. Fritz Schachermeyr laut Christ «der bekannteste und angesehenste österreichische Althistoriker seiner Generation» gilt ihm als einer der grössten Opportunisten seiner Zunft, als einer der wenigen, die sich bewusst und aktiv dem System andienten. Auch sein Werk erfährt durchgehend eine schroffe Beurteilung. Behutsamer verfährt Christ hingegen mit Helmut Berve, Fritz Taeger oder Hans Schaefer. Forscher wie Luciano Canfora oder der Zürcher Althistoriker Beat Näf haben sich da schwereren Geschützes bedient, ohne dass ihnen vorzuwerfen wäre, über das Ziel hinausgeschossen zu sein.
So sehr Christ sich scheut, über einzelne Personen den Stab zu brechen, sein Fach schont er nicht. Zwar hält er es, im Rahmen der altertumswissenschaftlichen Trias, für geringer belastet als die Archäologie oder Altphilologie der NS-Zeit. Doch sieht er die Ursache weniger in prinzipiell geringerer Affinität zum System, sondern eher darin, dass die Alte Geschichte gegenüber den anderen Altertumswissenschaften an Bedeutung verloren hatte. Die Nachkriegszeit bringt Christ auf folgenden knappen Nenner: «Dem dogmatischen Historischen Materialismus im Osten wurden im Westen demokratische Traditionen, Abendland-Ideologie, atlantische oder universalhistorische Konzeptionen entgegengesetzt. War die Griechische Geschichte dort lediglich Teil der Sklavenhaltergesellschaft, so hier der verklärte Beginn demokratischer Tendenzen.» Im Vergleich etwa zur französischen Forschung mit ihren soziologischen und anthropologischen Ansätzen sei oft ein Hinterherhinken der deutschen Althistoriker zu konstatieren. Auch Christs Ausblick in die Zukunft ist verhalten, für den spezielleren Bereich der Wissenschaftsgeschichte zeigt er sich recht zuversichtlich.
Wer einen soliden Eindruck von Leben und Leistung der deutschen Historiographen des antiken Griechenland gewinnen will, wird um Christs Arbeit nicht herumkommen.
Christoph Müller