Massive Attack gehen mit ihrem neuen Album wieder (wie jedes Mal) neue Wege und verlassen sich nicht auf Altbewährtes. Diesmal streifen sie sogar etwas von ihrer entrückt-verauchten Nachtclub-Atmosphäre ab und experimentieren mit nervöseren avantgardistischen und Break-Beat-Zappel-Rhythmen. Ich persönlich finde, dass aber gerade hier ihre Stärke lag und sehne mich ein wenig nach den fetten organischen Lynch-Sounds, die schon auf 100th Window nur noch Ansatzweise zu finden waren. So etwas wie die eigenhändig einzeln verflangerten Nachhall-Effekte eines jeden einzelnen Snaredrum-Schlags von Angel (was meiner Meinung nach die Tiefe und den Rausch des Songs ausmachte) oder die kunstvoll zu lateinamerikanischen Rhythmusphrasen aneinander gereihten Vinyl-Knistereien am Anfang von Teardrop (beide von Mezzanine) wurden in der für eine gefühlte halbe Stunde in voller Qualität aufblühenden TripHop-Phase der 90er Jahre zurückgelassen. Anstatt dessen kamen 3D-Soloeskapaden mit Kinderlied-Melodien im Abzählreim-Stil, Null Songwriting und für mich nicht zugänglich, und erst ab 100th Window fester Bestandteil im Massive Attack-Repertoire (siehe Atlas Air" von Heligoland).
So selbstverständlich es ist, gute Musik mehrmals hören zu müssen, damit sie ihre Klasse entfaltet, ist, wie ich finde, genau hier das Besondere an Massive Attack zu finden gewesen: Man konnte Angel aus einer Box in der hinteren Ecke einer Bar zum ersten Mal hören und fragte sich sofort: Was ist das eigentlich für eine abgefahrene Mucke, die da läuft? Nix mit langsam reinhören, das ging sofort unter die Haut. Aber letztendlich können MA ihren Ruf nur so halten, indem sie sich als Künstler wie Radiohead präsentieren, die mit wachsender Reife auch immer experimenteller und uneingängiger wurden.
Es gibt einiges Gutes an Heligoland, weshalb ich diese Platte im Moment sehr gerne höre. Die Stärke liegt in der Produktion, die Band setzt mehr denn je auf psycho-Soundstrukturen, die sich in immer neuen Gewändern entfalten, je nachdem wo, auf welcher Anlage und in welcher Verfassung man das Album gerade hört. Nüchtern betrachtet sind einige sehr schwache Songs drauf (Splitting the Atom"), entspannt betrachtet sind einige der faszinierendsten Soundgemälde drauf, die es im Moment so zu kaufen gibt (Splitting the Atom"). Insgesamt fließt es allerdings diesmal nicht wie aus einem Guss, sondern es ist für jeden etwas dabei, von organisch-songorientiert und bomastisch (Pray for Rain", Saturday come slow") bis hin zu (für Massive sehr ungewöhnlich) hektisch-avantgardistisch (Babel", Flat of the Blade"). Auch für die Liebhaber der Chill-Out-Sounds mitsamt dramatischen Piano/Streicher-Einsätzen von Protection ist etwas dabei (Paradise Circus"). Egal, welcher Stil, jedem einzelnen Song wohnt eine Genialität inne, die das Album über die Zeit Bestand haben lassen wird. Als Beispiel sei der unglaublich gesungene tränentreibende Mittelteil von Flat of the Blade" genannt, der von nachhaltig uneingängigem disharmonischem Gesang und unstetem Elektropluckern eingerahmt wird.
Insgesamt gesehen jedoch etwas zu kopflastig und heterogen, 3D hätte sich vielleicht für eine Richtung entscheiden sollen und vielleicht ein paar bessere Songs schreiben sollen. An sich ein sehr gutes Album aber warum soll man geniale Bands nicht an ihren Meisterwerken messen? Im Vergleich zu Mezzanine mehr gewollt als gekonnt und daher 4 anstelle von 5 Sternen...