Manfred Scheuch, studierter Historiker und lange Jahre Chefredakteur des Zentralorgans der SPÖ ("Arbeiter-Zeitung"), beschäftigt sich in diesem Buch mit den wohl ereignisreichsten 5 Jahren der sogenannten "Ersten Republik" - konkret geht es vor allem um die Jahre 1933 - 1938.
Scheuch lehnt die immer wieder - vor allem von konservativen Historikern und Politikern - geäußerte These von der "geteilten Schuld" ab. Schuld daran, dass dieser Staat Österreich 1938 den Nazis wie eine reife Frucht in die Hände fiel, trage allein die klerikal-bürgerliche christlich-soziale Partei mit ihren beiden Exponenten Dollfuß und Schuschnigg (beide Bundeskanzler). Zusammen mit der "Heimwehr" begann sich die Partei sehr bald von der Demokratie zu verabschieden.
Die Sozialdemokratie hingegen - so Scheuch - agierte weitegehend defensiv; sie wollte die Demokratie verteidigen und durch demokratische Wahlen an die Macht kommen. Der folgende Satz von Bruno Kreisky (damals verfolgt und inhaftiert; 1970 - 1983 dann Bundeskanzler) aus dem Jahre 1984 bringt die Situation auf den Punkt: "Die Partei machte Fehler - aber die anderen haben die Demokratie wissentlich, bewusst und mit kühlem Zynismus beseitigt".
Viele einzelne Punkte, die schließlich das Gesamtbild ergeben, werden vom Autor beleuchtet: die Verrohung der Sprache; die antisemitischen Ausfälle (selbst die Sozialdemokratie war davor nicht gefeit); die "Aushungerung" des "Roten Wien" durch die Regierung; die Unfähigkeit derselben, geeignete Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit zu ergreifen; schließlich die Unfähigkeit - und der Unwille - der einen Seite, auf die Sozialdemokratie zuzugehen und den gemeinsamen Feind zu bekämpfen, der Österreich in den Untergang führte, nämlich Hitler.
Ganz, ganz wichtig ist auch die Herausarbeitung der verheerenden Rolle, die die katholische Kirche in diesen Jahren spielte.
Ein sehr kluges, sehr pointiertes, Stellung beziehendes Buch, das, was die Lesbarkeit betrifft, den gelernten Journalisten erkennen lässt.