So, nun gibt es 'mal wieder reichlich Buch fürs Geld: Der neue Roman "Heldenklingen" ("The Heroes" 2011) von Joe Abercrombie bringt es auf fast 900 prall gefüllte Seiten. Diesmal begleitet von einem umfangreichen Personneregister und einigen Karten.
Inhaltlich geht es eigentlich "nur" um eine Schlacht, die die Unionstruppen gegen die Nordmänner unter dem Schwarzen Drow schlagen. Auf insgesamt 5 Tage reduzieren sich die geschilderten Ereignisse. Die Story ist 8 Jahre nach der First-Law-Trilogie (Kriegsklingen etc) und etwa 4 Jahre nach Racheklingen angesiedelt. Der Leser stößt auf reichlich alte Bekannte aus früheren Romanen Abercrombies, wie Marschall Kroy, Espe, Bremer dan Gorst, Bayaz usw. Neueinsteiger sollten sich dennoch nicht abschrecken lassen: Der Roman liest sich auch ohne Kenntnis seiner Vorgänger problemlos und eignet sich auch als Einstieg in Abercrombies Werk.
Abercrombie zelebriert in dem prallen Schlachtenepos seinen ureigenen Stil bis zum Exzess: Brutalität, schwarzer Humor, Sarkasmus, Zynismus, Blut und Dreck werden zu einem Bild geformt. Es geht überaus brutal zur Sache und das Buch ist sicher nichts für zarte Gemüter oder High-Fantasy-Fans. Hier gibt es keinen strahlenden Ritter (und wenn, dann lebt er nicht lange); es gibt kein Gut und Böse oder Schwarz und Weiß, es gibt nur Grau und Schlamm und Blut.
Dabei kommt die Fantastik doch recht kurz und es handelt sich mehr um ein Tagebuch einer Schlacht sogar inklusive taktischer Karten. Eher Dagger&Sword denn Sword&Sorcery. Vergleichbar vielleicht mit einer der Schlachtenbeschreibungen eines Bernard Cornwell. Die Geschichte treibt Abercrombies Weltenschöpfung aber nicht unbedingt weiter.
Die Charaktere sind für meinen Geschmack nicht so stark wie gewohnt. Einzig die Figur des Bremer dan Gorst ragt schriftstellerisch heraus. Der zerissene, gedemütigte und hoffnungslose Charakter wird durch die Selbstgespräche und Selbstreflexionen Gorsts sehr gut herausgearbeitet. Dennoch wird das Niveau beispielsweise eines Sand dan Glokta nicht erreicht.
Vielleicht ist das aber auch Absicht, denn der Roman lebt besonders von seinen viellen kleinen Nebenfiguren und -geschichten, die gepaart mit dem Schreibstil des Autoren die Handlung vorantreiben und ihn, wenn auch auf ganz andere Art als seine Vorgänger, zu einem veritablen Pageturner machen. Besonders hervorzuheben sind die plötzlichen Perspektivwechsel innerhalb der kleinen Nebengeschichten, die für sehr viel Plastizität sorgen.
"Heldenklingen" ist nicht nur wegen der erneut dümmlichen deutschen Titelwahl sicher Geschmacksache. Auch unter eingefleischten Abercrombie-Fans wird es negative Stimmen geben. Das Buch ist von seiner Machart einfach anders. Selbst wenn es möglicherweise nicht Abercrombies allerhellster Stern am Fantasyhimmel ist, es überstrahlt den Durchschnitt allemal mit wohltuendem Licht.
Fazit: Pure Fantasy-Action. Düster, hart, zynisch und nichts für schwache Nerven. Nicht so gut wie die First-Law-Trilogie, dennoch absolut empfehlenswert. Kaufempfehlung.