Ich habe mir das Buch gekauft, um mich ein wenig in den geschichtlichen Hintergrund der Warhammer-Welt einzulesen. Da Sigmar ja den Dreh- und Angelpunkt in der Historie des menschlichen Reichs darstellt, hoffte ich auf einen Schatz an Mythen und Legenden.
Diese Erwartung wurde jedoch klar enttäuscht.
Stattdessen bietet der Inhalt eine relativ platte Schilderung von einer Aneinanderreihung von Schlachten, die ohne jeden Spannungsmoment vor sich hinplätschern. Da hilft es auch nicht, wenn der Autor einen Superlativ an den nächsten reiht. Dafür dass die Schlachten den Großteil der Handlung ausmachen, werden keine wirklich nennenswerten Truppenbewegungen beschrieben, die den Schlachtenverlauf aufregend oder interessant machen würden. Letztlich entscheiden wenig nachvollziehbare Charaktereigenschaften wie Willensstärke und Mut den Kampf zugunsten der Guten. Lediglich in der finalen Konfrontation spielen Manöver eine gewisse Rolle.
Man kann sich jedenfalls stets darauf verlassen, dass Sigmar Heldenhammer sich rücksichtslos ins Getümmel stürzt und seinen Zwergenhammer schwingt, um zu obsiegen. Es ist allerdings wenig spannend, sich seitenweise durchzulesen, wie ein Schädel nach dem anderen zertrümmert wird. Sigmar erhält zwar Wunden, aber die können ihn natürlich nicht stoppen. Das hat man dann nach spätestens der dritten Konfrontation auch irgendwann gemerkt und fiebert nicht mehr mit.
Die anderen Persönlichkeiten sind einem auch herzlich egal, weil McNeill eigentlich nur wenige klischeehafte Charaktere immer wieder auftauchen lässt. Letztlich sind alle Menschen irgendwie edel und unerschrocken. Die Ausnahmen sind die wenigen Ängstlichen. Und die sind dann aber auch die Bösen.
Storywendungen sind eine Fehlanzeige. Es gibt eine düstere Hexe, die das Schicksal vieler Beteiligter lenkt, aber eine echte Erklärung für das Handeln dieser Zauberin gibt es eigentlich nicht. Sie taucht immer wieder auf, prophezeit und dient so als Storymechanismus, um die motivationslosen Charaktere an bestimmten Storypunkten zu bestimmten Verhaltensweisen zu veranlassen. Die mythischen Mechanismen und Hintergründe aller Ereignisse dienen nur zur Beschreibung "cooler" Special Effects. Und wenn Sigmar im Totenreich an Morrs Schwelle fragt, wie es zu einer schicksalhaften Begegnung an diesem Ort kommen konnte, erhält er auf seine Frage die Antwort "So ganz verstehe ich das auch nicht..." (S. 246). Diese Antwort darf der Leser sich an verschiedenen Stellen geben lassen. Zum Beispiel dieser Dialog zwischen zwei Hexen (S. 140): "Warum helfen wir ihnen dann?", fragte sie. "Weil das eben die Rolle ist, die wir in dieser Welt spielen." "Aber wieso?" "Darauf kann ich dir keine Antwort geben, Kind.", sagte die Alte. Wem das jetzt wie Fantasy-Satire vorkommt, liegt da vielleicht auch nicht verkehrt.
Die Erzählweise ist kapitelweise im Stil von Kurzgeschichten geschrieben. Am Beginn eines Kapitels wir meist beschrieben, dass irgendein Charakter - meistens Sigmar - vor irgendeine Kulisse steht. Nach einigen Sätzen folgt dann ein Flashback, der im Plusquamperfekt alle Ereignisse schildert, die zu dieser neuen Kulisse geführt haben. Das ist anfangs vielleicht noch ganz geschickt und nett, aber irgendwann extrem ermüdend, vor allem wenn eine ganze Schlacht als Flashback zur Hinführung auf das gegenwärtige Geschehen erzählt wird. Zu diesen Flashbacks kann es allerdings auch zwischendurch immer mal wieder kommen, um bestimmte Handlungsweisen einzelner Personen zu erklären. Übrigens wird bei diesen Flashbacks das Plusquamperfekt nur selten konstant eingehalten. Man muss also manchmal ein wenig aufpassen, wann die Gegenwart und wann die Vergangenheit berichtet wird.
Das könnte allerdings auch ein Fehler der Übersetzung sein, denn die ist zum größten Teil miserabel. Rechtschreibfehler, Grammatikfehler, selten auch Zeichensetzungsfehler kann man vielleicht noch hinwegsehen. Aber bestimmte Ausdrücke sind einfach zu merkwürdig übersetzt. Ständig zertrümmert Sigmars Hammer "Brustkästen" (engl. Chest), obwohl man im Deutschen doch eher unser gutes Wort "Brustkörbe" verwenden möchte. Da werden "Augen zusammengezogen", wenn Sigmar seine Augen gegen die helle Sonne abschirmt und eine Bewegung am Himmel beobachtet. Da bekommt man die Vorstellung eines zerknautschten Gummigesichts. Klar: gemeint ist, dass er die Augen "zusammenkniff". Aber diesen deutschen Ausdruck findet man nicht ein einziges Mal.
Noch einmal zu den von McNeill angelegten Figuren: Alle Frauen sind wunderschön und als Kriegerinnen lächerlich sexualisiert (Beispiel: die Asoborn). Da hat sich ein Teenager seinen literarischen Traum erfüllt. Wenn überhaupt einmal nichtkämpfende Landbevölkerung auftaucht, werden die respektlos als "schwach und dumm" dargestellt. Wenn solche Anmerkungen von den kriegerischen Storycharakteren kämen, wäre das okay, aber vom Autor selbst her kommend, erklärt das zumindest, weshalb er keine Ahnung hat von der Entwicklung von zivilisierten Kulturen - die er ja eigentlich schildern will. Sigmar erschafft binnen weniger Jahre aus einem Dorf eine brummende Stadt, die jedes Jahr Hunderte von Kriegern in Schlachten werfen kann. Woher kommen all diese Menschen, die ja auch in diesen Schlachten sterben? Selbstverständlich entwickeln Sigmar und seine Freunde schnell mal eben eine Form der Feldwirtschaft, bei der die Bauern das Feld ihres Nachbarn bestellen können, während der als Krieger in der Schlacht kämpft. Außerdem bilden sie eine Vielzahl weiterentwickelter Schmiede aus, die Waffen und Rüstungen für das vervielfältigte Heer schmieden können. Ach ja, und eine Form der Kurzschrift erfinden sie auch noch, und die komplette Architektur von Reikdorf wir von Langhäusern aus Holz umgestellt auf Steinbauweise mit Fachwerk. Kein Problem. Wie gesagt: McNeill hat sehr naive Vorstellungen von zivilem Leben in einer mittelalterlichen Gesellschaft und geht offenbar davon aus, dass die Leute damals einfach zu dumm waren, um sich kulturell fortzuentwickeln.
Dumm müssen sie auch tatsächlich gewesen sein. Denn an einer Stelle lässt McNeill einen Fischer auftauchen, der seine Angel auswirft und erst nach geraumer Zeit bemerkt, dass sein Haken sich in der Kleidung eines menschlichen Körpers verfangen hat, der an der Wasseroberfläche (!) treibt. Wer es schafft, seinen Angelhaken direkt auf einen Leichnam zu werfen, so dass er sich in der Kleidung verhakt, es aber nicht bemerkt, ist wohl tatsächlich auf die Heldentaten eines Sigmar angewiesen.
Was die Geschichte in sich eigentlich auch wieder abrundet.