Einen Stern? Oder fünf? Besser gar keinen'
Der Autor ist Thomas Harlan, Sohn von Veit Harlan, also eben jenem Regisseur, der für Goebbels und seine Halunken 'Jud Süß' gedreht hat. Der 'Roman' heißt 'Heldenfriedhof'. Diesen zu rezensieren ist unmöglich, weshalb ich versuchen werde, etwas vom Geist dieses Buches wiederzugeben (eine Anmaßung meinerseits).
Eine inhaltliche Beschreibung zu geben, ist unmöglich, ebenso, wie es unmöglich scheint, auch nur zu sagen, worum es geht. Im weitesten Sinne um die Täter der Shoah und vor allem, was aus ihnen geworden ist nach 1945. Es 'beginnt' mit einem Haufen Leichen in einem italienischen Städtchen, in dem ein Übergangslager eingerichtet war. Die Toten scheinen größtenteils jener Einheit der Wehrmacht angehört zu haben, die dieses Übergangslager bewachte und auch tilgte, als die Amerikaner näher kamen. Wieso begehen sie Selbstmord irgendwann in den späten 90er Jahren? Wer sind diese Männer und Frauen?
Dies wäre als ein Ausgangspunkt dessen zu betrachten, was materiell das Buch ist, das schließlich eine Seite eins braucht. Und irgendwann eine Seite siebenhundertsoundsoviel, die es beschließt. Dazwischen? Mitunter 18seitige Sätze, die möglicherweise auch nicht mehr aufgehen, die mäandernd anklagen, klagen, einen Klagegesang anstimmen auf eine Art, die 'Mensch' sich nennt und doch als etwas eingestuft werden müsste, das noch nicht bezeichnet ist. Ein Furor, dessen 'Anfang' und dessen 'Ende' nicht bestimmbar sind, das keine 'Story' erzählt, keine Handlung, keine Hauptfiguren aufweist, sondern einen Textkörper, der selbst zum zeitlichen Strom wird, der versucht, einzufangen, was aus Zeit Geschichte werden läßt und sich dabei ununterbrochen selbst in die Quere kommt. Es durchbrechen sich Fiktion (Romanwirklichkeit) und dokumentarische Ebene (welche Wirklichkeit? Archivwirklichkeit? Geschichtswirklichkeit? Geschichtliche Wirklichkeit? Subjektive Wirklichkeit paranoider Geister, deren Väter gute Filme im Auftrag des Teufels hergestellt haben? Welche Wirklichkeit?), durchdringen einander, treten mit sich selbst in Dialog (im WORTwörtlichsten Sinne), erklären sich sich selbst. Da weist der Roman den Leser darauf hin, daß es keinen Anfang gibt zu historischem Sein, da wir es eh in der Rückschau konstruierend immer nur im jeweiligen Moment der Wahrnehmung (lesend, fernsehend, filmguckend) wahr- und aufnehmen, nicht im Moment des immer zuvor passierenden Geschehens. Und somit kann auch kein ANFANG sein, also fängt der Roman auch nicht an, oder möglicherweise gerade hier, an der Stelle, an der er dir erklärt, daß er nicht anfangen kann (oder vielleicht auch HIER, in dieser Rezension). Was aber im Kontext des materiellen Phänomens 'Buch', das man während des Lesens in den Händen hält, der Seite 445 (oder so) entspricht.
Die Vielschichtigkeit dessen, was dieses spezielle Phänomen 'Heldenfriedhof' ausmacht, ist mit der Verwirrtaktik, die ich da oben anwende, kaum mehr als angerissen. Das kann man nicht lesen, im herkömmlichen Sinne. Es ist ein Textkonglomerat, das einen, läßt man sich auf die ganze Bandbreite der ideengeschichtlichen Ebenen ein, die da verhandelt werden, kaum mehr aus den Labyrinthen der Geschichte(n) entläßt. Es ist ein gewaltiger Distanzierungsakt, diesen Text zu durchdringen, und gewiß gelingt das auch nicht unumwunden und korrekt. Aber sich auf all diese theoretischen Herangehensweisen an die Frage der Geschichte und der Fiktionalisierung einzulassen, kann schon den Denkapparat sehr anstrengen und dennoch zwingen, logisch zu sein. Was ja in gewissen Momenten ganz gut sein kann. Und Vorsicht hier beim Begriff "Fiktionalisierung", denn vielleicht ist die Figur des Enrico Cosulich, der als eine Art "roter Faden" betrachtet werden kann, bevor er aus der Handlung, jeglicher Handlung, entschwindet, eine fiktive Figur, all jene, denen er nachspürt auf der Suche nach den Gründen und Motiven, die zur Ermordung seiner Mutter in eben jenem Lager geführt haben, sind es nicht. Absolut nicht! Fast alle dieser Figuren haben gelebt (lebten zum Teil noch bei Erscheinen des Buches 2006>) und haben gewirkt.
Thomas Harlan hat sein Leben der Suche nach den Tätern gewidmet. Schon in den 50er Jahren nach Polen übergesiedelt, hat er dort die Archive unermüdlich durchforstet, um den Namen und den Orten der Täter nachzuspüren. Er versorgte die BRD regelmäßig mit Daten und Adressen und machte sich dadurch natürlich gerade in den 50er und 60er Jahren nicht sonderlich beliebt. All diese Erfahrungen fließen in dieses Monumentalwerk mit ein. Und er geht sogar soweit, die Klarnamen und Adressen im Text zu nennen. Wieder und wieder. Seine ganze Wut, sein ganzer Hass auf die, die immer davongekommen sind befeuert diese Schrift, so sehr, daß man das Gefühl nicht los wird, daß der Textkörper schier zu explodieren scheint, sich gegen sich selbst, gegen die Enge der 26 Zeichen des Alphabets zu wenden scheint, bis zur vollkommenen Unlesbarkeit.
Vergleichbar ist dies alles nicht. Am ehesten denke ich an Elfriede Jelineks "Die Kinder der Toten" und merke zugleich, wie wenig dieser Vergleich Stand hält und wie wenig er beiden Werken gerecht wird.
'Heldenfriedhof' ist gewaltig, nicht empfehlenswert und vielleicht eines der wichtigsten Bücher, die ich kenne.