Ähnlich wie in Remarques "Im Westen nichts Neues" berichtet Chevallier hier von den Erlebnissen des einfachen Frontsoldaten Jean Dartemont im Ersten Weltkrieg. Jean wird von der allgemeinen Kriegslust angesteckt und meldet sich im Herbst 1914 freiwillig für die Front. Wie auch seine Freunde hofft er, nach der Grundausbildung schnell ins Gefecht zu kommen, um "das größte Abenteuer Krieg" noch mit zu erleben. Mahnungen der älteren Pariser, die noch den letzten französischen Krieg erlebt haben, stören da nur. Doch schon in der Ausbildung dämmert es den intelligenten Dartemont, dass doch nicht alles so gut ist, wie es gemacht wird. Werden doch schon in der Offiziersauswahl die mit der größten Klappe, aber auch die mit der kleinsten Intelligenz ausgewählt. Dunkle Vorahnungen überkommen ihn, als er sieht, wer im Feld die wichtigen Entscheidungen treffen soll. Doch jetzt gibt es kein zurück mehr: Die Kompanie marschiert an die Front. Zu Kämpfen mit den verhassten Boches - den Deutschen - kommt es allerdings noch nicht. Dartemonts Kompanie stellt erst einmal die Reserve für die kämpfenden Truppen, die erst abgelöst werden, wenn sie 50 Prozent Verluste erlitten haben. Auch das beschäftigt den grüblerischen Jungen. Und nicht wenige Male überlegt er, welchen aus seiner Kompanie es erwischen wird. Viel Zeit darüber nachzudenken gibt es allerings nicht, mit stundenlangem Exerzieren und endlosen Schickanen wird den Soldaten die Zeit vertrieben, zeitgleich aber auch ihre Kräfte unnötig verbraucht. Dann muss die Kompanie an die vorderste Linie und kämpfen. Dabei erlebt Dartemont zum ersten Mal den Schrecken, vor dem ihm die Älteren gewarnt haben. Kurz darauf wird er verwundet und kommt in ein Lazarett. ´Dort verbringt er unbeschwerte Tage, obwohl er die Front nie lange aus seinen Gedanken fernhalten kann. Die Angst wieder zurück zu müssen und zu sterben bevor der Krieg aus ist wächst von Tag zu Tag. Dann darf Dartemont noch einmal kurz auf Heimaturlaub, muss aber feststellen, dass sein Vater sich für ihn schämt, weil er noch nicht befördert worden ist und die Menschen, die nicht täglich ihr Leben aufs Spiel setzten, den Krieg immer noch nicht in seiner ganzen Tragweite erfassen. Und dann wird Dartemonts schlimmste Befürchtung wahr: Er muss zurück an die Front, zum täglichen Überlebenskampf.
Mit "Heldenangst" ist Gabriel Chevallier ein beeindruckendes Buch gelungen, dass den Krieg in seiner ganzen unfassbaren Schrecklichkeit zeigt. Er erzählt von der Feigheit der Offiziere, von der Dummheit der Politiker und vor allem von den Ängsten, der die kämpfenden Truppen täglich ausgesetzt waren, während Granaten in ihren Unterstand únd Kugeln um ihre Ohren flogen. Chevallier malt eindrucksvolle Bilder einzelner Schlachten, schreckt dabei auch nicht vor brutalen Szenen zurück, vor abgerissenen Gliedmaßen und schrecklichen Verletzungen. Bei all dem behält er immer den Blickwinkel des Soldaten bei und macht dadurch das Erzählte authentisch.
Bezeichnend ist, dass das Buch vor dem Zweiten Weltkrieg verboten wurde, weil die Wahrheit über die ganze Brutalität des Krieges, kurz vor eines solchen, nicht angebracht wäre.
"Heldenangst" ist ein sehr gutes, lesenswertes Buch, geht das Thema uns doch alle an. Denn früher und vor allem auch heute noch ist an Krieg nichts Heldenhaftes zu finden.
Heldenangst