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Man war sich überhaupt nicht mehr klar darüber, in was man da hineingeheiratet hatte. Deutschland-Ost und Deutsch¬land-West übten noch, Deutschland zu sagen. Und da erschien Thomas Brussigs Schelmenroman, der die Mauer noch einmal einriss: Die Mauer aus Mystifikationen und Heldenlegenden, aus Schuldzuweisungen und Missverständnissen, die den Blick in die jüngere Vergangenheit der DDR verstellte. Diese Mauer fiel durch nichts anderes als das Gelächter, das Brussigs Roman auslöste. Ein großes gemeinsames Gelächter. Der Roman wurde ein Bestseller, weil er in einem wunderbaren neuen Ton über die schwere junge Vergangenheit redete.
Uhltzscht, diese Missgeburt, dieses Stasigewächs, dieser Flachschwimmer, ist einer der großen grotesken Helden der deutschen Literatur. Wie Oskar, der Blechtrommler, lebt Uhltzscht aus einem Missverhältnis. Sein Schöpfer hat ihn mit einem gigantischen sexuellen Appetit ausgerüstet und einem viel zu kleinen Organ zu dessen Befriedigung. Ein Missverhältnis, das ausschlaggebend ist. Er greift hoch und endet kurz, wie die ganze DDR, die sich in ihren besten Köpfen vielleicht einmal dem befreiten Menschen verschrieben hatte, doch lediglich in Knechtung und Abrichtung Form gewann und in der Abtötung aller Fortschritts-Impulse.
Brussig zeigt diesen Uhltzscht als Jedermann, und darin entfaltet er seine unglaubliche Wirkung. Er zeigt einen Mitmacher voller Komplexe, tyrannisiert von einer prüden Mutter und einem höhnischen schweigsamen Vater. Sie ist Hygiene-Inspektorin, er ist Stasioffizier, sie verkörpern also Sauberkeit und Ordnung geradezu lachhaft wörtlich in dieser engen und muffigen und gewöhnlichen Welt, und Brussigs Roman zieht gerade aus der Unaufwendigkeit des Terrors sein diabolisches Funkeln, sein gemeines Grinsen, sein großes Gelächter. Ein deutscher Entwicklungsroman, eher: die Karikatur auf alle großen Bildungsromane denn dieser Klaus Uhltzscht ist im Grunde schon mit seiner Geburt fertig.
Ja, schon der Name ist ja Programm. Sehen Sie sich doch nur diesen einsamen Vokal an, der unter der Last der Konsonanten ächzt. Das arme U kann schon nicht mehr aber trotzdem werden ihm weitere Konsonanten aufgeladen. Und das Klaus? Es steht für leidenschaftliche Artigkeit. ... Es ist zum Heulen, aber so wars meine Kindheit war ein Exzeß der Artigkeit.
Uhltzscht ist ein Produkt des DDR-Kleinbürgertums, das sich vom BRD-Kleinbürgertum dadurch unterschied, dass es seinen Teenagern noch wesentlich weniger Optionen bot, auszubrechen. In einer solchen Jugend ist Schönheit nur eine Ahnung, eine flüchtige Episode, wie jene Yvonne, die ihr Zimmer mit einem Petroleumlicht illuminiert und Uhltzscht nicht zuletzt dadurch verhext. Sie unternimmt etwas, um ¬genau das Licht zu haben, das sie haben will? Heißt das, Licht ist für sie mehr als etwas, das man ein- und ausschaltet? In diesen paar knappen Sätzen liegt das ganze Drama einer Sozialisation zur Hässlichkeit, die die DDR wie eine Art Rache am bourgeoisen Schönen vollzog.
Wenn Uhltzscht tagträumt, dann in Bild-Schlagzeilen. Er ist gleichzeitig größenwahnsinnig und voller Verklemmtheiten, und genau daraus ergibt sich dieser stereoskope Blick von boshafter Tiefenschärfe, von geradezu imposanter Un¬bestechlichkeit. Uhltzscht sieht weder sich selber noch die Figuren seiner Umgebung als Opfer. Das System war nicht unmenschlich. Es war nicht so, daß es nichts mit uns zu tun hatte. Es war menschlich, es verwickelte Menschen wie dich und mich, auf die eine oder andere Weise. Und darüber müssen wir reden. Über dich und mich. Über uns. Über das gegenseitige Kränken und Demütigen. Über das Abducken. Über das menschlich Miese. Lauter Hammersätze, die eingebettet sind in eine realsozialistische Harlekinade und daher das Grauen genauso evozieren wie das Lächeln.
Einer der Höhepunkte dieses modernen Schelmenromans ist die Kommentierung jener Rede, die Christa Wolf auf der Protestveranstaltung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz gehalten hat. Sie wird vom Stasibeobachter Uhltzscht hinreißend komisch und kenntnisreich zerpflückt. Hier wird eine Dissidentenlegende durch nichts anderes entzaubert als durch Sprachkritik.
Als ich im Wendejahr im Palasthotel in Ost-Berlin wohnte und meine Reportagen für den SPIEGEL schrieb, arbeitete Thomas Brussig als Nachtportier dort. Er muss bereits damals das Material abgespeichert haben für einen Roman, den er später schreiben sollte und in dem er diesen Hamburger Reporter treffend skizziert.
Hätte er sich damals schon mit diesem Reporter einmal zusammengesetzt, hätten beide gemeinsam gelacht. Und wenn er ihm erzählt hätte, dass der Mauerfall in Wahrheit durch einen blassen Denunzianten namens Uhltzscht verursacht worden war, der im entscheidenden Moment sein Gehänge präsentierte, hätte ihm der Reporter aufs Wort geglaubt, denn er hat eine Schwäche für komische Geschichten. Und überhaupt: kann es denn einen schöneren Gründungsmythos für das neue Deutschland geben als diesen?
Rückwirkend also darf noch einmal gelacht werden über die deutsche Revolution, und das raubt den vielen deutschen Helden, die es ja gegeben hat, überhaupt nichts von ihrem Glanz. Ja, es verstärkt das Leuchten, das es damals gab und das überall war, in den Augen, im Sprühregen, in den Umarmungen, in den Peitschenlampen an der Mauer 1989.
Bei Brussig lacht man, denn er zeigt die vertrackte Magie jener entscheidenden Monate als überbordenden Mummenschanz.
Nachwort von Matthias Matussek zu Helden wie wir. SPIEGEL-Edition Band 10
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