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Helden wie wir. Jubiläums- Edition.
 
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Helden wie wir. Jubiläums- Edition. [Broschiert]

Thomas Brussig
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (52 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Der Spiegel

Die Kunst der Groteske
Als „Helden wie wir“ erschien, 1995, war die deutsche Einheit noch eine Baustelle. Die Tage, in denen sich die Deutschen aus Ost und West jubelnd und weinend um den Hals gefallen waren, waren vorbei, doch immerhin, auch an die Kehle gingen sie sich nicht mehr, wie es auf Familienfeiern ja sonst oft passiert. Stattdessen erholte man sich ein bisschen voneinander, suchte die eigenen Quartiere auf, erschöpft, ein wenig enttäuscht und sicher auch misstrauisch.

Man war sich überhaupt nicht mehr klar darüber, in was man da hineingeheiratet hatte. Deutschland-Ost und Deutsch¬land-West übten noch, „Deutschland“ zu sagen. Und da erschien Thomas Brussigs Schelmenroman, der die Mauer noch einmal einriss: Die Mauer aus Mystifikationen und Heldenlegenden, aus Schuldzuweisungen und Missverständnissen, die den Blick in die jüngere Vergangenheit der DDR verstellte. Diese Mauer fiel durch nichts anderes als das Gelächter, das Brussigs Roman auslöste. Ein großes gemeinsames Gelächter. Der Roman wurde ein Bestseller, weil er in einem wunderbaren neuen Ton über die schwere junge Vergangenheit redete.

Uhltzscht, diese Missgeburt, dieses Stasigewächs, dieser Flachschwimmer, ist einer der großen grotesken Helden der deutschen Literatur. Wie Oskar, der Blechtrommler, lebt Uhltzscht aus einem Missverhältnis. Sein Schöpfer hat ihn mit einem gigantischen sexuellen Appetit ausgerüstet und einem viel zu kleinen Organ zu dessen Befriedigung. Ein Missverhältnis, das ausschlaggebend ist. Er greift hoch und endet kurz, wie die ganze DDR, die sich in ihren besten Köpfen vielleicht einmal dem befreiten Menschen verschrieben hatte, doch lediglich in Knechtung und Abrichtung Form gewann und in der Abtötung aller Fortschritts-Impulse.

Brussig zeigt diesen Uhltzscht als Jedermann, und darin entfaltet er seine unglaubliche Wirkung. Er zeigt einen Mitmacher voller Komplexe, tyrannisiert von einer prüden Mutter und einem höhnischen schweigsamen Vater. Sie ist Hygiene-Inspektorin, er ist Stasioffizier, sie verkörpern also Sauberkeit und Ordnung geradezu lachhaft wörtlich in dieser engen und muffigen und gewöhnlichen Welt, und Brussigs Roman zieht gerade aus der Unaufwendigkeit des Terrors sein diabolisches Funkeln, sein gemeines Grinsen, sein großes Gelächter. Ein deutscher Entwicklungsroman, eher: die Karikatur auf alle großen Bildungsromane denn dieser Klaus Uhltzscht ist im Grunde schon mit seiner Geburt fertig.

Ja, schon der Name ist ja Programm. „Sehen Sie sich doch nur diesen einsamen Vokal an, der unter der Last der Konsonanten ächzt. Das arme U kann schon nicht mehr – aber trotzdem werden ihm weitere Konsonanten aufgeladen.“ Und das Klaus? Es steht für leidenschaftliche Artigkeit. „... Es ist zum Heulen, aber so war’s – meine Kindheit war ein Exzeß der Artigkeit“.

Uhltzscht ist ein Produkt des DDR-Kleinbürgertums, das sich vom BRD-Kleinbürgertum dadurch unterschied, dass es seinen Teenagern noch wesentlich weniger Optionen bot, auszubrechen. In einer solchen Jugend ist Schönheit nur eine Ahnung, eine flüchtige Episode, wie jene Yvonne, die ihr Zimmer mit einem Petroleumlicht illuminiert und Uhltzscht nicht zuletzt dadurch verhext. „Sie unternimmt etwas, um ¬genau das Licht zu haben, das sie haben will? Heißt das, Licht ist für sie mehr als etwas, das man ein- und ausschaltet?“ In diesen paar knappen Sätzen liegt das ganze Drama einer Sozialisation zur Hässlichkeit, die die DDR wie eine Art Rache am bourgeoisen Schönen vollzog.

Wenn Uhltzscht tagträumt, dann in „Bild“-Schlagzeilen. Er ist gleichzeitig größenwahnsinnig und voller Verklemmtheiten, und genau daraus ergibt sich dieser stereoskope Blick von boshafter Tiefenschärfe, von geradezu imposanter Un¬bestechlichkeit. Uhltzscht sieht weder sich selber noch die Figuren seiner Umgebung als Opfer. „Das System war nicht unmenschlich. Es war nicht so, daß es nichts mit uns zu tun hatte. Es war menschlich, es verwickelte Menschen wie dich und mich, auf die eine oder andere Weise. Und darüber müssen wir reden. Über dich und mich. Über uns. Über das gegenseitige Kränken und Demütigen. Über das Abducken. Über das menschlich Miese.“ Lauter Hammersätze, die eingebettet sind in eine realsozialistische Harlekinade und daher das Grauen genauso evozieren wie das Lächeln.

Einer der Höhepunkte dieses modernen Schelmenromans ist die Kommentierung jener Rede, die Christa Wolf auf der Protestveranstaltung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz gehalten hat. Sie wird vom Stasibeobachter Uhltzscht hinreißend komisch und kenntnisreich zerpflückt. Hier wird eine Dissidentenlegende durch nichts anderes entzaubert als durch Sprachkritik.

Als ich im Wendejahr im Palasthotel in Ost-Berlin wohnte und meine Reportagen für den SPIEGEL schrieb, arbeitete Thomas Brussig als Nachtportier dort. Er muss bereits damals das Material abgespeichert haben für einen Roman, den er später schreiben sollte und in dem er diesen Hamburger Reporter treffend skizziert.

Hätte er sich damals schon mit diesem Reporter einmal zusammengesetzt, hätten beide gemeinsam gelacht. Und wenn er ihm erzählt hätte, dass der Mauerfall in Wahrheit durch einen blassen Denunzianten namens Uhltzscht verursacht worden war, der im entscheidenden Moment sein Gehänge präsentierte, hätte ihm der Reporter aufs Wort geglaubt, denn er hat eine Schwäche für komische Geschichten. Und überhaupt: kann es denn einen schöneren Gründungsmythos für das neue Deutschland geben als diesen?

Rückwirkend also darf noch einmal gelacht werden über die deutsche Revolution, und das raubt den vielen deutschen Helden, die es ja gegeben hat, überhaupt nichts von ihrem Glanz. Ja, es verstärkt das Leuchten, das es damals gab und das überall war, in den Augen, im Sprühregen, in den Umarmungen, in den Peitschenlampen an der Mauer 1989.

Bei Brussig lacht man, denn er zeigt die vertrackte Magie jener entscheidenden Monate als überbordenden Mummenschanz.

Nachwort von Matthias Matussek zu Helden wie wir. SPIEGEL-Edition Band 10 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Helden wie wir
OA 1995 Form Roman Epoche Gegenwart
Helden wie wir wurde von der Kritik als »heiß ersehnter Wenderoman« gefeiert und machte den Autor Thomas Brussig schnell bekannt. Mit beißender Satire behandelt das Werk Hierarchien und Vorbilder der ehemaligen DDR.
Inhalt: Der Ich-Erzähler Klaus Uhltzscht behauptet von sich, er allein habe die Berliner Mauer zu Fall gebracht. Auf die Frage eines Reporters der New York Times, wie ihm dies gelungen sei, erzählt er seine Lebensgeschichte. Uhltzscht wird am 20. August 1968, dem Tag des Einmarschs der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei, geboren. Er wächst im Ostteil Berlins auf, wo seine Familie in einer Wohnung direkt gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit lebt. Von seinem Vater wird Klaus für einen Versager gehalten, die hygienebewusste Mutter tritt seinem erwachenden Interesse am Geschlechtlichen mit einer lustfeindlichen Tabuisierung entgegen. Dabei interessiert sich Klaus nahezuzu ausschließlich für seine sexuelle Entwicklung: Die stete Sorge um sein zu klein geratenes Glied bildet den zentralen Bezugspunkt seiner Existenz.
Als Erwachsener wird Uhltzscht zum gewissenhaften Mitarbeiter der Staatssicherheit und rettet 1989 Erich Honecker durch eine Bluttransfusion das Leben. Während der Demonstrationen am 4. November desselben Jahres stürzt er und verletzt sich an seinem Geschlecht, das sich als Folge der notwendigen Operation immens vergrößert. Am 9. November ist Uhltzscht dabei, als sich Menschenmassen vor dem Grenzübergang an der Bornholmer Straße versammeln und dessen Öffnung fordern. Er beobachtet die vergeblichen Versuche der Anwesenden, die Grenzbeamten zu überzeugen. Einem plötzlichen Einfall folgend entblößt Uhltzscht sein Glied und nutzt den Moment ungläubigen Staunens bei den Grenzern, um das Gitter aufzustoßen. Nicht das Volk bewirkte die Grenzöffnung, sondern allein Klaus Uhltzscht – so will es der Bericht des Erzählers.
Aufbau: Helden wie wir ist in der Art eines Schelmenromans geschrieben. Brussig lässt seinen Erzähler aus der Perspektive des Außenseiters, des Versagers berichten – der sich allerdings seiner »historischen Bedeutung« bewusst ist. Der Protagonist trägt nicht umsonst den komplizierten Nachnamen Uhltzscht, der ihn bereits bei der Einschulung aus der Klassengemeinschaft aussondert, da die Lehrerin diesen Zungenbrecher nicht auszusprechen vermag. Mit naivem Blick bewegt sich der Erzähler durch 20 Jahre DDR-Geschichte. Zwar wird er mit allen erdenklichen Auswüchsen des Staatsapparats konfrontiert, doch bleibt er hiervon weitgehend unberührt, da er viel zu sehr auf sich und seinen Geschlechtsapparat konzentriert ist. Unfreiwillig und passiv, ein reiner Mitläufer, gerät Uhltzscht immer wieder in Kontakt mit den politischen Ereignissen. Historische Geschichte wird so im Kontext einer privaten Lebensgeschichte ironisch gebrochen; Brussig lässt seinen Erzähler den entscheidenden Verknüpfungspunkt gleich zu Beginn ansprechen: »Die Geschichte des Mauerfalls ist die Geschichte meines Pinsels.«
Brussig nimmt mehrmals Bezug auf literarische und nicht literarische Werke. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Auseinandersetzung mit Christa R Wolf im letzten Kapitel; ihre Rede am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz wird wörtlich zitiert und ironisch kommentiert.
Wirkung: In den Medien hoch gelobt, wurde Helden wie wir zum Bestseller. Brussig ließ seinem Roman eine dramatisierte Fassung folgen, die 1996 uraufgeführt wurde. Am 9. November 1999, dem zehnten Jahrestag der Grenzöffnung, hatte die ebenfalls sehr erfolgreiche Verfilmung unter gleichem Titel Premiere. S. D. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Pressestimmen

'Ich empfehle es Ihnen - das Buch - es ist ein herzerfrischendes Gelächter.' (Wolf Biermann in: Der Spiegel)

Kurzbeschreibung

Die deutsche Geschichte muß umgeschrieben werden: Klaus Uhltzscht war es, der die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht hat! Dabei ist Klaus, der Sachenverlierer und Multi-Perverse, eigentlich ein Versager par excellence. Als Sohn eines Stasi-Spitzels und einer Hygieneinspektorin wächst er zwischen Jogginghosen und Dr. Schnabels Aufklärungsbuch auf, bleibt im Sportunterricht auf ewig ein Flachschwimmer und hofft vergeblich, in der Arbeitsgemeinschaft Junge Naturforscher berühmt zu werden. Auch sein großer Traum, als Topagent bei der Stasi zu arbeiten, erfüllt sich leider nicht. Dafür aber wird er, der inzwischen eine Perversionskartei erfunden hat, zum persönlichen Blutspender Erich Honeckers. Jetzt, da auch noch die Mauer durch - man höre und staune - seinen Penis fiel, packt Klaus aus und erzählt von seinem ruhmreichen Leben. Keiner hat bislang frecher und unverkrampfter den kleinbürgerlichen Mief des Ostens gelüftet als Thomas Brussig. Mit beißender Ironie und nicht mehr zu überbietender Komik durchleuchtet er die DDR in ihrer ganzen Spießigkeit. Ein Lesevergnügen allererster Ordnung!

carpe.com

Von der Lektüre dieses Buches wurde mir abgeraten: die Zeit sei zu schade dafür. Doch dann wurde Thomas Brussig in Literatursendungen mehrfach erwähnt, sein Buch stand nagelneu in meinem Schrank und man soll sich ja seine eigene Meinung bilden. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein Buch nicht ganz gelesen habe. Es ist mein Ehrgeiz, dies zu vermeiden, hat man doch bereits Geld und Zeit investiert.

Die Helden wie wir starteten fulminant, wenn auch der Stil gewohnungsbedürftig ist. Doch dann wurde das fiktive Interview mit Mr. Kitzelstein durchgehalten. Das Buch besteht zu einem Drittel aus Fragen. Willkürlich habe ich gerade die Seiten 80 und 81 aufgeschlagen: Es wimmelt von Fragezeichen. Zum Zählen bin ich zu faul. Die gelegentlich sehr guten Einfälle reissen das Werk nicht heraus. Es ist größtenteils langweilig und sich ständig wiederholend. Nach der oben erwähnten Einlesephase findet man es recht witzig, doch die Wiederholungen hielt ich nicht aus. Gegen größten Widerstand meines Ehrgeizes stellte ich auf Seite 242 (wo ist der Applaus?) die Lektüre ein. Ich kann nur jedem abraten. Hoffentlich führt das nicht zur Situation der drei Gangster in der trockenen mexikanischen Sierra. Tagelang waren sie schon geritten, seit Stunden hatten sie keinen Tropfen Wasser mehr. Da sehen sie einen Schuppen, sie stürmen hinein und auf dem Tisch steht eine geöffnete, riesengroße Dose. Jim setzt an, säuft und stellt die Dose angewidert ab: "Äh, Salatöl!" John schnappt sie, säuft und haut sie auf den Tisch: "Pfui, Salatöl!" Da greift Bill danach: "Mich könnt ihr nicht täuschen!", säuft und säuft und wirft die Dose in die Ecke: "Schweinerei, es ist wirklich Salatöl!" -- Also: Hände weg von Helden wie wir. --Herbert Huber -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Autorenportrait

Thomas Brussig, 1965 in Berlin geboren, wuchs im Ostteil der Stadt auf und arbeitete nach dem Abitur u.a. als Möbelträger, Museumspförtner und Hotelportier. Er studierte Soziologie und Dramaturgie und debütierte 1991 unter Pseudonym mit einem Roman. 1996 erschien sein in zahlreiche Sprachen übersetzter und auch als Bühnenfassung erfolgreicher Roman "Helden wie wir". 1999 erhielt er - zusammen mit Leander Haußmann - den Drehbuchpreis der Bundesregierung.

Auszug

Ich darf von mir behaupten, durch ein ganzes Panzerregiment Geburtshilfe genossen zu haben, ein Panzerregiment, das am Abend des 20. August 1968 in Richtung Tschechoslowakei rollte und auch an einem kleinen Hotel im Dörfchen Brunn vorbeikam, in dem meine Mutter, mit mir im neunten Monat schwanger, während ihres Urlaubs wohnte. Motoren dröhnten, und Panzerketten klirrten aufs Pflaster In Panik durchstieß ich die Fruchtblase, trieb durch den Geburtskanal und landete auf einem Wohnzimmertisch. Es war Nacht, es war Hölle, Panzer rollten, und ich war da: Die Luft stank und zitterte böse, und die Welt auf die ich kam, war eine politische Welt.

Mr. Kitzelstein, wie Sie sehen, habe ich, meiner historischen Verantwortung voll bewußt, bereits damit begonnen, die Geschichte meines Lebens aufzuschreiben, auch wenn ich gestehen muß, daß ich in zwei Jahren nicht über den ersten Absatz hinausgekommen bin. Mir schwebte eine Autobiographie vor, in der ich mir voller Ehrfurcht begegne und die auch sonst so a la europäischer Zeitzeuge angelegt ist - und die mich sowohl für den Literatur- als auch den Friedensnobelpreis ins -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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