Es gibt Alben, die ein unverwechselbares Feeling erzeugen. Joni Mitchells HEJIRA (1976) zählt zu den raren Gesamtkunstwerken in der Popmusik, jenen Alben, wo alles passt - von den Texten bis zum Artwork. Das wohl melancholischste Album Mitchells gibt in seinen neun karg instrumentierten, äußerst introvertierten Songs exakt jene Stimmung wieder, zu der das Cover auf der Vorderseite anregt: die endlose Weite eines einsamen Highways, die winterliche Kälte eines verschneiten Feldes. Der Albumtitel - "Hidschra" nach der historischen Flucht des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina 622 n.Chr. - steht für Rückzug, innere Einkehr, Sinnsuche.
HEJIRA ist eine Art musikalisches Roadmovie, entstanden während Mitchells längere Fahrt quer durch die Staaten, von Maine an der Ostküste zurück nach Kalifornien. Joni Mitchell erzählt vom Absteigen in Motels und flüchtigen Bekanntschaften ("Coyote", "Blue Motel Room", "Furry Sings The Blues", "A Strange Boy"), sinniert über Seelenverwandte wie die tragisch verunglückte Pilotin Amelia Earhart ("Amelia"), philosophiert über den inneren Zwiespalt zwischen Freiheitsdrang und Verwurzelung ("Song For Sharon", "Refuge Of The Roads") bis hin zur beinahe narzisstischen Selbstsuche ("Hejira"). Und irgendwie fängt HEJIRA wohl auch den Geist der ausklingenden Flower-Power-Ära ein, just als mit dem Punk die Desillusionierung in der Popmusik Einzug hielt. Mit dem verspielten Folk von Joni Mitchells frühen Alben hat das spartanisch instrumentierte HEJIRA nur wenig zu tun.
Denn HEJIRA klingt existentialistisch, bisweilen depressiv. "There's comfort in melancholy, when there's no need to explain" ("Hejira"). "Refuge Of The Roads" atmet kosmische Leere, der Titelsong beschreibt die Flucht in die Einsamkeit: "In our possess of coupling so much could not be expressed". Neben dem Drang nach persönlicher Freiheit aber ist es die Selbstsucht, die die Hingabe erschwert, das Liebesverlangen aber nicht mildert und zu Enttäuschungen führt ("Amelia"). Affären bleibt aber wenig Erfolg beschieden, trennen die Liebenden doch Welten voneinander ("Coyote"). Obwohl das Glücksversprechen der Liebesheirat nicht eingelöst werden kann, bleibt die bittere Sehnsucht danach ("Song For Sharon").
Musikalisch besticht neben Mitchells charakteristischem Gitarrenspiel natürlich der legendäre Fusion-Bassist Jaco Pastorius: Mit seinem unnachahmlichem Stil auf dem Fretlessbass sorgt er auf "Coyote", "Hejira", "Black Crow" und "Refuge Of The Roads" für die melodische Grundierung. Unter den elf Sessionmusikern befand sich neben Joni Mitchells angestammtem Leadgitarristen Larry Carlton auch Neil Young, der seine Harmonica für "Furry Sings The Blues" beisteuerte. Auffällig ist die für Joni Mitchells Verhältnisse ungewöhnliche Länge der meisten Tracks, die - wie bei "Song For Sharon" - schon mal die achteinhalb-Minuten-Marke erreicht.
In Joni Mitchells musikalischer Entwicklung war HEJIRA nach THE HISSING OF SUMMER LAWNS das zweite von insgesamt vier hintereinander folgenden jazzorientierten Alben. Die Mischung aus intelligenten Texten (wie immer) und außergewöhnlicher Musik aber macht aus HEJIRA eines von Joni Mitchells besten Werken, in einer Linie mit BLUE oder COURT AND SPARK.