Die Idee zu dieser Box ist schon viele Jahre alt, und auch als alle Beteiligten sich einig waren, das Ding wirklich zu machen, dauerte es noch über 2 Jahre bis zur VÖ. Zum Einen wohl, weil viele Rechteinhaber zusammengebracht werden mußten (WEA, Rockpalast, NDR etc), aber auch weil in allen Bereichen hohen Ansprüche erfüllt werden sollten.
Zunächst mal sei erwähnt, dass die oben aufgeführten 457 Minuten nur die Konzerte umfassen. Mit den über 3 Stunden Bonusmaterial sind wir aber bereits weit über 10 Stunden Spieldauer, und dazu gesellt sich auch noch eine 74-minütige CD aus der "Einer für Alle"-Phase.
Herzstück der Box ist der "Abend mit Brille" aus 1991, den die WEA seinerzeit als VHS veröffentlicht hatte, und dessen Wiederveröffentlichung fast seit Markteinführung der DVD diskutiert wurde. Da HRK aber inzwischen lange nicht mehr bei der WEA ist, war das offenbar sehr schwierig. Das lange Warten hat sich aber nicht nur sprichwörtlich gelohnt, weil wir nun statt der 96-minütigen VHS die komplette 172-minütige Rockpalastaufzeichnung mit allem Drum und Dran bekommen. Jetzt sind alle Songs dabei die seinerzeit rausgenommen wurden, und sämtliche Sprechtexte dazu. Besonderes Highlight übrigens eine verzückende Coverversion von "You can´t always get what you want", selbstverständlich mit dem Bläserquartett Rumour Brass. Übrigens natürlich komplett remastert, wobei Heiner Lürig aus den nicht mehr ganz neuen Bändern alles rausgeholt was geht.
Die anderen 3 Konzerte in dieser Box liefen ebenfalls im TV, und liegen einigen Fans noch als völlig abgenudelte VHS-Kopien vor, und können nun endlich in die Entsorgung verabschiedet werden. Hier entsteht der Unterschied von Tag und Nacht nicht nur wegen dem Remastering, sondern auch weil der Zahn der Zeit die alten Bänder längst ruiniert hatte. Ich selbst wagte sie wegen der Selbstzerstörungsgefahr gar nicht mehr abzuspielen. :-))
Der Popkomm-Auftritt von 1994 wurde auch vom Rockpalast aufgezeichnet, kommt hier aber spannender daher als seinerzeit im TV. Damals wurde das HRK-Konzert, übrigens aus der "Macht Musik-Phase mit vielen live unveröffentlichten Songs" von Gastauftritten der Sterne oder The Tea Party unterbrochen, die hier natürlich nicht dabei sind. Zudem gibt es hier mehr als im TV, wo die Sendezeit bereits durch war bevor die Show endete. Trotzdem ist es natürlich kein komplettes Konzert der "Macht Musik"-Tour, aber doch mit Schwerpunkt auf die seinerzeit neuen Stücke. Deshalb gibt es einige live unveröffentlichte Songs wie "Goethes Banjo", "Sex mit Hitler", oder "Freier Fall",die selbst dem Hardcoresammler in der Sammlung fehlten.
Die 85er Aufzeichnung aus der Fabrik, eine der ersten Shows mit Heiner Lürig überhaupt, wurde vom NDR aufgezeichnet, und ist leider nur eine schlappe Stunde lang. Sie ist aber vor allem deshalb auch sehr spannend, weil sie die neue Ära ganz kurz vor dem kommerziellen Durchbruch im direkten Vergleich mit der Zeit davor dokumentiert.
Diese Zeit wird nämlich vom Markthallenkonzert im Frühjahr des gleichen Jahres brilliant repräsentiert. Diese 2 1/2-stündige Show war die erste Rockpalastproduktion mit HRK und Verstärkung. Das legendäre WDR-Format um Peter Rüchel hat, abgesehen von Bap, wohl keinen deutschen Künstler so oft im Programm gehabt. Dieses Konzert wimmelt nur so von Raritäten, u.a. sogar Songs die nie auf ein Studioalbum gelangten. Für Altfans von HRK ist es der nostalgische Höhepunkt dieser Box.
Noch ein paar Sätze zur Bonus-DVD: Die ist nicht nur hochinteressant, sondern auch ziemlich mutig. In den Interviews werden nämlich auch Reizthemen angefasst, die sich um Line Up-Veränderungen in der Band ranken. Heinz schildert eindrücklich, wie er seinem Freund Mick Franke dessen Rauswurf übermitteln mußte. 10 Jahre später wurden 4 Musiker auf einmal ausgetauscht, die alle zu Wort kommen und teilweise recht schonungslos darüber erzählen. Auch die leidige Geschichte der Kündigung per Fax wird thematisiert.
Aber es geht natürlich auch um andere Sachen wie die DDR-Konzerte, die schönsten Hotelgeschichten, usw.
Auch Sequenzen aus dem Proberaum haben sich einige gefunden.
Ja, für Fans ist die Box sowieso ein Geschenk, aber auch wer den Heinz wohlwollend, wenn auch nur aus der Ferne beobachtet, darf hier zugreifen.
Turbine hat hier ein Schmuckkästchen zusammengebastelt, dass für zahlreiche Überraschungen sorgt. Und nicht zufällig ist HRK einer von ganz wenigen im Land, denen so ein aufwendiges Paket gewidmet wird. Man muss schon ein bißchen was geleistet haben, dass ein Label trotz seit Jahren sehr schwierigem Tonträgermarkt ein Produkt mit 25 Jahre alten deutschsprachigen Aufnahmen ins Rennen schickt. Ein bißchen liegt es wohl auch daran, dass der Turbine-Chef selbst glühender HRK-Verehrer ist.
An der Höchstwertung führt kein Weg vorbei.