Heinz Berggruen (1914-2007) war ein außerordentlich erfolgreicher Geschäftsmann,
dem es gegen Ende seines Lebens gelang, auch noch den Ruf eines großen Kunstsammlers
zu erwerben, um damit alle Fragen nach der Dimension und Rechtmäßigkeit seines
Offshore-Vermögens zum Verstummen zu bringen.
Vivien Stein führt in dieser ersten Biografie des Multimillionärs einen Indizienprozeß
gegen das Lügenkonstrukt, mit dem Berggruen sich selbst zum Freund großer Künstler
und zum selbstlosen Spender ihrer Werke stilisierte.
Das Buch ist sehr sorgfältig recherchiert, klug und nüchtern geschrieben,
und seine Anklagen sind ausnahmslos durch Dokumente und Zeugen belegt.
Die Lektüre gerät für den wirklich interessierten Leser freilich zur Arbeit, weil er ständig
zwischen dem Haupttext und dem über hundertseitigen, zweispaltig eng gesetzten
Quellenteil hin und her pendelt, meist mit dem größten Gewinn.
Kurz: Ein denkmalstürzendes "J'accuse!" und ein hinreißender Beweis für die Kraft
des gedruckten Buchs im Zeitalter der digitalen Beliebigkeit. Denn niemand hätte
aufgeschrien und sich als Mitbetroffener geoutet, wenn Vivien Stein ihre Erkenntnisse
einfach dem Internet anvertraut hätte.
Aber das Buch hat noch eine andere Dimension, und sie drängt sich erst auf,
wenn man damit fertig ist. Man fragt sich nämlich, was heute eigentlich ein Kunstmuseum ist.
Ein Endlager für unversteuerte Gewinne, wie das "Museum Berggruen"?
Ein Ausstellungsort für Spekulanten, um die Waren vor der Auktion mit dem Gütesiegel
"Museumsqualität" zu versehen?
Dieses Buch führt am Beispiel der Londoner und Berliner Museumsszene eindrücklich
vor, wie das Erbe der klassischen modernen Kunst zu einem gigantischen Hedge Fond
verkommen ist. Händler und Sammler, Kuratoren und Politiker, Touristen und Unternehmen
können das Museum heute ungestraft als Eventpalast benutzen. Denn die unverbrauchte
Qualität großer Kunst ist nur noch das politisch korrekte Alibi, mit dem die Konsumenten
zum bestaunten und gerahmten Marktwert pilgern.