Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Schon während des laufenden Abdruckes wurde vielfach der Wunsch geäußert, diese Sammlung von kurzen populärwissenschaftlichen Aufätzen auch in Buchform zur Verfügung zu haben. Für eine Realisierung ergaben sich jedoch betr¨achtliche Hindernisse, wie mir der Autor berichtete. Ich selbst hatte damals mein Ingenieurs-Studium gerade erfolgreich beendet, der Einstieg in den Beruf zeichnete sich ab. Andererseits fiel es mir schwer, zu verstehen, daß diese bemerkenswerte Artikelserie keinen Verleger und mithin auch keine Buchform finden sollte. Letztlich blieb nur, einen eigenen Verlag zu gründen, um die Historischen Reportagen herauszugeben. Mit Erfolg, da in kürzester Zeit eine zweite Auflage erforderlich wurde. Und es ist hinzuzufügen, daß bis heute im Zelter-Verlag eine ganze Reihe von Titeln zwischen Belletristik und Sachbuch nachgefolgt sind.
Die erste und zweite Auflage des Buches über Heinrich den Löwen standen unter dem Zwang, rasch zu handeln. Und insofern mußte auf eine Ausstattung mit Abbildungen weitgehend verzichtet werden. In der nun vorliegenden 3. Auflage ist dieses Manko endlich behoben. Angesichts der fortdauernden Debatte um die neue Rechtschreibung bewahrt die Ortographie jedoch die alte Form, wie auch am Textbestand nichts Wesentliches geändert werden mußte. Wer die Historischen Reportagen aufmerksam liest, wird feststellen, daß sich die Grundfragen nach dem Zusammenleben der Menschen innerhalb ihres Kulturkreises und an den Berührungspunkten mit anderen Kulturen durch die Zeiten hindurchpausen. Daneben ist viel von der Faszination jenes 12. Jahrhunderts bis heute geblieben. In diesem Sinne wünsche ich den Leserinnen und Lesern dieser neuen Ausgabe ein beträchtliches Maß an Freude und Erkenntnis. Björn Zelter
Der Autor über sein Buch
Umgang mit der Geschichte. Mit dem angeführten Zitat eröffnet der französische Historiker Marc Bloch eine Diskussion um die Frage der historischen Erkenntnis. Eine seiner Beobachtungen: Man sieht die Vergangenheit immer auf dem Hintergrund der eigenen Welterfahrung. Der produktive Faktor in der Geschichtsbetrachtung entsteht dann aus dem Kontrast der beiden Welten, der gegenwärtigen und der vergangenen. So ist es auch beim hier behandelten Thema - die ganze Wirklichkeit der Welt vor 800 Jahren können wir niemals erfassen. Im Versuch des Erkennens liegt die Chance, zugleich sich selbst besser zu verstehen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Geschichtswissenschaft in ihren Fragestellungen selbst gewandelt, verstärkte Aufmerksamkeit finden sozial- und kulturhistorische Entwicklungslinien. Daneben lassen sich auch neue Darstellungsformen erkennen, die in einer populären oder populärwissenschaftlichen Manier das Publikum ansprechen. Nimmt man die Gattung der Biographie, so beeindrucken bei den jüngeren Ansätzen vor allem die schonungslose Ehrlichkeit gegenüber dem historischen Subjekt (W. Hildesheimer) und die collageähnlichen Verfahren, die uns ein mosaikartiges Zeitbild vorführen (D. Kühn). Als ungewöhnliche Form einer Biographie möchte auch das vorliegende Buch verstanden werden.
Heinrich der Löwe. Der Kaiserenkel und Welfe Heinrich der Löwe (geb. um 1130, gest. 1195) gehört zu den entscheidenden Persönlichkeiten in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Als Herzog von Sachsen und Bayern zuerst politischer Partner, dann hartnäckiger Widersacher des Kaisers Friedrich I. Barbarossa, prägte er vor allem die norddeutsche Geschichte. Hervorzuheben ist seine zeitweilig königsgleiche Stellung in den Gebieten zwischen Elbe und Ostsee. Das traditionelle Amtsgebiet der (nieder-) sächsischen Herrschaft erstreckte sich vom Weserbergland bis zur Unterelbe, das Eigengut Heinrichs konzentrierte sich besonders um die Orte Braunschweig und Lüneburg. Schon die Zeitgenossen bestaunten den ungeheuren Reichtum dieses Fürsten. Über seine eigene Zeit hinaus läßt sich eine lange Wirkungsgeschichte Heinrichs des Löwen besonders in zwei Bereichen feststellen: Die damals für den Ostseehandel eingeleitete Entwicklung bereitete der Hanse ihren Weg und prägte den norddeutschen Wirtschaftsraum in den folgenden Jahrhunderten, in denen nun das städtische Patriziat den Ton angab. Während die ersten Verbindungen der Städte untereinander noch heranwuchsen, kristallisierte sich das welfische Herzogtum Braunschweig-Lüneburg heraus (1235 reichsrechtliche Anerkennung). Dieses Gebiet blieb, ungeachtet kleiner Veränderungen, bis in das vergangene Jahrhundert erhalten. Der bayrische Teil seiner Herrschaft erscheint bei Herzog Heinrich in der Bedeutung nachgeordnet, die nicht sehr hohe Zahl seiner Aufenthalte dort belegt, daß es sich im Vergleich mit dem sächsischen Herzogtum um eine wenig genutzte Herrschaftsposition gehandelt hat. In Bayern werden die Welfen nach dem politischen Sturz Heinrichs des Löwen von den Wittelsbachern abgelöst.
Spuren. Historische Erinnerungszeichen, Spuren und Zeugnisse für das Wirken des Herzogs finden sich an vielen Orten in Norddeutschland. Aus seiner eigenen Zeit stammen Werke der Kunst und Baukunst. In diesen Kreis der materiellen Hinterlassenschaften gehört auch das - vom Auktionspreis her gesehen -- teuerste Buch der Welt: ein Prunkevangeliar, in Auftrag gegeben vom Herzog und seiner zweiten Ehefrau Mathilde, der englischen Königstochter. Aber auch etliche Städte, etwa Lübeck, Schwerin, Stade und Braunschweig, verdanken ihre Existenz oder den Aufschwung der bewußten Förderung des Herzogs. Die damals angelegten Stadtviertel sind in ihrem Grundriß fast immer erhalten geblieben, die damaligen Wege lassen sich heute noch beschreiten. Anderes paust sich in Strukturmustern bis in die heutige Zeit durch: Dazu gehören politische Grenzen und sogar die Umrisse von kirchlichen Bezirken, feststellbar für die vor acht Jahrhunderten neu formierten Bistümer nördlich der Elbe. Auch dies sind Spuren des Löwen. Entscheidender für einen historischen Rückblick allerdings sind die Fragen nach den konkreten Lebensbezügen in damaliger Zeit. Dieser Teil von Geschichte muß aus den schriftlichen Zeugnissen jener Zeit "herausgelesen" werden. Als weitere Quellen der Erkenntnis sind bildliche Zeugnisse und auch materielle Hinterlassenschaften aus dem Alltagsleben anzuführen. Bruchstücke, Splitter, isolierte Einzelzeugnisse sind geblieben - aus ihnen ist mit wissenschaftlicher Umsicht Kenntnis abzuleiten.
Reportagen. Das vorliegende Buch hat seine Gestalt gewonnen durch ein reportageähnliches Verfahren. Insgesamt sind 34 Themen aufgegriffen: Jede Episode ist in sich abgeschlossen, einige sind im direkten Zusammenhang zu lesen. Durch das weite Spektrum an Sachgebieten - politische Geschichte, Sozialgeschichte, Kultur, Kunst, Forschung - war eine chronologische Anordnung in einem strengen Sinne nicht möglich. Dennoch spiegeln sich in der Reihenfolge der Kapitel auch biographische Lebensstationen des Herzogs wider. In der Themenauswahl zeigt sich die Auffassung, Geschichte als gesamtes Lebensgeschehen zu begreifen. Dieser Ansatz war mit den biographischen Grundlinien Heinrichs des Löwen zu verknüpfen. Zeit und Person zugleich zu würdigen ist möglich, wenn konsequent gefragt wird: Wie sah es damals aus? Wie haben wir uns das vorzustellen? Die Fragehaltung führt zu einem quasi-journalistischen Zugriff, der unvoreingenommene "neugierige" Blick fällt auf die damalige Alltagswelt. Diese Art des Vorgehens unterscheidet sich von wissenschaftlicher Darstellung in mehrfacher Hinsicht. Wenn dort Detailkenntnis herausgearbeitet wird, so erfaßt diese jeweils nur einen schmalen sachlichen Bereich. "Lebensbilder", wie sie in den vorliegenden Reportagen angeboten werden, können sich nicht auf eng umgrenzte Ausschnitte beschränken, sondern müssen sehr viel umfassendere Lebensbeziehungen in den Blick nehmen. Natürlich kann dort kein Einblick geboten werden, wo die wissenschaftliche Forschung selbst keine Kenntnis anbieten kann oder Kontroversen produziert, die sich sinnvoll nur in ihren gegensätzlichen Positionen beschreiben lassen. Jedoch ist Forschung und Forschungsgeschichte selbst spannend genug, um sie dem interessierten Publikum näherzubringen. Offene Fragen lassen sich als solche kennzeichnen. Sie wirken der Auffassung entgegen, historische Zusammenhänge seien im einzelnen schon bekannt und müßten lediglich ansprechend referiert werden. Zum Verfahren der "historischen Reportage" gehört ebenfalls, die damaligen Zeitgenossen zu Worte kommen zu lassen. Die Berichte der Chronisten beteiligen uns in gewisser Weise am Geschehen selbst, ein sorgfältiges Lesen enthüllt einiges aus dem alltäglichen Leben. Anschauung und Anschaulichkeit entstehen nicht zuletzt durch die Werke der Kunst und Sachkultur jener Zeit, die an unterschiedlichen Orten zu besuchen und zu besichtigen sind. Die Historischen Reportagen sind im Auftrag des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig entstanden. Der Erstabdruck in gekürzter Fassung sollte der Einstimmung auf die Ausstellung "Heinrich der Löwe und seine Zeit" dienen. Die Publikation in der regionalen Tageszeitung hat ein in diesem Umfang unerwartet positives Echo ausgelöst. Leben und Zeit Heinrichs des Löwen fordern auch heute noch zu einer näheren Betrachtung heraus. Mögen wir dabei zugleich uns selbst, unsere Landschaft und Kultur besser verstehen.
Umschlagtext
Es ist die Geschichte von Fürsten und Rittern, der Gründung von Städten, von Slawen und Sachsen, vom Tempelschatz der Ranen, den Grenzkriegen und dem Kleinkrieg im Lande, von Reliquien und neuen Kirchen. Spuren und Zeugnisse finden sich allenthalben in den Stammlanden des Fürsten um die Residenz Braunschweig, in Lüneburg und Lübeck, am Unterlauf der Elbe, vom Mittelgebirge bis zur Ostsee. Die Persönlichkeit des Herzogs, in dessen Auftrag das "teuerste Buch der Welt" entstanden ist, wird auf dem Hintergrund der mittelalterlichen Lebenswelt gewürdigt: Minnelieder, Pilgerreise und Festbankett, Untreue und eine erstaunlich junge Braut.
Entdeckungsreisen in die faszinierende Welt des Hochmittelalters