Zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist sind in diesem Jahr viele Bücher erschienen, u. a. auch einige Biografien. Kleist hätte das sicher gefallen. Nach Meinung maßgeblicher Literaturkritiker ist "Die Biographie" von Günter Blamberger die faszinierendste, weil er Kleists Leben nicht im Praesens historicum, sondern im Präsens geschildert hat, also so wie Kleist es selbst erlebt hat. Die meisten Biographen haben bisher Kleists Geschichte von ihrem traurigen Ende her beschrieben, dem Selbstmord am Wannsee, dort wo sich1811 die finale Katastrophe seiner Lebensgeschichte ereignete. Blamberger hingegen beginnt mit der Geburt und begleitet den Nonkonformisten Kleist über eine Kette von Enttäuschungen auf seinem kurzen Lebensweg.
Es erscheint dem Biografen Blamberger also sinnvoller, "ein Leben nicht von seinem Ende, sondern von seinen Anfängen her zu verstehen, aus den Prägungen der Kindheit." Das Verhältnis Eltern und Kinder ist in aristokratischen Großfamilien lakonisch. So ist auch über Kleists Bildungsgang nicht viel aktenkundiges Material zu finden, dieser war sehr wahrscheinlich ohne "Programm und System", entsprach den alternierenden Interessen eines Autodidakten. Glaubt man den Zeugnissen der Zeitgenossen, dann war Kleist "ein Sonderling und Melancholiker". Um den "Erfahrungshorizont der Kantschen Kindheit" vermutbar zu machen, fokussiert Bamberger in bunter Folge die Kultur Highlights der Jahre 1777 bis 1792.
Der am 10. Oktober 1777 in Frankfurt(Oder) geborene Heinrich von Kleist entstammte einer Familie des pommerschen Adelgeschlechts wendischen Ursprungs. Rückblickend betrachtet war Kleist sicher einer der größten deutschen Schriftsteller die es je gegeben hat. Sein Charakter war ambivalent, er war ein Seelchen und ein Tobender, ein Gerechtigkeitsfanatiker der von Fall zu Fall sehr ungerecht sein konnte, ein Bildungsidealist und ein ungebremster Romantiker, aber er war eben auch ein "Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit".
Geistesgeschichtlich lässt sich Kleist sehr schwer einordnen - einerseits könnte man ihn in den Kreis der romantischen Theorie einordnen, anderseits könnte man Autor und Werk auch in den Kreis der klassischen Dichtung eingliedern, denn in seinen klassischen Dramen adaptierte er häufig mythologische Substanzen, wobei Eigentümlichkeiten, Exzentrizitäten und das gnadenlos Barbarische im Fokus seiner Werke standen. In einem Brief an seine Stiefschwester Ulrike schrieb Kant 1803 "in aristokratischer Manier zu Ruhm und Ehre verpflichtet", sich von der "Mittelstraße" abwendend:" Mein Bestreben ist den Kranz der Unsterblichkeit zusammen zu pflücken." Aber eigentlich tendierte er immer dazu, auch wenn Ruhm und Ehre für ihn als Aristokraten die Hauptvokabeln waren, im Leben das Extreme möglichst zu vermeiden. Er lebte zwar den Idealismus der Aufklärung fort, aber er hat es nie in seinem Leben erreicht in irgendeiner Form die Mittelstraße zu gehen, denn er war im Kern ein purer Extremist.
Sein Leben war immer vom ruhelosen Streben nach dem idealen Glück geprägt. Das sich das in den meisten Fällen als ausgesprochen schimärisch erwies, spiegelt sich eindrucksvoll und vielfältig in seinen Werken wieder, die als Dokumente seines Leidens anzusehen sind. Kleist hat nach einer verbitterten Kindheit - den ungeliebten Militärdienst in der Armee vorzeitig quittiert, weil es für ihn immer zweifelhaft war, "ob er als Mensch oder als Offizier handeln musste"- das Studium der höheren Theologie, der Mathematik, Philosophie und Physik nach drei Semestern abgebrochen und dies mit der "Kant-Krise legitimiert" ,- die standesgemäße Verlobung mit Wilhelmine von Zenge beendet, - den Versuch eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen sehr schnell aufgegeben, - mit journalistischen Projekten Schiffbruch erlitten. Als Dichter ist er von seinen Zeitgenossen nicht verstanden worden, weil er sich im Werk, wie im Leben dem Idealismus entzog und eher von Krisen, Katastrophen und vom Kontrollverlust" angezogen wurde. Blamberger fragt sich, was geschehen wäre, wenn Kleist beim Militär, wo er seine Adoleszenz verbrachte, nicht die Chance zu einer "umfassenden Bildung verwehrt worden wäre?"
Kleist bezeichnete seine zahlreichen Briefe als "Mischmasch von Brief". Sie waren Probestücke für seine spätere Erzählkunst. In den vielen Briefen, die er seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge geschrieben hat, spürt man einerseits seinen Bildungserror, die Diskrepanz zwischen dem der er sein wollte und dem als der er sich empfunden hat, andererseits stellt er in diesen Briefen Fragen, wo er im Inneren seiner Verlobten wühlt und ihr seine Vorstellungen suggeriert, wie ein glückliches Paar auszusehen hat. Er bettelt um ihre Liebe, hat überhaupt keine Lebenserfahrung nur Leseerfahrung und als Experimentenmacher versucht er eine aristokratische Standesehe in eine bürgerliche Neigungspartnerschaft "umzumodeln". Thomas Mann hat über diese Liebesbriefe einmal gesagt es seien die "merkwürdigsten der Welt". Waren es vielleicht auch Briefe aus dem Geist der Zeit? Möglicherweise kann man die These wagen, dass die Geburt des Schriftstellers Kleist aus dem Geist des Briefe schreiben statt gefunden hat, denn er war der originäre Dialogschreiber. Er konnte Dialoge schreiben wie kein anderer. Als Briefschreiber hat er Dialoge geübt, doch es gibt trotzdem einen wahnsinnigen Sprung von diesen Briefen, die keine literarische Werkstatt" sind, zu seinem ersten Werk Die "Familie Schroffenstein" (1803) oder dem späteren "Penthesilea"(1808). In seinem ersten Werk steckt außerdem eine Enttäuschung über sein Urvertrauen und die grimmige Lust, relativ mathematisch, in symmetrischer Beweisführung aufzuzeigen, dass die Welt anders ist als man schlechthin meint.
Im Sommer 1801 ist Kleist mit seiner älteren Stiefschwester Ulrike unterwegs als ein Unfall passiert den die beiden überleben. Ein Glücksfall? Kleist glaubte ans Fatum. Bis zu diesem Zeitpunkt war er unablässig auf Pferden oder in der Postkutsche durch Mitteleuropa, Frankreich die Schweiz gereist. Bislang war jedoch die Bilanz des 23 jährigen mehr als ernüchternd. Keines seiner Projekte hatte sich bisher planmäßig erfüllt, alles war verworrenes Flickwerk geblieben. Er war stets ein Reisender mit festem Reiseplan, aber ein Mensch ohne festen Lebensplan. Er wechselte nach seiner Soldatenzeit ständig die Lebenspläne, wenn die Gelegenheit es erforderlich machte, er setzte auf Zufälle statt auf Vorsehung und vernachlässigte die "Entwicklung seiner Eigentümlichkeit".
Anders wie bei seinem Zeitgenossen Goethe, der mit "Die Leiden des jungen Werther" eigenes Leiden durch Schreiben aufheben konnte gibt das Schreiben dem Dichter Kleist keinen eignen Halt. Seine Werke sind "Dokumente des Leidens", seine Ideen haben keine Gegenwart in Bezug auf seine Zeitgenossen, sie haben ihre Zukunft in der "Moderne". An Hand seiner Werke, der dramatisch kannibalischen Amazonensage "Penthesilea", seinem viel diskutierten Lieblings- und Zentralwerk und des grausamen Realpolitikers "Herrmann" (Befreiungskampf der Germanen gegen die Römer) macht Kleist sehr deutlich das es ihm an moderater Zurückhaltung fehlt. Die "Hermannschlacht" war im Dritten Reich eines der meist gespielten Stücke, deshalb wurde sie auch politisch immer wieder reduzierend gelesen.
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Penthesilea begreift ihren Achill erst, als sie ihn verspeist, sein Herz und Hirn sich wortwörtlich einverleibt, aus Versehen "Küsse und Bisse" miteinander verwechselt. Das sind Momente die Kleist zu einem absoluten Ausnahmeschriftsteller machen. Er zeigt auf, dass eben Mitleid und Eigennutz zusammengehören und also keinen polaren Gegensatz bilden. Er ist kein Moralphilosoph wie die meisten Dichter um 1800, sondern er entlarvt die Menschen, so wie sie sich tatsächlich verhalten. Man muss allerdings seine "Kippfiguren" aushalten, denn sie zeigen schmerzhaft deutlich, dass auch Hochmut und Enttäuschungen zusammengehören.
Auch wenn Kleist scheinbar die Adelskonventionen zugunsten eines bürgerlicher Habitus aufgab, so kommt Blamberger resümierend doch zu dem Schluss, dass sich Kleists Biographie nicht in eine "aristokratische Präexistenz vor 1799 und eine an bürgerlich-idealistischer Ethik orientierte Existenz nach 1799 zweiteilen lässt." Sie verläuft vielmehr in Zyklen der Abkehr und Rückkehr." Kleist weiß in diesen Zeiten nicht mehr, was er will, und will nicht, was er weiß."
Der 21. November 1811 war der Tag an dem sich Heinrich von Kleist mit seiner Sterbensgefährtin Henriette Vogel, am Wannsee erschossen hat. Sie waren nicht lange vorher miteinander befreundet. War es der Akt einer großen Freiheit? War es der Akt einer letzten Verzweiflung oder wie bei Kleist häufig eben beides in einem?
Für einen Biografen wird es auch weiterhin diffizil im Leben von Kleist zu erkennen, was Geheimnis und was Nebel ist, denn Kleist war verschlossen, hat kaum private Aufzeichnungen hinterlassen und seine Literatur außerdem, zur Tarnung des tabuisierten sexuellen Begehrens, zu einer "Festung" ausgebaut.
Nach Blamberger war es ein "Akt der großen Freiheit", in gewisser Weise auch von Verzweiflung geprägt, aber letztendlich doch ein Befreiungsschlag, der von den Zeitgenossen, die in ihm einen Melancholiker sahen, nicht verstanden wurde.
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