Am Anfang klingen die Hymnen an die Nacht noch wie eine Homer-Parodie: "der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, ..., den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen". Dann geht es abwärts: Abwärts wende ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht." Dann wird die Nacht gar personalisiert: "Hast du auch ein Gefallen an uns, dunkle Nacht?" Ich bin mir nicht sicher.
Der erste Teil der Hymnen besteht im Übrigen nicht aus Versen, sondern aus lyrischer Kurzprosa, was das Lesen nicht unbedingt vergnüglicher macht. Der Dichter hat es darin ersichtlich mit der Vergangenheit, fabuliert er doch über das "muntre Licht": "Du lockst mich von der Erinnerung moosigem Denkmal nicht."
Und dann natürlich der Tod. "Etwas Bess'res als den Tod find'st du überall", wussten die Bremer Stadtmusikanten. Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg wusste das noch nicht. Dass das Leben des Dichters aufgrund der diversen Erkrankungen und Erlebnisse streckenweise wohl eine Quälerei gewesen ist, ist unbestritten, aber das befreit ihn nicht von der Verantwortung für seine Verse.
"Welchen Genuss bietet dein Leben, die aufwögen des Todes Entzückungen?"
Man könnte jetzt hier aufhören und sagen "Macht Novalis-Lesungen in Altenheimen, wo diese Lyrik vielleicht Trost spenden könnte, aber so todeszugewandt sind heute kaum mehr die Pflegefälle.
Ich rate von der Lektüre ernsthaft ab, auch wenn den Dichter hier und da noch letzte Zuckungen an Lebenslust anfallen: "Sauge gewaltig, Geliebter, mich an / Dass ich entschlummern / Und lieben kann." Dann geht's aber weiter: "Ich fühle des Todes verjüngende Flut / Zu Balsam und Äther verjünget mein Blut." Gottlob hat die Physik ja enthüllt, dass es keinen Äther gibt.
Übel wird das Werk da, wo sich der Freiherr als Historiker versucht: "Ein alter Riese trug die selige Welt. Fest unter Bergen lagen die Ursöhne der Mutter Erde. Ohnmächtig in ihrer zerstörenden Wuth gegen das neue herrliche Göttergeschlecht und dessen Verwandten, die fröhlichen Menschen." Wo der Mann sowas her hat?
Die "Hymnen" werden auch nicht durch die christliche Fundierung im zweiten Teil gerettet - hier hat erkennbar der pietistische Vater einen wahrnehmbaren Einfluss ausgeübt. Das Problem ist eher, dass nicht die Lebensorientierung des Christentums im Mittelpunkt steht, sondern die vorherige Erlösung durch den Tod.
Und so ist der vielleicht schönste, weil leicht satirisch wirkende Vers dieses Bandes programmatisch: "Zerbrochen war die Woge des Genusses / Am Felsen des unendlichen Verdrusses."
Oder auch der folgende: "Zur Hochzeit ruft der Tod / Die Lampen brennen helle / Die Jungfraun sind zur Stelle / Um Öl herrscht keine Noth." Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Lesen herzhaft lachen musste, aber beim wiederholten Lesen bleibt einem das Lachen doch vor Ärger im Halse stecken.
Bis zu diesem Moment könnte man das ganze bei gutem Willen vielleicht sogar noch als christlich fundamental durchgehen lassen, und einem leidenden Dichter vergönnen, auch alle anderen an seiner Todessehnsucht teilhaben zu lassen.
Aber am Ende wird es dann schlicht zuviel: "O einsam steht / und tief betrübt / wer heiß und fromm / die Vorzeit liebt."
Zu Recht, meines Erachtens. Aber Novalis setzt noch einen drauf: "Die Vorzeit wo noch blütenreich / Uralte Stämme prangten,
Und Kinder für das Himmelreich / Nach Qual und Tod verlangten."
Ich will's mal so sagen: Würde Novalis heute bei Domian anrufen, würde es unter einer halben Stunde Gespräch mit der Psychologin im Hintergrund sicher nicht abgehen.
Fazit: Ich will dem Freiherrn hier nicht mal das lyrische Talent absprechen, seine Lyrik ist stellenweise dicht und auch atmosphärisch, wenn er sich auch nicht ganz vom antiquierten Sprachgebrauch freimachen kann, aber den Inhalt, der da transportiert wird, also das Madigmachen des Lebens, nämlich des "einzigen Luxus hier unten", wie es der ebenfalls lange Jahre erkrankte Georges Brassens formulierte, sollte man beim besten Willen nicht befördern.