Dass die erste umfassende Biografie eines deutschen Historikers über Himmler über kurz oder lang ein Standardwerk zum Reichsführer SS bzw. seiner Organisation werden wird, steht außer Frage. Longerich hat sich auch nicht auf den Lorbeeren früherer Forschunge zur SS ausgeruht, sondern auch noch mal die archivalischen Quellen herangezogen, um ein Porträt des Mannes zu entwerfen, der wohl der maßgebliche Architekt des nationalsozialistischen Terrorapparates war. Für die Zeit bis zur Machtergreifung 1933 gelingt es Longerich gut, die Persönlichkeit Himmlers herauszuarbeiten. Für die Zeit danach verschwimmt die Person Himmler mit seiner Schöpfung, der SS - so schildert es zumindest Longerich. Aus seiner Sicht ist die SS als Organisation sehr stark durch Himmlers politische Einstellungen und theoretische Vorstellungen geprägt gewesen - besonders macht er dies daran fest, wie akribisch Himmler etwa das Familienleben der höheren SS-Führer um ihn überwachte und darin auch eingriff.
Damit vertritt er die Theorie, die SS sei sehr stark auf Himmler persönlich zugeschnitten gewesen. Ohnehin nimmt Longerich eine sehr stark psychologisierende Sichtweise ein, auf die man sich erst einlassen muss bzw. die im Gegensatz zu anderen historischen Perspektiven steht. Dies war von vornherein so eingeplant und umfasst auch einen interessanten methodischen Aspekt des Buches: Longerich diskutierte mit diversen Psychologen über Himmler und arbeitete die Resultate dann in sein Buch ein. Offen bleiben muss, ob Himmler wirklich eine solche Riesenorganisation wie die SS bis in die kleinsten Facetten total kontrollieren und steuern konnte, wie es sich aus dieser psychologischen Sichtweise bisweilen andeutet.
Zum Teil gelingt es Longerich, mit älteren Mythen aufzuräumen. Besonders sticht hervor, dass er die ältere Lehrmeinung, dass Himmler als Schreibtischtäter dem durch ihn hervorgerufenen Terror aus dem Weg ging, widerlegen konnte. Vielmehr zeigt er auf, dass Himmler schon in seiner Jugendzeit recht brutale Ansichten hatte und später z.B. häufig Exekutionen persönlich besuchte.
Was mir etwas zu kurz kommt in der Biografie ist, dass Longerich wenig über das Verhältnis zwischen Hitler und Himmler schreibt - immerhin ist es interessant, dass letzterer eine unumstrittene Machtfülle an sich reißen konnte, ohne jemals wirklich zum engeren Kreis um Hitler gehört zu haben.