Dreiundsechzig Jahre nach dem Selbstmord Heinrich Himmlers liegt nun die erste wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie des "Reichsführers-SS" vor. In zehnjähriger Arbeit hat Peter Longerich, ein in London lehrender deutscher Historiker, unzählige Quellen aus deutschen, amerikanischen, britischen, russischen und israelischen Archiven ausgewertet, darunter auch sämtliche erhaltenen Aufzeichnungen Himmlers. Die Beherrschung der umfangreichen Sekundärliteratur versteht sich bei einem Autor, der bereits mit mehreren soliden Publikationen zum Nationalsozialismus hervorgetreten ist, von selbst. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlich gründlich recherchiertes, sehr materialreiches und flüssig geschriebenes Buch, das jedoch keine größeren Überraschungen enthält und wichtige Fragen offen lässt.
Indem er ausdrücklich versucht, Lebens- und Strukturgeschichte miteinander zu verbinden, zeigt Longerich, dass er sich der Einseitigkeit eines rein biographischen Ansatzes bewusst ist. Komplexe politische Vorgänge ließen sich nicht, so schreibt er, "auf die Psychologie der handelnden Personen" reduzieren (S. 764). Trotz dieser Vorgabe beginnt das Buch ganz konventionell. Auf etwa 150 Seiten werden zunächst in der Manier einer herkömmlichen Lebensbeschreibung die Kindheit und Jugend Himmlers referiert, sowie seine Parteikarriere bis zur "Machtergreifung".
Dabei erweist sich der spätere Reichsführer als vollkommen durchschnittliche Erscheinung. Ein guter Schüler aus behütetem Elternhause - der Vater streng zwar, aber durchaus liebevoll. Von traumatischen Erlebnissen oder schweren Konflikten ist weit und breit nichts zu sehen. "Es finden sich keinerlei Hinweise auf besondere Erziehungsprobleme, auf einen ausgeprägten Hang zur Grausamkeit oder auf eine auffallende Aggressivität ..." (S. 759).
Wenn Himmler persönliche Fehler hatte, so bestanden diese allenfalls in seinem hemmungslosen, in Schwatzhaftigkeit ausartenden Mitteilungsbedürfnis und seiner Neigung sich in das Privatleben anderer Menschen einzumischen. Seltsam übrigens, dass der unsportliche und buchhalterisch wirkende Mann davon geträumt hatte, Berufsoffizier zu werden und sich ein Leben lang als Soldat betrachtete.
Zur NSDAP zog es ihn nicht etwa Hitlers, sondern Ernst Röhms wegen. Eher zufällig wurde Himmler, nachdem er ursprünglich als Propagandist gearbeitet und Hitlers innerparteilichem Rivalen Gregor Strasser nahegestanden hatte, 1929 zum obersten SS-Führer ernannt. Zu diesem Zeitpunkt war die SS eine nur 700 Mann zählende Leibgarde, deren spätere Rolle im Dritten Reich niemand voraussehen konnte.
Die Analyse der sich damals herausbildenden weltanschaulichen Vorstellungen Himmlers zeigt, dass der Antisemitismus für ihn zweitrangig war. Viel mehr beschäftigten ihn die Gefahren, die aus seiner Sicht vom Christentum und von der Homosexualität ausgingen. Hätte Himmler an der Spitze des Dritten Reiches gestanden, wären wohl nicht die Juden, sondern die Kirchen und Homosexuelle die Hauptleidtragenden seiner Herrschaft gewesen.
Mit der "Machtergreifung" beginnt der zweite, etwa 600 Seiten umfassende Teil des Buches, in dem Longerich den biographischen Ansatz weitgehend aufgibt und dazu übergeht, eine allgemeine Geschichte der SS unter besonderer Berücksichtigung der dienstlichen Aktivitäten ihres Führers zu schreiben. Vom Privatleben Himmlers ist nun kaum noch die Rede, und das Verhältnis des "Reichsführers" zu Hitler oder zu seinen Untergebenen Heydrich, Wolff oder Schellenberg scheint Longerich noch weniger zu interessieren, obwohl die autobiographische Literatur in dieser Hinsicht recht ergiebig ist.
Himmlers Aufstieg zum zweitmächtigsten Mann des Dritten Reiches führt Longerich auf drei Faktoren zurück. Zum einen sei es dem SS-Führer gelungen, immer mehr Funktionen an sich zu reißen. War er 1933 neben seinem SS-Amt zunächst nur Chef der politischen Polizei Bayerns geworden, konnte er sich bald auch die politische Polizei der übrigen Länder und schließlich des Reiches unterordnen. 1936 ernannte Hitler ihn zum Chef der gesamten Polizei, 1939 zum Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, im August 1943 zum Innenminister, nach dem 20. Juli 1944 zum Befehlshaber des Ersatzheeres und gegen Kriegsende auch noch zum Oberbefehlshaber zweier Heeresgruppen (erst Oberrhein, dann Weichsel).
Zweitens habe Himmler es verstanden, für den von ihm beherrschten Komplex mehrfach Gesamtkonzeptionen zu entwerfen, die "sowohl ideologisch wie auch machtpolitisch sinnvoll und aufeinander abgestimmt wirkten" (S. 769).
Drittens habe Himmler die besondere Fähigkeit besessen, Hitlers Absichten zu erkennen und in vorauseilendem Gehorsam Schritte zu ihrer Verwirklichung zu unternehmen, noch bevor konkrete Befehle ergangen waren.
Typisch dafür ist seine Rolle bei der Ermordung der sowjetischen Juden. Nachdem die Einsatzgruppen anfangs nur Männer getötet hatten, wurden ab September 1941 auch Frauen und Kinder in die Massaker einbezogen. Die Initiative dazu sei, so stellt Longerich fest, in allen Gebieten von Himmler persönlich ausgegangen. Im festen Vertrauen darauf, dem Willen Hitlers zu entsprechen, habe er "die Entscheidung zur Ermordung von Frauen und Kindern tatsächlich in eigener Verantwortung getroffen ..." (S. 558).
Longerich zufolge verhalfen diese Talente dem "Reichsführer" zu historischem Gewicht. Ohne ihn wäre die spezifische Verbindung von Polizeiapparat, Lagersystem, Siedlungspolitik, Zwangsarbeitsprogrammen und Partisanenbekämpfung ausgeblieben und die nationalsozialistische Politik hätte ihre furchtbare Wirkung "kaum in der gleichen Weise entfalten können" (S. 770). So sei Himmler kein austauschbares "Rädchen im Getriebe" gewesen, sondern eine der zentralen Figuren der jüngeren deutschen Geschichte.
Die Plausibilität, die Longerichs Darstellung dieser Schussfolgerung verleiht, schlägt paradoxerweise in die größte Schwachstelle des Buches um, wirft sie doch umso nachdrücklicher die Frage auf, wie ein biederer Durchnittsmensch millionenfach morden konnte, ohne Schuldgefühle zu empfinden. Wenn weder das familiäre Umfeld noch der Charakter eine Antwort hergeben, wird man sie wohl nur in Himmlers Reden finden können, in denen der "Reichsführer" ja wiederholt zu seinen Verbrechen Stellung nahm.
Zwar hat Longerich diese Quelle umfassend ausgewertet, doch dabei alles getan, um sich die Antwort zu verbauen. Von vornherein macht er deutlich, dass er Himmlers weltanschauliche Überzeugungen nur untersucht, um sie zu "dekonstruieren" (S. 843, Anmerkung 53), was praktisch darauf hinausläuft, den Texten Gewalt anzutun. So will er Himmlers allgegenwärtiges Pochen auf "Anständigkeit" nicht gelten lassen. Dieser Begriff müsse als eine "Chiffre für Doppelmoral" gelesen werden, denn er stehe für "Normen, die in sich widersprüchlich waren. Auf der einen Seite wird die Anständigkeit auch gegenüber Feinden zur Tugend erklärt, auf der anderen Seite als 'Wahnsinn' bezeichnet" (S. 320).
Die unvoreingenommene Lektüre zeigt, dass etwas ganz anderes gemeint ist. "Anständig" war für Himmler eine Haltung, die auch die größten Grausamkeiten zuließ, sofern diese nicht aus Sadismus, sondern aus Pflichtgefühl im Namen einer nationalsozialistischen Sondermoral begangen wurden. Diese Haltung mag verbrecherisch gewesen sein, widersprüchlich war sie nicht. Sie erlaubte es Himmler und zahlreichen Vollstreckern seiner Befehle mit "gutem Gewissen" zu morden.
Der Umstand, dass ein Historiker von Longerichs Format sich nicht dazu durchringen kann, das Selbstbild der nationalsozialistischen Täter zur Kenntnis zu nehmen, zeigt, wie weit wir noch von einem wirklichen Verständnis dieser Zeit entfernt sind.