Mit Heinrich Heine betrat Anfang des 19. Jahrhunderts ein völlig neuer Schriftstellertypus die kulturelle Szene. Ein Schriftsteller, der das Werkzeug der Sprache nicht benutzt, um eine ästhetische Gegenwelt zu kreiren, nicht um die ewigen und ehernen Gesetzt der Kunst und des Menschen erneut zu beschwören und nicht, um dem Humanismus der vergehenden Kunstepoche erneut ein Ständchen zu bringen, sondern der mit seinen Texten und Gedichten direkt in die Wirklichkeit eingreift, versucht Einfluss zu nehmen und herauszufordern. Und dies alles tut er mit Gedichten. Ein unerhörter Vorgang. Heine wird damit als Schriftsteller einer unserer ältesten Zeitgenossen. Er schreibt in der Sprache, die wir heute noch sprechen, in einem direkten, schnörkellosen, ja beinahe kunstlosen Deutsch, welches aber dennoch so poetisch und gefühlvoll ist, dass es bisweilen reinste Poesie zu sein scheint, ehe wieder ein beißender Spott die Oberhand gewinnt. Heine vereinigte von Anbeginn diese beiden Seiten in sich: den poetischen Melancholiker, Romantiker und Epikureer auf der einen Seite und den scharfen, ironischen, eloquent sarkastischen Kritiker auf der anderen Seite.
Auf diese biographische Skizze von Ludwig Marcuse (nicht zu verwechseln mit Herbert) stieß ich zufällig und habe mich gleich festgelesen. Eigentlich handelt es sich um biographische Aufsätze, die über den lebensumspannenden Zeitraum von 1930 bis 1970 entstanden sind. Die Einzigartigkeit dieser Sammlung besteht in dem klaren und tiefen Intellekt des Verfassers sowie in der großartigen stilistischen Meisterschaft Marcuses. Marcuse zu lesen ist ein Genuss. Ja, mir scheint gar, als gehöre er mit zu den großen essayistischen Stilisten der deutschen Sprache.
Die hier präsentierten Aufsätze umfassen die Kindheit in Düsseldorf, die Studienjahre in Bonn und Göttingen - immer in aufschlussreicher Engführung zu der politischen Situation im nachnapoleonischen Deutschland. Die shooting-star Zeit des jungen Poeten in Berlin, dann die komplizierten Verhältnisse des exiliierten Heine in Paris, die Abgrenzung und Nähe zum mittlerweile verstorbenen Goethe, mit dem er häufig ungerechterweise verglichen wird, das Verhältnis zu Marx und Börne, schließlich seine Ehe mit der Französin Mathilde und ein Kapitel zum unendlich langen Leiden in der Matratzengruft zu Paris. Ein abschließendes Kapitel zur Geschichte eines deutschen Heine-Denkmals.
Marcuses Darstellungen sind so klug und vielschichtig, dass man um dieses Buch nicht herumkommt, will man etwas Anspruchsvolles zu Heine lesen. Und obendrein ist es sprachlich noch ein Hochgenuss.
Thomas Reuter