Kerstin Deckers Heine-Biografie ist in Fachkreisen recht kritisch aufgenommen worden. In erster Linie liegt das wohl an ihrer etwas lockeren, mitunter sogar flapsigen Art zu schreiben. Dieser Stil erklärt sich vielleicht aus dem Umstand, dass sie auch als Journalistin arbeitet. Möglicherweise ist es auch ein Versuch, den immer wieder als "witzig" oder "frech" titulierten Heine mit seinen eigenen Stilmitteln darzustellen.
Jedenfalls wird uns der Klassiker hier weniger auf einem hohen Podest als in den Niederungen seines Alltags präsentiert. Immer wieder versucht Decker, uns die Beweggründe für sein Schreiben und Handeln im Licht einer Alltagspsychologie plausibel zu machen. Sicher kann sie ihm nicht wirklich in den Kopf schauen, aber sie fabuliert sich auch nicht einfach etwas zusammen: ihre Schilderung ist immer wieder mit Zitaten aus Heines Schriften und Berichten der Zeitgenossen unterfüttert. Als promovierte Philosophin ist sie durchaus in der Lage, theoretische Fragestellungen zu durchdringen. Auch wenn ihre Darstellung oft verkürzt wirkt, gibt es hin und wieder Passagen, wo sie seriös und fundiert Stellung bezieht, beispielsweise was die Unterschiede zwischen Heine und Marx angeht. Hier liegt für viele vielleicht ein weiterer Stein des Anstoßes, denn Decker deutet Heine letztlich als jemand, der revolutionären Tendenzen und Massenbewegungen skeptisch gegenübersteht, als einen Denker und Dichter, der gern auch aristokratische Neigungen pflegt, die Position "l'art pour l'art" vertritt und sich in letzter Konsequenz nur sich selbst verpflichtet fühlt.
Dieses Buch bereichert gewiss die vorliegende Heine-Literatur um eine etwas schillernde Facette - wer sich ein umfassendes Bild des immer wieder umstrittenen Schriftstellers machen möchte, sollte sich allerdings nicht allein auf ihre Darstellung verlassen.