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Jan-Christoph Hauschild, Germanist, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heine-Institut in Düsseldorf und freier Autor, hat sich der Fleißarbeit ergeben, gesammelt und geordnet, recherchiert und interviewt, um am Ende schließlich doch keine eigene Interpretation vom "Genie" Müller zu liefern. Er hangelt sich von Stück zu Stück, von Text zu Text, unterstützt von zahlreichen Zitaten und schafft es doch nicht zum Innersten, zum Gesamtbild des Dichters, vorzustoßen.
Trotzdem -- vergnüglich ist sie zu lesen, diese Biografie. Man stößt auf Neues, auf Überraschendes, lernt Herkunft und Werdegang genauer kennen, kann sich auf Interpretationslinien einlassen und erfährt mehr über die verwickelten Aufführungsgeschichten. Und kommt dem Menschen Müller in seinem Arbeitstrieb, in seinem Chaos und in seiner Beziehung zu Frauen näher. Und doch, was uns Müller nicht erklären wollte, erklärt uns auch Hauschild nicht. Und so bleibt es jedem Leser selbst überlassen, sich weiterhin sein eigenes Bild aus dem überreich vorhandenen Material zusammenzusetzen und offen stehende Fragen allein zu klären. --graenitz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Jan-Christoph Hauschilds Heiner-Müller-Biographie
War Heiner Müller der grösste deutsche Dramatiker des 20. Jahrhunderts nach Brecht? Daran stimmt vor allem das Epitheton: deutsch. Die «gotische Linie», das Zerrissene, Tragische, Schreckliche, die Kontinuität des Terrors, der Verrat, die Nacht der langen Messer das sind die Motive, die diesen Autor fasziniert haben. Das Deutsche daran ist die Tendenz, jedes geschichtliche Detail unerbittlich mit negativer Bedeutung aufzuladen. Auch an seinem bis zuletzt bewunderten Lehrmeister Brecht imponierte Müller nicht der Optimismus des Aufklärers, sondern die tragische Komponente der Lehrstücke, wie sie sich beispielhaft im rigiden Manichäismus der «Massnahme» findet.
Müller und die DDR diese Liaison konnte nicht gut gehen, und dass sie trotzdem gut ging, ist eine der rätselhaften Fügungen, die das Leben gelegentlich bereithält. Die vierzig Jahre der DDR fallen zwischen das 20. und 60. Lebensjahr des 1929 geborenen Autors, in die aktiven Jahre also, und Müller der deutsche Müller ist von Anfang bis Ende dabei. 1951 gehen seine sozialdemokratischen Eltern (der Vater war Bürgermeister in einer sächsischen Kleinstadt) in den Westen, und Müller entschliesst sich, zu bleiben. Am 4. November 1989, auf der grossen Demo am Alexanderplatz, fünf Tage vor dem Mauerfall, als die Menge braust und skandiert und sich empört, ist Müller bemerkenswert kleinlaut. Griff hier wieder einmal «das Prinzip Zweifel», das Jan-Christoph Hauschild in den Untertitel seiner vorzüglich recherchierten Biographie erhebt, Zweifel am Furor der Systemzerstörung und an der Perspektive des Neuen, oder ging an diesem Tag eine veritable Liebesgeschichte zu Ende: Müller und die DDR?
Eiszeit und Kommune
Zweifel sind in jedem Fall angebracht: an Müllers aufrichtiger Liebe zur DDR und ihrem verknöcherten Regime, aber auch an seiner vorrangigen Neigung zur Skepsis. Denn die Haltung der Nachdenklichkeit schliesst einen gewissen Vorbehalt gegen die eigenen Positionen und vermeintlichen Gewissheiten ein, und dies war Müllers Sache durchaus nicht. Seine Texte trumpfen auf, sie sind sich in einem oft nur schwer erträglichen Mass ihrer Männlichkeit bewusst, und ihr eigentlicher Impuls ist die Zerstörung jeder Hoffnung also auch derjenigen auf das versprochene Paradies auf Erden. An den «Ponton zwischen Eiszeit und Kommune», wie es in einem der frühen Produktionsstücke heisst, hat Müller im Ernst schon lange nicht mehr geglaubt. Im «Lohndrücker», in der «Umsiedlerin» und im «Bau» hat der Dramatiker zu ihrer Zeit war er noch ein solcher brav die Widersprüche zwischen den Ansprüchen der Norm und den Bedürfnissen des Individuums abgearbeitet, den klassischen Konflikt der DDR also; und da es in den Augen der Oberen keine Konflikte geben durfte, ist er damit angeeckt: 1961 erfolgte der Ausschluss aus dem Schriftstellerverband (erst 1988, ein Jahr vor dem Ende, die Wiederaufnahme).
Im Grunde aber hat er, wie er später einmal sagte, im 17. Juni 1953 bereits den definitiven «Drehpunkt in der DDR-Geschichte» gesehen, «die letzte Chance für eine andere DDR». Sie wurde bekanntlich vertan, und seitdem hielt Müller sich nicht in einem Staat auf, sondern nach einer berühmten Formel «in einem Material». Er brauchte zum Schreiben den doppelten Widerstand: einerseits einer Utopie, wenngleich auch klar war, dass sie sich nie würde realisieren lassen, andererseits eines rigiden Kulturregimes, das mit Schreib- und Aufführungsverboten, mit Ausschluss und womit auch immer drohte, um den aufmüpfigen Schriftsteller zu massregeln; es waren «keine guten Gegner», hielt er fest, «aber eine gute Gegnerschaft». In dieser doppelten Zwangslage, dem Ungenügen am Bestehenden in jeder Hinsicht, fühlte Müller sich paradoxerweise wohl, weil sie dem Zwangscharakter der eigenen Texte genau entsprach.
In ihnen ist der Einzelne immer Opfer, und es geht auch nicht um ein Entkommen, sondern um die Fixierung und Pathetisierung dieses Zustands. «Ich bin aufgewachsen als Neger», hat er einmal zu Protokoll gegeben: weil nämlich in seiner Familie, anders als in denen der Kameraden, kein nachmittägliches Kaffeetrinken üblich war. Diese Tendenz zur masslosen Übertreibung die ihn mit dem sonst ganz anders verfassten Thomas Bernhard verbindet ist der Keim für alles, was Müller geschrieben hat. Sie begründet letztlich auch seinen immensen Erfolg. Den Pathosformeln der DDR-Oberen, die er natürlich als hohl durchschaute, hielt Müller stets seine eigenen Pathosformeln entgegen die er freilich blutig ernst nahm. Hauschild überliefert aus Müllers früher Zeit als Literaturkritiker folgenden Dialog: «Müller, Sie müssen wissenschaftlicher schreiben», ermahnt ihn ein Funktionär. Müller: «Meinen Sie mehr Phrasen?» Der Funktionär: «Ja.» Dem Jungautor, der hier kein Blatt vor den Mund nimmt, eignet die seltene Gabe, die Anmutungen seiner Chefs ironisch zu kontern, ihnen aber zugleich sublim zu entsprechen: Mit dieser Doppelstrategie Spott und Mimikry gelingt es ihm tatsächlich, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, wenn auch am Ende nur noch mit einem fest verwurzelten Bein.
Albtraum-Experte
Denn in den achtziger Jahren liegt Müllers faktischer Lebensmittelpunkt in diversen Westberliner Kneipen rund um den Savignyplatz, während er nach wie vor offizieller Staatsbürger der DDR bleibt. Er ist auf dem Höhepunkt seines Ruhms, gefragt als gesamtdeutscher Albtraum-Experte, unverkennbar mit seiner grossen Hornbrille, den zusammengekniffenen Lippen, dem fliehenden Haar, habituell ausgestattet mit Whisky und Zigarre. Heiner Müller war ein zarter Knabe gewesen, und wie viele seinesgleichen braucht er den rauen Panzer des Supermachos, um den Damen gleichwohl zu imponieren. Adorno schreibt, dass «jedem Glas Whisky, jedem Zug an der Zigarre der Widerwille noch sich nachfühlen (lasse), den es den Organismus gekostet hat, auf so kräftige Reize anzusprechen, und das allein wird als die Lust registriert.»
Der Schriftsteller Heiner Müller ist, wie Hauschild schreibt, «kein Autor des Entfaltens und Entwickelns»; seine Sache ist Kondensation und Kompilation. Er verarbeitet Vorlagen von Anna Seghers, Erik Neutsch und anderen Grössen der DDR- und Sowjetliteratur; bringt es aber auch mühelos fertig, einen grossartigen Roman, den er zugegebenermassen nie gelesen hat de Laclos' «Gefährliche Liebschaften» , zu einer Art «Charleys Tante» für Aufgeklärte zu komprimieren: Das Zweipersonenstück «Quartett» (1980/ 81) ist, vor allem auf BRD-Bühnen, ein immenser Erfolg. Früh hat Müller wohl geahnt, dass «sexy» sein muss, was ankommen will, aber auch die Sinnlichkeit entbehrt bei ihm nie der Gewalt. Die anderen beiden bedeutenden Sachsen, Nietzsche und Karl May, haben sein Weltbild kräftig mitgeprägt: Der «Marterpfahl» spielt eine zentrale Rolle, die Unausweichlichkeit des Leidens. Auch Erich Honecker hat gern Indianerbücher gelesen, aber Müllers skripturale Kriegsbemalungen gingen ihm denn doch entschieden zu weit.
Der sterile Geschichtsoptimismus der DDR-Oberen und Müllers verkommene Utopie: Ihre Synthese war bestenfalls ein bilaterales Missverständnis. Es ging lange Zeit nicht darum, dieses Missverständnis für die DDR-Bühnen produktiv zu machen; doch die Devisen und den publizistischen Flankenschutz konnte das Regime gebrauchen. Der Wippeneffekt, der sich einstellte je mehr die DDR ihn abstiess, desto beliebter wurde Müller auf Westbühnen, auch auf ausländischen , sah aus wie inszeniert; zu dem Spiel gehörte, dass der Autor sich von westlichen Medien grundsätzlich nicht «vereinnahmen» liess, auch nicht 1976 nach der Ausbürgerung des renitenten Liedermachers Wolf Biermann, die zu einem Exodus der Intellektuellen führte und das geistige Klima vollends gefrieren liess. 1987 war Müller mit etwa 300 Aufführungen der meistgespielte deutsche Theaterautor (und jetzt endlich auch in der DDR «angekommen»).
Die Biographie des 1955 geborenen Germanisten Hauschild ist frei von Parteinahmen und weitgehend auch von vorgreifenden Wertungen; sie stellt in einer unprätentiösen Sprache das Material zur Verfügung, anhand dessen der Leser sich sein eigenes Urteil bilden darf. Nach allem, was man weiss oder nun von Hauschild erfährt, war der am 30. Dezember 1995 an Krebs gestorbene Schriftsteller Heiner Müller ein liebenswerter Mensch, «von chinesischer Höflichkeit», äusserst charmant, ein ausgesprochener Homme à femmes. Die notorische Kälte seiner Texte war nicht zuletzt eine Imprägnierung gegen Gefühle, die er nicht zeigen konnte oder wollte.
Es ging um das eiserne Fixiertsein auf jenen «Blutstrom», von dem Müller selbst einmal sagte, dass er sich durch seine Collagen ziehe und auch das scheinbar Disparate miteinander verbinde. Es ging um den Schmerz, den ein Indianer und ein Macho niemals offen zeigen; um die starken Reize, die man mittels Whisky und Zigarre sogar in Lust verwandeln kann. Es ging darum, wie zarte Knaben anderen ihr Lieblingsspielzeug kaputtmachen, und auch darum, dass sie nur ganz selten einmal zugeben dürfen, wie sehr sie selber Kinder sind.
Martin Krumbholz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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